| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 9. März 2001
LEHRERMANGEL / Sieben Bedingungen, um die Situation zu verbessern
Schluss mit den Tricks!
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Die Schulminister sehen sich zum Offenbarungseid gezwungen. Jetzt benötigen sie eine fachmännische Schuldnerberatung.
Wieder einmal hat die Kultusministerkonferenz (KMK) ein Problem vor sich hergeschoben, diesmal die Sicherung des Lehrernachwuchses. Es bedurfte eines geringfügigen Anlasses, um die ganze Brisanz deutlich zu machen. Ungewollt ist es das Verdienst Hessens, sich mit einer bundesweiten Aktion zur Anwerbung von anderthalbtausend Lehrern in die Nesseln gesetzt und damit eine Debatte vom Zaun gebrochen zu haben. Die anderen Länderminister waren zumindest „not amused“, Nordrhein-Westfalens Schulministerin Gabriele Behler sprach kurz vor Weihnachten 2000 gar von hessischen Wild-West-Methoden. Jetzt hat sich die KMK offiziell des Problems angenommen.
Es wurde auch Zeit. Und es wäre längst Konkretes angesagt gewesen. Schließlich kennt man die Altersstruktur der Lehrerschaft auf Jahrzehnte hinaus und man weiß recht genau, wie viele Lehrer wann in den Ruhestand eintreten. Und auch die Schülerzahlen sind auf eineinhalb Jahrzehnte berechenbar. Welches Großunternehmen in der Wirtschaft hat schon so zuverlässige Rahmendaten für das eigene Management?
Erneut muss sich die Politik also Versäumnisse vorrechnen lassen: Sie operiert zumeist kurzatmig nur im Zeitraum einer Legislaturperiode. Und sie rettet sich mit „Tricks“ über einen Mangel an Lehrern hinweg: Die Kürzung der Wochenstundentafel um eine Stunde verschleiert beispielsweise drei Prozent des Unterrichts- und Lehrerbedarfs, ebenso die durchschnittliche Vergrößerung der Klassen um einen einzigen Schüler; die wiederholt praktizierte Erhöhung der wöchentlichen Unterrichtsmaße der Lehrer um eine Stunde retuschiert sogar rund vier Prozent des Unterrichtsbedarfs. Diese „Tricks“ sind längst ausgereizt, und sie gingen zuletzt bereits zu Lasten der Qualität schulischer Bildung.
Die Versorgung der 42.000 deutschen Schulen mit ausreichend vielen und gut qualifizierten Lehrern ist jedenfalls in den kommenden Jahren die zentrale Frage bei der Sicherung des Bildungsstandortes Deutschland. Alle Diskussionen um Ziele, Inhalte und Strukturen schulischer Bildung verblassen dahinter.
Das sind die Fakten: Die 750.000 Lehrer in Deutschland (davon 110.000 Lehrer an beruflichen Schulen) haben ein Durchschnittsalter von 47 Jahren; in den weiterführenden Schulen beträgt das Durchschnittsalter sogar 49 Jahre, in verschiedenen Ausbildungsrichtungen der berufsbildenden Schulen oft 53 Jahre (Stand: 2000). Bei einem belastungsbedingt durchschnittlichen Ruhestandseintrittsalter von 60 Jahren heißt das: In den kommenden zwölf Jahren bis zum Jahr 2013 treten rund 350.000 Lehrer in den Ruhestand. Auf Stellen umgerechnet und unter der Annahme, dass sich in dieser Zeit die Zahl der Schüler nur geringfügig verringert, sind dies rund 300.000 Lehrerstellen, die bis 2013 wieder besetzt werden müssen.
Warum die Bewerber ausbleiben
Die dafür notwendigen Bewerber fehlen, weil die Zahl der Lehramtsstudenten schulformspezifisch nicht Schritt hält mit der Zahl der Pensionierungen. In manchen Lehrämtern kann der Ersatzbedarf derzeit zwar noch zu hundert Prozent (z.B. an Grundschulen) abgedeckt werden, in anderen Bereichen (z.B. an beruflichen Schulen) nur zu einem Drittel. Es ist somit zu befürchten, dass aufs Ganze gesehen die zukünftig notwendigen qualifizierten Bewerber nicht in ausreichender Zahl vorhanden sind.
Es gibt drei maßgebliche Gründe, warum junge Leute wegbleiben und sich immer seltener für den Lehrerberuf entscheiden. Erstens: Der Lehrerberuf ist für viele leistungs- und karriereorientierte junge Erwachsene nicht lukrativ. Referendare und Lehramtsanwärter müssen sich im Lebensalter von knapp 30 Jahren mit monatlichen Anwärterbezügen von 1.400 bis 1.800 Mark begnügen; diese Sätze liegen unterhalb der Ausbildungsvergütung in vielen Ausbildungsberufen. Junglehrer und Lehramtsassessoren bekommen zum Teil nur befristete und im Beschäftigungsumfang erheblich reduzierte Verträge angeboten. Wenn die Wirtschaft diesen jungen Leuten bei passender Qualifikation dagegen Jahreseinkommen von 80.000 Mark bietet, ist der Lehrerberuf nicht mehr konkurrenzfähig. Zweitens: Der Berufsstand der Lehrer wird seit Jahren öffentlich immer häufiger diskreditiert. Daran beteiligen sich führende Politiker, Wirtschaftsvertreter und Journalisten. Das öffentliche Image des Lehrerberufes hat darunter erheblich gelitten. Junge Leute lassen sich vom sinkenden Sozialprestige eines Berufes – wie in jedem anderen Berufsbereich auch - beeinflussen. Drittens: Die Tätigkeit eines Lehrers ist zunehmend belastender geworden. Dabei spielen die immer größeren sozialpädagogischen Erwartungen der Eltern und der Gesellschaft an Schule, aber auch die zunehmenden Verhaltensauffälligkeiten vieler Kinder eine Rolle. Gerade junge Leute, die ihre Schulzeit unmittelbar hinter sich haben, stehen unter dem Eindruck solcher Erfahrungen, und sie lassen sich bei der Entscheidung über die Wahl des Studienganges davon beeindrucken. Aussage eines Abiturienten dazu: „Ich schlage mich doch nicht mit einem aufsässigen Volk herum, wie wir es waren.“
Bedarfslage sehr differenziert
Der aktuelle und der anstehende Bedarf an Lehrern unterscheidet sich sehr nach Lehrämtern und Bundesländern. Generell groß ist der Bedarf an Lehrern des Lehramtes für Hauptschulen und für berufsbildende Schulen (hier insbesondere in den Berufsfeldern Wirtschaft/Verwaltung, Metalltechnik, Elektrotechnik, Informationstechnik, Gesundheit/Pflege). Groß ist auch der Bedarf an Lehrern des Lehramtes an Realschulen und Gymnasien; hier ist die Bedarfslage freilich je nach Lehramtsfach und Bundesland sehr unterschiedlich. In fast allen „alten“ Ländern fehlen Lehrer der Fächer Mathematik und Physik, in allen „neuen“ Ländern Lehrer der modernen Fremdsprachen; in anderen Ländern wiederum mangelt es an Nachwuchs in den Fächern Religion, Chemie, Musik, Latein usw.
Erheblich anders stellt sich das Problem der Lehrerversorgung in den neuen Bundesländern dar. Dort ist die Zahl der Geburten ab 1991 um bis zu 70 Prozent zurückgegangen. Dieser Rückgang ist mittlerweile bereits in den Grundschulen angekommen, und er wird in Kürze die weiterführenden Schulen erfassen. Das heißt, der Lehrer(ersatz)bedarf ist in den neuen Bundesländern erheblich geringer als in den alten Ländern. Die neuen Länder reagieren auf diese Entwicklung seit Jahren entsprechend, indem sie befristet und auf Teilzeit beschäftigen und Lehrern Vorruhestandsregelungen anbieten. Folge dieser restriktiven Politik ist unter anderem, dass komplette Jahrgänge von ausgebildeten Lehramtsassessoren des Lehramtes an beruflichen Schulen in die alten Bundesländer überwechseln.
Zugleich brauchen aber auch die neuen Bundesländer – nicht zuletzt einer halbwegs ausgewogenen Altersstruktur der Lehrerschaft wegen – junge, qualifizierte Lehrer. Letztere zu finden ist sehr schwer, denn der Lehrerberuf ist in den neuen Ländern mit einer Reihe an Statusnachteilen verbunden: oftmals befristete Teilzeitbeschäftigung, kein Beamtenstatus, nur 88,5 Prozent Gehalt des „Westlohns“.
Maßnahmen-Bündel
Die Lehrerversorgung in Deutschland kann nicht mehr mit punktuellen Maßnahmen gesichert werden. Es ist ein Bündel an Maßnahmen notwendig, die sich nicht innerhalb einer einzelnen Legislaturperiode erschöpfen dürfen. Es sollte angestrebt werden, dass die Zahl der Bewerber um ein Lehramt über den Bedarfszahlen liegt: Zum einen nämlich treten nur rund zwei Drittel der ursprünglichen Lehramtsstudenten in den Schuldienst ein; zum zweiten sollte die Bewerberzahl so groß sein, dass eine Bestenauswahl stattfinden kann.
1.Die Kultusministerien und die Arbeitsämter sind aufgefordert, unter den Abiturientenjahrgängen für den Lehrerberuf zu werben. Dies muss in einer Weise geschehen, die den Bedarf schulformspezifisch, fächerspezifisch, länderspezifisch und berufsspezifisch differenziert. Dabei sind alle gebotenen Mittel der Public Relations und der Publizistik zu nutzen. Ein völlig falsches Signal freilich ist es, wenn etwa Bayern exakt im Jahr 2001 das Erscheinen der bislang an Abiturienten adressierten Broschüre „Prognose zum Lehrerbedarf“ einstellt.
2. Der Lehrerberuf muss materiell so ausgestattet sein, dass er mit anderen akademischen Berufen hinsichtlich Besoldung und Leistungsanreizen mithalten kann. Umgehend rückgängig gemacht werden muss die Kürzung der Anwärterbezüge; die Anwärterbezüge müssen so dotiert sein, dass sie konkurrenzfähig sind mit der Entlohnung von Berufsanfängern im außerschulischen Bereich. Angehenden Lehrern müssen frühzeitig und in nahtlosem Anschluss an das Referendariat volle Beamtenstellen angeboten werden. Darüber hinaus muss der Lehrerberuf mit attraktiven Arbeitszeitbedingungen aufwarten können. In den neuen Ländern sind zudem die rasche Angleichung an das Gehaltsniveau West und die Verbeamtung notwendig. In Mangelfächern sollte Anwärtern zu Beginn des Referendariats bei mindestens befriedigender Abschlussqualifikation eine Einstellungsgarantie gegeben werden. Wenngleich nur langfristig wirksam, ist eine Image-Kampagne für den Lehrerberuf notwendig. Für viele potentielle Lehramtskandidaten ist die ideelle Anerkennung ebenso wichtig wie die materielle. Gesellschaft, Öffentlichkeit und Politik müssen Abstand nehmen von der Verbreitung von Vorurteilen über den Lehrerberuf und sich öffentlich zur Bedeutung des Lehrerberufes bekennen.
3.Über die Rekrutierung arbeitsloser Junglehrer ist nur in sehr begrenztem Maße eine Bedarfsdeckung möglich. In den Listen der Arbeitsämter werden rund 25.000 Lehrer als arbeitslos geführt; mit dieser Zahl wäre rechnerisch nicht einmal für ein Jahr der bundesweite Ersatzbedarf abgedeckt.
4. In begrenztem Umfang ist eine Rekrutierung von Lehrern durch Umsteigerprogramme denkbar. Das heißt, die Ministerien sollten Ausschau halten nach Studenten affiner Fächer, die bereit sind umzusatteln. Die Lehrerbildung muss gleichwohl auch zukünftig universitär sein; die Zulassung zum Lehrberuf muss eine mindestens zweijährige schulpraktische Ausbildung (zum Beispiel in Form des Referendariats) voraussetzen. Andernfalls fehlt es den Aspiranten an maßgeblichen Qualifikationen, und es vermittelt sich sonst der Eindruck, als eigne sich jeder Fachmann zum Lehrer.
5.Die universitären und schulpraktischen Ausbildungskapazitäten wurden in den vergangenen Jahren zum Teil reduziert (Beispiel Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein). Sie müssen wiederhergestellt bzw. dem Ausbildungsbedarf angepasst werden.
6.Die Bundesländer sind aufgefordert, die Praxis der gegenseitigen Anerkennung der Lehramtsexamina zu verbessern. Das heißt zugleich, dass Bundesländer, die in der Lehrerausbildung Sonderwege beschreiten (siehe Stufenlehramt), von dieser mobilitätshemmenden Praxis Abstand nehmen und wieder zu einer schulformbezogenen Lehrerbildung zurückkehren.
7.In begrenztem Umfang ist das Anwerben von Lehrern aus dem EU-Bereich denkbar. Die rechtlichen Voraussetzungen dafür bestehen. Voraussetzung für die Aufnahme eines EU-Bürgers in ein Lehramt in Deutschland muss freilich sein, dass dieser Bewerber eine äquivalente Ausbildung hat, die deutsche Sprache sicher beherrscht und eine ein- bis zweijährige schulpraktische Anpassungsausbildung in Deutschland absolviert.
Wenn sich einzelne Schulminister
jetzt hinstellen und darüber klagen, daß die Wirtschaft ihnen
die Lehrer abwirbt, zeugt das von einer Portion Ohnmacht, zumindest aber
von Naivität. Es ist und bleibt Aufgabe der Politik, den Lehrerberuf
ideell und materiell so auszugestalten, dass hinreichend viele junge Leute
bereit sind, als Lehrer ihren beruflichen Beitrag für den Bildungsstandort
Deutschland zu leisten.
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