| DEUTSCHER LEHRERVERBAND
(DL) - AKTUELL |
Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 8. Juni 2001
HAUPTSCHULE / Das "Sorgenkind" präsentiert sich selbstbewusst mit
guten Leistungen
"Tu was" ist der Hit
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Praktisch begabte Schüler haben Anspruch auf eine eigene Schulform,
die sie gezielt auf den Beruf vorbereitet. Die Politik hat das endlich erkannt. Die Hauptschule in
Deutschland ist kein monolithischer Block, ebenso wenig wie es „das“ Gymnasium“
oder „die“ Realschule noch gibt. Hauptschule 2001 – das ist deutschlandweit
in mehr als 7000 Hauptschulen bzw. Schulen mit Hauptschulzweig vor allem
breite Vielfalt. Solche Vielfalt ist Ausdruck des Lebendigen, sie gehorcht
aber zugleich der Not der Hauptschulen, sich an unterschiedlichste politische
Vorgaben und an eine äußerst heterogene Schülerklientel anpassen
zu müssen. Allem dümmlichen
Gerede von der "Restschule" zum Trotz hat sich die Hauptschule dennoch konsolidiert.
Vor allem hat sich der Anteil an allen Schülern bundesweit stabilisiert.
In den alten Ländern liegt er - gemessen in der achten Klasse – seit
Anfang der neunziger Jahre recht konstant bei 32 Prozent, in den neuen Ländern
bei zehn bis 15 Prozent. Auch empirische Untersuchungen
rücken das bislang schiefe Bild zurecht. Das gilt für die „Third
International Mathematics and Science Study“ (TIMSS) ebenso wie für
die Studie „Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung bei Jugendlichen“
(BIJU). Die Hauptschulen schneiden hier gleich gut ab wie die Gesamtschulen,
wiewohl diese personell und sächlich um vierzig Prozent besser ausgestattet
sind. Solide Zahlen Die Konsolidierung
der Hauptschulen spiegelt sich auch in der Schulpolitik mehrerer Bundesländer
wider. Selbst Rheinland-Pfalz, das in den neunziger Jahren aufgebrochen
war, Haupt- und Realschulen zu Regionalschulen zusammenzulegen, bringt jetzt,
nach den Wahlen vom März, ein Aktionsprogramm pro Hauptschule auf den
Weg. Baden-Württemberg,
das unter Vierzehnjährigen einen Hauptschulanteil von 38 Prozent hat,
entwickelte im Herbst 2000 das Konzept „Impuls Hauptschule“. Damit soll die
Ausbildungsfähigkeit der Schüler verbessert werden. Außerdem
wird der Praxisbezug der Hauptschulbildung intensiviert und bei der Abschlussprüfung
ein Praxisteil mit Projektprüfungen eingeführt. Bayern hat bei vierzig
Prizent Hauptschüleranteil unter Vierzehnjährigen ebenfalls im
Jahr 2000 die Weichen in Richtung einer Ausdifferenzierung der Hauptschule
gestellt. Es gibt nunmehr neben der freiwilligen zehnten Klasse (F10) für
besonders Leistungsfähige ab der siebten Jahrgangsstufe die so genannten
M-Züge (M für „mittlere Reife“). Außerdem wurden für
schwächere Schüler „Praxisklassen“ eingeführt. Hessen ist seit dem
Regierungswechsel von 1999 besonders aktiv. Der Anti-Hauptschulpolitik der
rot-grünen Vorgänger setzt die neue Koalition nunmehr eigenständige
Lehrpläne und Stundentafeln sowie eine einheitliche Abschlussprüfung
entgegen. In diesem Jahr werden erstmals Projektprüfungen veranstaltet.
Hessen verzeichnet sogar ein Plus an Hauptschülern; aufgrund einer
neuen Quer-Versetzungsordnung stieg der Anteil um gut 2000 Schüler
und liegt jetzt über zwanzig Prozent. Nordrhein-Westfalen
galt weithin nicht als Hauptschulland. Dieses Urteil war nie zutreffend.
Hauptschule hat in Nordrhein-Westfalen - übrigensals einzige Schulform
– eine Verfassungsgarantie (Landesverfassung Artikel 12). Nachdem sich die
nordrhein-westfälische Kultusministerin Gabriele Behler Ende der neunziger
Jahre schon einmal bereit erklärt hatte, für ihre immerhin 750
Hauptschulen zu „trommeln“, verabschiedete der Landtag im vorigen Jahr ein
Programm, demzufolge an den Hauptschulen die Basiskompetenzen verbessert
und die Kooperation mit Arbeitsamt, Wirtschaft sowie Jugendhilfe ausgebaut
werden soll. Politik hin, Politik
her: In mindestens gleichem Maße ist entscheidend, wie Hauptschule
öffentlich und vor Ort „dasteht“. Einen wichtigen Beitrag zur Image-Aufwertung
der Hauptschulen leistet seit 1997 die von 28 Organisationen - darunter Verbände
der Eltern, der Lehrer und der Wirtschaft - getragene "Initiative Hauptschule
e.V.". Soeben wurde der zweite bundesweite Hauptschulpreis vergeben. Mit
Finanzierung durch die Gemeinnützige Hertie-Stiftung und einem Gesamtpreisgeld
von mehr als 120 000 Mark wurden Hauptschulen prämiert,
denen es in überzeugender Weise gelungen ist, die – so das Motto für
2001 – „Erziehung zur Eigenverantwortung“ zu fördern und damit ein Leben
vorzubereiten „frei von Abhängigkeiten und frei von Gewalt“. Knapp hundert Bewerbungen
aus zwölf Bundesländern, darunter zwei neue Länder, gingen
ein. 33 Hauptpreise wurden vergeben, außderm drei Sonderpreise der
Arbeitsgemeinschaft Gesundheit und Umwelt e.V. für gelungene Projekte
der Umwelt- und Gesundheitserziehung. Die Dotierungen lagen zwischen 15 000
und 2 500 Mark. Bundespräsident
Johannes Rau hält diese Schulform für so wichtig, dass er - wie
schon sein Vorgänger Roman Herzog - die Preisverleihung in seinem Berliner
Amtssitz vornahm. Den ersten Preis in
Höhe von 15 000 Mark errang die Hauptschule Taufkirchen in Oberbayern.
Sie hat sich vor allem der Vermittlung von „Lebenskompetenz“ verschrieben.
Konkret bedeutet das unter anderem, dass sie Streitschlichter (Mediatoren)
ausbildet und mit dem Sucht- und Jugendforum der Kommune kooperiert; sie
schickt ihre Achtklässler für ein paar Tage in ein Selbstversorgerhaus,
und sie leistet in Zusammenarbeit mit der örtlichen Fachklinik und mit
ehemaligen Drogenabhängigen Prävention gegen Süchte, etwa
im Rahmen der Projektwoche „Suchtlos glücklich“. Powern ohne
Gewalt Den zweiten Hauptpreis
(10 000 Mark) erzielte die Heinrich-Ferdinand-Eckert-Oberschule Berlin,
die sich als Hauptschule versteht. Sie präsentierte sich mit einem
Drei-Säulen-Schulprogramm. Dazu gehören die praktische Ausbildung
der Schüler bei der Gestaltung der Schulgebäude und des Pausenhofes;
die eigenständige Leitung der Schulcafeteria durch die Schüler,
die musikalische Gestaltung vor allem auch von außerschulischen Veranstaltungen.
Die Jury war der Auffassung, dass diese Arbeit, zumal sie in einem schwierigen
Großstadtumfeld stattfindet, in besonderer Weise geeignet ist, Eigenverantwortung
zu fördern. Der dritte Hauptpreis
(Höhe 5 000 Mark) ging an die Ganztags-Hauptschule Aachen für
ihr Projekt „Jugendliche powern – ohne Gewalt“. Dazu gehören die Arbeit
von Streitschlichtern, die Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe und die „Tu
was GmbH“: eine Schülerfirma, in der die Jugendlichen das Arbeitsleben
(bis hin zu eigenen Maurerarbeiten) eigenständig erkunden. Tue Gutes und rede
darüber! Unter diesem Motto stehen wohl alle Schulwettbewerbe. Gerade
im Fall der Hauptschule ist es tatsächlich wichtig, dass sie von sich
reden macht. Darüber hinaus aber bleibt die Politik gefordert, einen
günstigeren Rahmen für diese Schulform zu schaffen. Das heißt
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1. | Das politische
Bekenntnis zur Hauptschule als Schulform mit eigenem Profil, mit eigenen
Bildungszielen und Lehrplänen, mit eigener Methodik, mit spezifischer
Lehrerausbildung, mit eigenen Abschlussprüfungen muss gestärkt
werden. | |
2. | Alle Schüler
der Hauptschule müssen sichere Grundfertigkeiten erwerben. Diese Kernbereiche
müssen ausgeweitet werden: durch Aufwertung von Deutsch und Mathematik
in der Stundentafel sowie durch einen Unterricht, der nicht abstrakt-theoretisch,
sondern konkret-anschaulich und praxisorientiert vorgeht. | |
3. | Das große
Plus der Hauptschule, ihr arbeitswelt- und berufsbezogenes Profil, ist durch
eine intensive Zusammenarbeit mit Betrieben und berufsbildenden Schulen, durch
kontinuierliche Förderung einer breit angelegten ökonomischen Bildung
und durch unterrichtlich begleitete Praktika ab Klasse acht auszubauen. | |
4. | Hauptschulen
müssen angesichts der Heterogenität der Schülerschaft die
individuellen Förderbedürfnisse der Schüler besonders berücksichtigen:
durch Praxisklassen und eine Individualisierung der Bildungsdauer, durch
Weiterqualifizierung stärkerer Schüler sowie durch eine verstärkte
Lehrerzuweisung, damit der spezifischen Arbeit in der Hauptschule (z. B. der
Integration von Migranten) stärker entsprochen werden kann. | |
5. | Die Beratung
der Eltern von Grundschulkindern muss intensiviert werden. Im Interesse
ihrer Kinder müssen sie am Ende der Grundschulzeit ausführlich
über die Hauptschulstandorte, über die dortige Ausbildung sowie
über die Perspektiven für gut ausgebildete Hauptschüler informiert
werden. Die Empfehlung der Grundschule für den Übergang auf weiterführende
Schulen sollte – auch in Achtung des Elternrechts – eine größere
Verbindlichkeit erhalten. Es hat wenig Sinn, hauptschulgeeignete Kinder über
Jahre auf einer anderen Schulform Misserfolgen auszusetzen. |
Berufliche
Chancen
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6. | Hauptschulen
stehen und fallen mit der Qualität ihrer Schulleitung und ihrer Lehrerschaft.
Angesichts der erschwerten Verhältnisse sind hier höhere Aufwendungen
nötig; diese sollten kleinere Klassen und eine besondere sozialpädagogische
Betreuung möglich machen. Nicht zuletzt zur Sicherung des Lehrernachwuchses
muss die Attraktivität des Hauptschullehramtes durch Leistungsanreize
sowie durch vertretbare Arbeitszeitregelungen verbessert werden. | |
7. | Ganztagsangebote
müssen gerade an Hauptschulen – vordringlich in sozialen Brennpunkten
– ausgebaut werden, denn diese bieten die Chance, die erzieherische Arbeit
der Schule zu fördern. Der Ausbau eines Ganztagsangebotes kann zudem
die Attraktivität der Hauptschule bei den Eltern erhöhen. |
Die Existenz der Hauptschule
hat vor allem einen pädagogischen Grund: Für zwanzig bis dreißig
Prozent eines Geburtsjahrgangs stellt die Pädagogik dieser Schulform
die optimale Förderung dar. Für viele bietet sie die einzige Hoffnung
auf einen Schulabschluss. An der Hauptschule
führt also kein Weg vorbei. Und: An ihr entscheidet sich auch die Zukunft
des Gymnasiums und der Realschule. Sie hat zudem maßgeblichen Anteil
an der Stabilität der beruflichen Bildung; schließlich rekrutiert
etwa der gewerbliche Bereich zumindest in den "alten" Ländern das Gros
seiner Bewerber aus der Hauptschule.
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