DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 
Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 7. Dezember 2006

FÜNF JAHRE PISA Die Schulstudie hat eine nachhaltige Bildungsdebatte angestoßen.
Vom heilsamen Schock bis zur Hysterie reichen die Reaktionen

Aufräumen nach dem großen Frust

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Nie zuvor hat eine Schulstudie die deutsche Bildungspolitik so nachhaltig beschäftige wie das "Programme for International Student Assessment" (PISA). Als am 
5. Dezember 2001 die Ergebnisse der ersten Testrunde veröffentlicht wurden, wirkte Deutschland wie geschockt. Auch heute ist die Debatte noch überhitzt. jährte sich die Veröffentlichung der ersten PISA-Studie zum fünften Mal. Deutschland wirkte damals wie geschockt, und auch heute ist die PISA-Debatte noch überhitzt. Ende 2001 aber überschlugen sich die Schlagzeilen:  „Ohrfeige für deutsche Schulen“, „Note Sechs für Deutschlands Schüler“. Der Fachbuchmarkt und das Internet standen nicht nach. An die zehntausend Seiten macht mittlerweile allein die mehr oder weniger amtliche deutsche PISA-Literatur aus, und im Internet findet man unter dem Stichwort "Pisa"  Millionen Webseiten.

Mit PISA assoziieren Deutsche kaum noch die Stadt in der Toskana; es ist vielmehr Chiffre für eine tatsächliche oder vermeintliche bildungspolitische Schieflage . In anderen Ländern spielt der Text gar keine Rolle. Das offizielle "Bildungsdeutschland" schaut mit kaum verhohlener Freude auf seine "schlechten"  PISA-Rangplätze. Ob das nur Selbstverleugnung oder schon marternde Autoaggression ist, ob es sich hierbei um ein hyperkinetisches Syndrom (HKS) oder um eine pseudoreligiös ritualisierte Zwangsneurose handelt, mögen Tiefenpsychologen klären. Hysterisch aber waren die Reaktionen allemal.

Anlass dafür, dass es zu einer Inflation an Deutungen kam, war die Tatsache, dass Deutschland beim PISA-Test 2000 nur im mittleren bis hinteren Mittelfeld gelandet war - bei PISA 2003 stehen wir exakt im Mittelfeld. Angesichts der Schulpolitik, die Deutschland drei Jahrzehnte lang in bestimmten Bundesländern erlebt hatte, konnte dieses Ergebnis allerdings nicht überraschen. Und weil Daten zum innerdeutschen Leistungsgefälle noch bis in den Sommer 2002 auf sich warten ließen, war im Dezember 2001 tiefste Depression angesagt; es stand ja noch nicht in den Tabellen, dass es (süddeutsche) Länder gab, die im internationalen Rankling sehr wohl konkurrenzfähig sind. Also überschlugen sich die Auslegungen vor allem vonseiten derjenigen, die die zurückliegenden Deformationen zu verantworten haben, und nun hinausposaunten, Deutschland habe deshalb so schlecht abgeschnitten, weil es Schüler nach Schulformen „sortiere“.

Die Interpretationen und die Besserungskonzepte vernebelten aber, dass man alles hätte wissen können, wenn man denn die Wahrheit hätte wissen wollen. Noch  im August 1999 ließen SPD-Zirkel und nahestehende Gewerkschaftskreise nichts unversucht, um die für das Frühjahr 2000 geplante PISA-Testung zu verhindern. Zu schmerzlich war noch in Erinnerung, dass die deutschen Gesamtschulen und die gesamtschulfreundlichen Bundesländer in früheren Leistungstests regelmäßig schlecht abgeschnitten hatten.

Trotzdem ist es den damaligen PISA-Gegnern gelungen, die Studie für die eigene Ideologie zu instrumentalisieren. Bis heute wird die öffentliche Debatte jedenfalls von einem Kartell geprägt, das die Gesamtschule, die jetzt Gemeinschaftsschule heißen soll, forciert. Dazu gehört neben SPD, Grünen, PDS, Gewerkschaften, einem großen Teil der sogenannten Erziehungswissenschaftler und einer führenden Nachrichtenagentur auch ein Büro für bildungsstatistische Planwirtschaft in Paris, die OECD.

Ein differenzierter Blick scheint in diesen Kreisen kaum noch möglich. In der Folge wurden Legenden in die Welt gesetzt, die mit den PISA-Daten  in keiner Weise begründbar sind. Etwa: Finnland sei bei PISA so gut, weil es eine Gesamtschule habe; die Integration von Migranten gelinge in Deutschland nicht; Privatschulen schnitten hervorragend ab; Ganztagsschulen seien besser als Halbtagsschulen; Schulen mit üppiger Computerausstattung seien überlegen; die beste deutsche PISA-Schule sei eine Gesamtschule in Wiesbaden.

Aber: Auch die internationalen PISA-Schlusslichter haben Gesamtschulsysteme; Deutschland hat allein schon sprachlich schwieriger zu integrierende Migranten, als sie die typischen Einwanderungsländer haben; der PISA-„Sieger“ Finnland hat höchstens ein Zehntel der Migrantenquote Deutschlands; das deutsche Gymnasium ist die erfolgreichste Schulform der Welt; Deutschland schloss beim PISA-Test 2003 immerhin zu angeblich so renommierten Bildungsländern wie Schweden auf; keine der sogenannten. Reformschulen erreichte auch nur annähernd das Ergebnis eines Gymnasiums; manche Privatschulen erzielten gerade mal das Ergebnis bayerischer Hauptschulen; bayerische Hauptschüler schnitten so gut ab wie die Realschüler in fünf nördlichen Bundesländern; je höher innerdeutsch die Abiturientenquote ist, desto niedriger ist die PISA-Leistung.

Was hat PISA bewirkt? Nun, Bundesregierung und Landesschulminister haben eine Reihe an Maßnahmen auf den Weg gebracht. Darunter sind Placebo-Akte, die vielleicht gesellschaftspolitisch ihren Sinn haben, die aber - wie das Ganztagsschulprogramm - zukünftige PISA-Ergebnisse kaum beeinflussen werden. Wichtig freilich war, dass es überfällige Diskussionsimpulse gab, die man vor PISA aus Gründen der Political Correctness nicht aufgegriffen hatte, insbesondere das Problem der oft selbst gewählten Bildungsferne vieler Migrantenfamilien. In der Folge wurden Sprachtests verbindlich gemacht, die ein Kind bestehen muss, ehe es eingeschult wird.

Auch sonst ist einiges vorwärts gegangen: Für Grundschulen und weiterführende Schulen gibt es nun Bildungsstandards. Die meisten Länder haben Jahrgangsstufentests etabliert, mehrere haben zentrale Abschlussprüfungen zum Erwerb der Mittleren Reife bzw. des Abiturs eingeführt. Unterrichtsmethodisch geht der Trend in Richtung einer neuen Prüfungskultur mit komplexeren Aufgabenstellungen.

Was bleibt als Hoffnung?

Das Messbare und das Eigentliche an Bildung sind zwei Paar Stiefel. Zu Bildung und Persönlichkeitsentwicklung gehören Literatur, Fremdsprachen, die Vermittlung individueller und kollektiver Identität, Orientierungswissen, das Fach Geschichte, politische Bildung, ferner ein aus Orchester, Schultheater, Kleinkunst, internationalem Austausch und vielem mehr bestehendes lebendiges Schulleben.



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