DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

  Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 4. Januar 2002

SCHULE / PISA muss Konsequenzen haben

Abschied vom Struwwelpeter

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Oft verkannt: Das Beherrschen der Muttersprache ist die zentrale Schlüsselqulifikation.

Dem Deutschunterricht fehlt die Lobby. Damit fehlt ihm politisches und pädagogisches Gewicht. Die Auswirkungen kann man in PISA besichtigen: Deutsche Schüler haben schlicht und einfach Probleme beim Verwerten von Information. Die Lehrer merken dies schon länger: Das Fach Deutsch wird von vielen Schülern weniger ernst genommen, weil sie sehen, dass es kaum die Noten 5 und 6 gibt, und weil sie meinen, für dieses Fach müsse man nicht arbeiten, es gehe ja um die Muttersprache.
 
Wenn überhaupt eine einzelne Maßnahme als Konsequenz aus PISA ausreicht, dann die, die muttersprachliche Bildung in der Schule strikt zu stärken. Für diese Idee hätte man aber keine zwei Millionen Euro teure Studie gebraucht. Es ist bekannt, dass die die Deutschen ihrer Muttersprache als Schulfach zwischen der ersten und zehnten Klasse nur ganze 16 Prozent der Wochenstunden gönnen, dagegen die Polen 22, die Schweden 24, die Franzosen 26 und die Chinesen 26 Prozent.

Es ist höchste Zeit, dass sich die Schule von den Fehlern der letzten dreißig Jahre verabschiedet. Ein Beispiel: Die  sog. Kollegschule in NRW, die in einer integrierten Oberstufe zugleich einen Berufsabschluss und die Allgemeine Hochschulreife  vermittelt, kannte im Jahr 1986 das Fach "Deutsch mit Kinder- und Jugendliteratur". In den Richtlinien hieß es: "Der Einführung in die Kursproblematik dient die Lektüre und Interpretation eines klassischen Kinderbuches, das einen hohen Bekanntheitsgrad haben sollte. Empfohlen wird für diesen Zweck der 'Struwwelpeter' ...“

Alle Bundesländer beförderten Gebrauchstexte inklusive Bedienungsanleitungen in den Rang wichtiger Textsorten. Etliche Länder reduzierten den Grundschulwortschatz bis auf 700 Wörter! An vielen Schulen begnügt man sich, anstatt die Schüler einen einen Roman vollständig lesen zu lassen, mit der haarkleinen Analyse von kopierten Textauszügen. Das ist Leseverhindungspädagogik.

Die deutsche Schule schafft es nicht mehr, den Nachwuchs solide in der Muttersprache zu schulen, geschweige denn für deren Schönheit. Gerade Sprache ist aber die „via regia“ zur Kultur. Sprache und Literatur sind Vehikel zur Aneignung von und Teilhabe an Welt und zum Entwickeln persönlicher und kultureller Identität. Sprache ist zudem Vehikel für die Entfaltung der Innerlichkeit des Erlebens. Und Sprache ist das wichtigste Werkzeug des Menschen, um Kultur zu schaffen.

Das Beherrschen der Sprache ist unter allen sog. Schlüsselqualifikationen überhaupt die zentrale, denn nahezu alles hat mit Sprachbeherrschung und Sprachanwendung zu tun. Das heißt: Ein Bildungswesen, das die junge Generation zukunftsfähig in Leben, Ausbildung und Beruf entlassen und zugleich seinen kulturellen und allgemein bildenden Auftrag erfüllen soll, muss der sprachlichen Schulung größte Bedeutung beimessen. Dem Deutschunterricht käme also eine exponierte Stellung zu. Das gilt auch für eine intensive Unterrichtung in Orthographie und Grammatik - auch im Zeitalter von Rechtschreib- und Diktierprogrammen. Zugleich bleibt das Fach Deutsch maßgebliche Grundlage für einen erfolgreichen Fremdsprachenunterricht.

Zu überlegen ist, ob der Deutschunterricht nicht Lesen in einem noch umfassenderen Sinne als herkömmlich verstehen will.Tabellen und Graphiken müssen schließlich auch gelesen werden.Warum also nicht ein Lernziel im Deutschunterricht, das „Verbalisieren von Schaubildern“ heißt? Gäbe es ein solches Lernziel bereits, hätten die darin geschulten Kinder in PISA erheblich besser abgeschnitten. Überlegen müssen sich schließlich die Lehrer aller Fächer, ob sie das Sprachliche nicht zu sehr vernachlässigt haben in ihrer Neigung, nur noch mit Spiegelstrichen und Schaubildern zu arbeiten.

Ganz besonders ist das Elternhaus gefordert. Denn der Medienkonsum Heranwachsender wird im ersten Lebensjahrzehnt geprägt. Lesen beginnt mit dem Erzählen und mit dem Vorlesen zu Hause. Und es setzt sich mit dem elterlichen Vorbild fort. Interessant ist, was eine OECD-Studie des Jahres 1992 dazu eruierte - deren Ergebnisse damals in Deutschland kaum registriert worden sind: Lesefreude und Leseintensität der Kinder hängt vom Vorhandensein von Büchern im Elternhaus ab. Und: Die gesamte schulische Leistung der Kinder hängt eng mit deren außerschulischer Lektüre zusammenhängt.

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