DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

  Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 23. Mai 2002

ERFURT / Viele Provokationen

Jetzt wird Schule und Lehrern auch die Verantwortung für Gewalttaten zugeschoben.

In die Trauer mischt sich Wut

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Das öffentliche Interesse an "Erfurt" ist leiser geworden. Die TV-Talks haben mehr oder weniger erschöpfend diskutiert und die Politiker ihre Forderungen erhoben. Ein Spendenaufruf zugunsten der materiellen Versorgung und der psychotherapeutischen Behandlung der Hinterbliebenen fand in der Öffentlichkeit wenig Beachtung. Was bleibt, das sind die Trauer und das Trauma bei den im nächsten Umfeld Betroffenen. Ansonsten verdichtet sich die Gewissheit, dass nichts und niemand ein weiteres „Meißen“, „Freising“ oder „Erfurt“ wird verhindern können. Und zumal unter Deutschlands 700.000 Lehrern keimt Wut auf ob der Art, wie dieser Massenmord bisher rezipiert, interpretiert und instrumentalisiert wird. 

„Experten“ fühlen sich als große Kausalanalytiker und verbreiten sich über die „struktureller Gewalt des Schulsystems“. Schülerfunktionäre geben den altklugen Jung-68er und behaupten, dass „repressive deutsche Schulpädagogik“ vor allem Verlierer hinterlasse und damit Aggression erzeuge. Ein Erziehungswissenschaftler ist sich sicher, dass so etwas wie „Erfurt“ nur in Bundesländern mit Zentralabitur vorkommen könne. Ein anderer, ein "Bildungsforscher", kennt als Grund für solch barbarische Gewalt, dass dieses Schulsystem die jungen Leute demütige.

Sogar angesehene Zeitungen und Magazine drucken Leserbriefe ab, in denen die Morde an den zwölf Erfurter Lehrern explizit als die logische Konsequenz des angeblichen Desinteresses der Lehrer an ihren Schülern dargestellt werden. Ein bekanntes Magazin lässt einen Leserbriefschreiber zu Wort kommen, der die Morde als "symbolischen Tyrannenmord", also als einen offenbar legitimen Mord, abtut. In den "Chatrooms" finden sich Szenesprüche wie: Nur ein toter Pauker ist ein guter Pauker. Und nicht wenige Schüler reagieren auf eine nicht so gute Schulnote mit der Frage an den Lehrer: "Haben Sie sich diese Note gut überlegt, oder haben Sie eine kugelsichere West an?"

So einfach ist das: Die Lehrer sind die Täter, und die Schüler sind die Opfer. Dass Täter und Opfer vertauscht werden, müsste eigentlich nicht nur die Lehrer erschrecken. Der Massenmord wird, so kann es scheinen, bildungsideologisch missbraucht: gegen das schulische Leistungsprinzip und für eine Abitur-Vollkaskomentalität. Ein hochkarätiger Kriminologe verteilt Sedativa und glaubt zu wissen, dass die Gewaltrate in Deutschlands Schulen seit 1998 rückläufig sei. Er hat vergessen zu sagen, dass es in Deutschlands Schulen bis 1999 keine, seitdem 19 Morde gab.

Die Verbitterung unter den Lehrern ist groß. Erinnerungen werden wach an Sprüche, die zum Teil bis wenige Tage vor dem 26. April nicht nur an Stammtischen Verbreitung fanden: Sprüche von den „faulen Säcken“; von denen, "die eine ganze Woche gerade mal so viel arbeiten, wie man selbst bereits am Dienstag erledigt hat“; vom verhassten Parteifreund, mit dem man nicht habe reden können, weil er „kein Mensch war, sondern ein Lehrer“.

Nicht minder kopfschüttelnd reagiert die Lehrerschaft darauf, dass wichtige Fakten im Zusammenhang mit „Erfurt“ schlicht verdrängt werden, zum Beispiel dass Robert S. zuvor nicht durch das Abitur gefallen war, dass das Schulamt Erfurt ihn wiederholt zum Beratungsgespräch gebeten hatte und dass er – außerhalb des Gutenberg-Gymnasiums - an jedem anderen Gymnasium in Thüringen das Abitur hätte machen können. Er wollte es nicht. Jetzt wird die Schule auch dafür verantwortlich gemacht.

„Erfurt“ - das wird nicht dazu beitragen, dass sich der dringend benötigte Nachwuchs im Lehrerberuf einstellt. Damit könnte „Erfurt“ – jenseits von PISA - zu einem ernsten Problem für den Bildungsstandort Deutschland werden. Maßgeblich dafür dürfte sein, dass diese Gesellschaft von der Schule Wirkungen erwartet, die sie im Grunde – siehe reale und mediale Vorbilder – gar nicht will.

Wenn die Morde dennoch etwas "Gutes" nach sich zogen, dann - welch schwacher Trost! - dies: Die auch zwischen den Lehrern West und den Lehrern Ost vorhandene Mauer ist zumindest um einiges niedriger geworden, wenn nicht gar verschwunden.


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