DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der BAYERISCHEN STAATSZEITUNG vom 11. Juni 2004


Kultusminister und die Kommissare für Rechtschreibung

Josef   K r a u s   schreibt in seinem Leitartikel:


Die Kultusministerkonferenz (KMK) steht in schlechtem Ruf: Wegen ihrer an eine Schildkröte erinnernden Dynamik sei sie das überflüssigste Gremium, heißt es. Dennoch verkündete sie jetzt: “Die KMK hat dem 4. Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung zugestimmt und sich für einen ‚Rat für deutsche Rechtschreibung’ ausgesprochen.“ Konkret heißt das: Die Rechtschreibreform tritt zum 1. August 2005 endgültig in Kraft: Schüler und Amtspersonen dürfen dann nicht mehr so schreiben, wie es in Milliarden von Büchern steht und wie es Thomas Mann, Günter Grass oder Martin Walser taten bzw. tun.

Widerwillig bewegt haben sich KMK und Kommission in der Getrennt- und Zusammenschreibung; hier schlägt man „Varianten“ vor. Statt „allein stehend“ und „Rat suchend“ sollen „alleinstehend“ und „ratsuchend“ wieder möglich sein. Damit halten rund dreitausend weitere Schreibungen Einzug ins Regelwerk. Mehr noch: Vereinzelt soll eine meta-reformierte Schreibung gelten. Symptomatisch hierfür ist die Sache mit „Leid/leid“. Früher schrieb man: „Die KMK könnte jedem leid tun.“ Seit 1998 schreibt man: „Die KMK könnte jedem Leid tun.“ Erstere Schreibung soll nun gar nicht mehr gelten, dafür zusätzlich die zusammengeschriebene: „Die KMK könnte jedem leidtun.“

Das Mitleid mit der KMK dürfte sich in Grenzen halten. Man erinnere sich: Schon 1987 hatte die KMK einen Reformauftrag erteilt, 1993 gab es eine Anhörung. Möglich geworden wäre damals: „im bot bot sie im das du an.“ So weit kam es nicht. Am 1. Juli 1996 aber wurde in Wien die Vereinbarung zur Reform unterzeichnet. Aus 112 Regeln wurden mehr als tausend Bestimmungen, Listen usw. Ab 1998 war dieses Konvolut für Schulen und Ämter verbindlich. Für eine Übergangsfrist bis 2005 sollten alte und neue Schreibung gelten.

Die KMK bekommt die Sache aber nicht in den Griff. Die Kritik namhafter Schriftsteller sowie Sprach- und Rechtswissenschaftler, den Appell von neun deutschen Akademien der Wissenschaften und der Künste und die Kritik des Goethe-Instituts hat man in den Wind geschlagen. Zudem hätte man wissen können, daß die Zahl der Schreibfehler seit 1998 größer geworden ist: Man hätte nur tausend Schüleraufsätze der Zeit vor 1998 mit tausend Aufsätzen des Jahres 2003 fehlertypologisch auszuzählen brauchen.

Wie geht es weiter? Schüler haben zunehmend das diffuse Gefühl, daß man etwas "so oder auch anders" schreiben darf. Im übrigen verbessern viele Lehrer eigentlich nur noch die s/ss/ß-Schreibung. Ähnlich verhalten sich die zur neuen Schreibung verpflichteten amtlichen Schreiber; alles andere durchschaut ohnehin kaum einer.

Auf der KMK ruhen keine Hoffnungen mehr; sie hat sich von ihren „Experten“ an der Nase herumführen lassen. Statt ein Moratorium einzuschalten, faßt sie den Plan, den „Rat für deutsche Rechtschreibung“ Ende 2004 so besetzen zu wollen, daß er sich durch ein „hohes Maß an Pluralität“ auszeichnet. Proporz also statt Sach- und Fachkunde!

Die Hoffnungen ruhen auf dem Markt. Wenn noch eine große Zeitung der „Frankfurter Allgemeinen“ und deren Rückkehr zur bewährten Schreibung folgt, dann dürfte der Reform der Garaus gemacht sein. Sodann ruhen die Hoffnungen auf den Lehrern. Sie werden keinen Schüler durchfallen lassen, bloß weil er das Reformchaos nicht durchschaut. Aber sie werden hoffentlich die Varianten unterrichten, die grammatisch und semantisch richtig sind.

Den Reformern aber sei gesagt: Eine Nation, die solche Minister und solche Experten hat, braucht keinen PISA-Test mehr!

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