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Aus dem
RHEINISCHEN MERKUR vom 7. Dezember 2006
FÜNF JAHRE PISA Die Schulstudie hat eine nachhaltige Bildungsdebatte angestoßen.
Vom heilsamen Schock bis zur Hysterie reichen die Reaktionen
Aufräumen nach dem großen Frust
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Mit PISA assoziieren Deutsche kaum noch die Stadt in der Toskana; es ist vielmehr Chiffre für eine tatsächliche oder vermeintliche bildungspolitische Schieflage . In anderen Ländern spielt der Text gar keine Rolle. Das offizielle "Bildungsdeutschland" schaut mit kaum verhohlener Freude auf seine "schlechten" PISA-Rangplätze. Ob das nur Selbstverleugnung oder schon marternde Autoaggression ist, ob es sich hierbei um ein hyperkinetisches Syndrom (HKS) oder um eine pseudoreligiös ritualisierte Zwangsneurose handelt, mögen Tiefenpsychologen klären. Hysterisch aber waren die Reaktionen allemal.
Anlass
dafür, dass es zu einer Inflation an
Deutungen kam, war die Tatsache, dass Deutschland beim PISA-Test 2000
nur im
mittleren bis hinteren Mittelfeld gelandet war - bei PISA 2003 stehen
wir exakt im Mittelfeld. Angesichts der Schulpolitik, die Deutschland
drei
Jahrzehnte lang in bestimmten Bundesländern erlebt hatte, konnte
dieses
Ergebnis allerdings nicht überraschen. Und weil Daten zum
innerdeutschen Leistungsgefälle noch bis in den Sommer
2002 auf sich warten ließen, war im Dezember 2001 tiefste
Depression
angesagt; es stand ja noch nicht in den Tabellen, dass
es (süddeutsche) Länder gab, die im internationalen Rankling
sehr wohl konkurrenzfähig sind. Also
überschlugen sich die Auslegungen vor allem vonseiten derjenigen,
die die
zurückliegenden Deformationen zu verantworten haben, und nun
hinausposaunten, Deutschland habe deshalb so schlecht abgeschnitten,
weil es
Schüler nach Schulformen „sortiere“.
Die Interpretationen und die Besserungskonzepte vernebelten aber, dass
man alles hätte wissen können, wenn man denn die Wahrheit hätte wissen wollen.
Noch im August 1999 ließen SPD-Zirkel und
nahestehende Gewerkschaftskreise nichts unversucht, um die für das Frühjahr
2000 geplante PISA-Testung zu verhindern. Zu schmerzlich war noch in
Erinnerung, dass die deutschen Gesamtschulen und die gesamtschulfreundlichen
Bundesländer in früheren Leistungstests regelmäßig schlecht abgeschnitten hatten.
Trotzdem ist es den damaligen
PISA-Gegnern gelungen, die Studie für die eigene Ideologie zu
instrumentalisieren. Bis heute wird die öffentliche Debatte jedenfalls von
einem Kartell geprägt, das die Gesamtschule, die jetzt Gemeinschaftsschule
heißen soll, forciert. Dazu gehört neben SPD, Grünen, PDS,
Gewerkschaften, einem großen Teil der sogenannten Erziehungswissenschaftler und
einer führenden Nachrichtenagentur auch ein Büro für bildungsstatistische
Planwirtschaft in Paris, die OECD.
Ein
differenzierter Blick
scheint in diesen Kreisen kaum noch möglich. In der Folge wurden
Legenden in
die Welt gesetzt, die mit den PISA-Daten in keiner Weise
begründbar sind. Etwa: Finnland sei bei PISA so gut, weil es eine
Gesamtschule habe;
die Integration von Migranten gelinge in Deutschland nicht;
Privatschulen schnitten hervorragend ab; Ganztagsschulen seien besser
als
Halbtagsschulen; Schulen mit üppiger Computerausstattung seien
überlegen; die
beste deutsche PISA-Schule sei eine Gesamtschule in Wiesbaden.
Aber: Auch die internationalen PISA-Schlusslichter haben Gesamtschulsysteme;
Deutschland hat allein schon sprachlich schwieriger zu
integrierende Migranten, als sie die typischen Einwanderungsländer haben; der
PISA-„Sieger“ Finnland hat höchstens ein Zehntel der Migrantenquote
Deutschlands; das deutsche Gymnasium ist die erfolgreichste Schulform der Welt;
Deutschland schloss beim PISA-Test 2003 immerhin zu angeblich so
renommierten Bildungsländern wie Schweden auf; keine der sogenannten. Reformschulen
erreichte auch nur annähernd das Ergebnis eines Gymnasiums; manche Privatschulen erzielten gerade mal das Ergebnis
bayerischer Hauptschulen; bayerische Hauptschüler schnitten so gut ab wie die
Realschüler in fünf nördlichen Bundesländern; je höher innerdeutsch die
Abiturientenquote ist, desto niedriger ist die PISA-Leistung.
Was hat PISA bewirkt? Nun, Bundesregierung und Landesschulminister haben eine Reihe an Maßnahmen auf den
Weg gebracht. Darunter sind Placebo-Akte, die vielleicht gesellschaftspolitisch
ihren Sinn haben, die aber - wie das Ganztagsschulprogramm - zukünftige
PISA-Ergebnisse kaum beeinflussen werden. Wichtig
freilich war, dass es
überfällige Diskussionsimpulse gab, die man vor PISA aus
Gründen der Political
Correctness nicht aufgegriffen hatte, insbesondere das Problem der oft
selbst
gewählten Bildungsferne vieler Migrantenfamilien. In der Folge
wurden Sprachtests verbindlich gemacht, die ein Kind bestehen muss,
ehe es eingeschult wird.
Auch sonst ist einiges vorwärts gegangen: Für Grundschulen
und weiterführende Schulen gibt es nun Bildungsstandards. Die meisten Länder
haben Jahrgangsstufentests etabliert, mehrere haben zentrale Abschlussprüfungen
zum Erwerb der Mittleren Reife bzw. des Abiturs eingeführt.
Unterrichtsmethodisch geht der Trend in Richtung einer neuen Prüfungskultur mit
komplexeren Aufgabenstellungen.
Was bleibt als Hoffnung?
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