| DEUTSCHER LEHRERVERBAND
(DL) - AKTUELL |
Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 20. Juli 2001
GANZTAGSSCHULE / Fast alle wollen sie, wenn auch aus unterschiedlichen
Gründen
Die zweitbeste Lösung
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL) Ganztagsschule und
schulische Ganztagsbetreuung - das scheint nach Jahrzehnten schulpolitischer
Grabenkämpfe mal wieder etwas zu sein, was unisono alle wollen: Parteien,
kommunale Spitzenverbände, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften,
Eltern, Erziehungswissenschaftler und so weiter. Wenn alle, sogar sonst konkurrierende
Gruppierungen dasselbe wollen (Schüler zu 90 Prozent übrigens nicht!),
dann werden sie sich wenigstens in den damit verbundenen Versprechungen unterscheiden. Das tun sie denn auch,
indem sie sich gegenseitig übertreffen. Beispiele: Bayerns SPD etwa
dichtet mit Blick auf Ganztagsschulen: „Auf Dauer schlauer“. Die Arbeitgeber
versprechen sich davon die Rekrutierung hoch qualifizierter - weiblicher
- Arbeitskräfte, die ohne schulischen Ganztagsbetrieb eine Familienpause
einlegen würden. Schulforscher prophezeien eine Senkung der Abbrecher-
und Versagerquoten. Wirtschaft und CDU/CSU sehen die Ganztagsschule gar als
Chance zur Verkürzung der Schulzeit. Und wiederum alle erwarten einen
Beitrag zur Sicherung des Bildungsstandortes Deutschland.
Thema auch
für Wahlen Dass die Parteien von
CSU über CDU bis hin zu SPD und PDS ihr Herz für Ganztagsschule
entdeckt haben, hat wohl mit Wahltaktik zu tun. Wer will schon am Rande stehen,
wenn angeblich zwischen 60 und 80 Prozent der Eltern die Ganztagsschule wünschen?
Bei so viel hoffnungsfroher Erwartung wundert es eher, warum das Thema Ganztagsschule
erst jetzt so richtig zum Mainstream-Thema wurde. Freilich dürften
die Motive der Protagonisten unterschiedlich sein. Die ehemals Konservativen
möchten modern sein; die ehemals Linken wollen progressiv bleiben und
so ganz nebenbei auf dem Trittbrett Ganztagsschule uralte Schulvisionen realisiert
haben. Immerhin fällt auf, wie intensiv sich ehemalige Gesamtschulverfechter
jetzt für die Ganztagsschule ins Zeug legen: Sie überwinde den
starren Vormittagsunterricht im 45-Minuten-Takt, rhythmisiere das Lernen
und ermögliche alternative Lernformen wie das Prokjektlernen. Überhaupt,
so die Lehrergewerkschaft GEW, sei die Gesamtschule der „Idealtypus einer
Ganztagsschule“. Ganztagsschule und
Ganztagsbetreuung also als schulpolitischer „Quantensprung“, wie manche meinen,
und als Allzweckwaffe? Da tut etwas mehr Realismus Not! Dann könnte
man etwa registrieren, dass viele allgemein bildende Schulen jetzt schon
ein vielfältiges Spektrum an Nachmittagsunterricht ausweisen, dass der
Nachmittagsunterricht in den beruflichen Schulen der Regelfall ist und dass
die meisten förderpädagogischen Schulen als Ganztagsschule geführt
werden. Ab der neunten Jahrgangsstufe
hatten immer schon viele Schüler an mindestens einem Nachmittag Pflichtunterricht.
Und spätestens ab der fünften Jahrgangsstufe können die Schüler
wählen zwischen Arbeitsgemeinschaften wie Schul-Homepage, Chor, Sportneigungsgruppen,
Werken, zusätzliche Fremdsprachen, berufsorientierende Schnupperkurse
und anderes mehr. Zu einer realistischen
Betrachtung von Ganztagsschule gehört es auch, dass Ganztagsschule und
Ganztagsbetreuung auseinander gehalten werden. Ganztagsschule und Ganztagsbetreuung
sind verschiedene Sachverhalte: Bei der Ganztagsbetreuung handelt es sich
um das Angebot einer kontinuierlichen Beaufsichtigung von Schülern während
der Mittags- und Nachmittagszeit mit Anleitungen zur Erledigung von Schularbeiten
und gemeinsamen Freizeitaktivitäten. In der Ganztagsschule sind diese
Formen von Betreuung nicht ausgeschlossen, in ihr überwiegt aber das
Unterrichtliche; sie ist damit eine Pflichtveranstaltung. Ganztagsbetreuung und
die Ganztagsschule werden in ihrer gesellschaftspolitischen Wirksamkeit jedenfalls
vielfach überschätzt. Beide sind nicht in der Lage, das erzieherische
Bewusstsein der Eltern zu fördern; eher fördern sie die Bereitschaft
der Eltern, immer mehr originäre erzieherische Aufgaben an den Staat
zu delegieren und damit eine bedenkliche Verstaatlichung der Erziehung anzutreiben.
Diese Sorge gehört ebenso zu einer realistischen Betrachtung wie die
Diskussion des Problems der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Inwieweit
beides vereinbar ist, muss von jeder einzelnen Familie selbst entschieden
werden, sodann aber auch eine Frage der ganzen Gesellschaft, der Wirtschaft
und der Nachbarschaftshilfe sein.
Elternhaus
bleibt wichtig So sehr Betreuung und
Sozialerziehung implizit Charakteristikum von Schule sind, so wenig sind
sie deren vorrangiger Zweck. Ganztagsbetreuung und Ganztagsschule sind gegenüber
einer familiären Betreuung der Kinder am Nachmittag und gegenüber
außerschulischen Erfahrungsfeldern nun einmal nur die zweitbeste Lösung.
Schulische Ganztagsangebote dürfen zu keinem Funktionsverlust des elterlichen
Erziehungssouveräns führen, sie sollten Eltern auch nicht dazu verführen,
nur noch "außer Haus" in einer staatlichen Schließfachpädagogik
erziehen zu lassen. Zu einem Realismus
in Sachen Ganztagsschule gehört ein realistisches Finanzierungskonzept,
schließlich kostet Ganztagsschule um rund 30 Prozent mehr als reguläre
Halbtagsschule. Es müsste hier gelten, dass die „Nutznießer“ des
Ganztagsbetriebs einen Beitrag aufzubringen haben: Die Eltern sollten entweder
einen sozial angemessenen finanziellen Beitrag leisten oder sich als Betreuungspersonal
selbst zur Verfügung stellen. Der Beitrag der Unternehmen kann darin
bestehen, dass sie einen finanziellen Beitrag oder Infrastrukturhilfe leisten
(z. B. Fahrdienst, Kantine). Der mit einem Ganztagsbetrieb verbundene Betreuungs-
und Finanzaufwand darf - zumal in Zeiten eines bevorstehenden Lehrermangels
- in keinem Fall zulasten der Unterrichtsversorgung gehen. Eher ins Grundsätzliche
zielt die Frage nach den Entwicklungschancen der Kinder im schulischen Ganztagsbetrieb.
Ein Elternhaus, das Verlässlichkeit und über die Familie hinaus
Vielfalt in der Begegnung mit Mensch, Natur und Kultur bietet, ist gewiss
die ideale Lösung. Ganztagsbetreuung und Ganztagsschule schränken
das Spektrum kindlicher Erfahrungen jedoch ein. Damit geraten die sehr vielfältigen
Möglichkeiten der Jugendarbeit an den Rand, nämlich die Angebote
etwa der Sportvereine, der kirchlichen Jugendgruppen, der Musikschulen. Der oft bemühte
Vergleich mit den Ganztagsschulstrukturen des Auslandes kann nur bedingt
in die Diskussion einbezogen werden. Zumindest ist zu berücksichtigten,
dass die in Deutschland seit hundert Jahren übliche Halbtagsschule außerschulisch
einhergeht mit einem Spektrum an Vereins- und Jugendarbeit, wie es in anderen
Staaten so breit nicht existiert. Kurz: Es muss auch
ein Leben außerhalb der Schule geben. Schule und staatlich gelenkte
Freizeit dürfen nicht alleiniger Erfahrungsraum für Schüler
sein. Schule hat die Vielfalt der Angebote der Vereine und Kirchen, auch
den Reichtum der spontan gestalteten Freizeit zu achten. Totalverplanung
der Kinder und eine drohende Ghettoisierung bestimmter Sozial- und Schülergruppen
wäre höchst bedenklich.
Zu hohe Richtzahl Die Einrichtung eines
Ganztagsbetriebs an jeder Schule in Deutschland kann nicht die Lösung
sein. Die von der Bund-Länder-Kommission empfohlene Richtzahl zur Etablierung
einer Ganztagsschule an 30 Prozent aller Schulen ist erheblich zu hoch angesetzt.
Es wird deshalb wohl auf ein bedarfsorientiertes Wahlangebot an Schulen mit
Betreuung in Kernzeiten zwischen dem frühen Morgen und dem frühen
Nachmittag hinauslaufen müssen. Vorrang können dabei durchaus wegen
des oft schwierigeren sozialen Hintergrundes ihrer Schüler Schulen in
sozialen Brennpunktgegenden haben. Bei der Berechnung
der notwendigen Kapazitäten sollten Schüler unterer und mittlerer
Stufen sowie Schüler mit familiären Belastungen und mit Leistungsproblemen
im Vordergrund stehen. Was die Schulformen betrifft, so dürften neben
den Grundschulen vor allem die Hauptschulen interessieren. Auf jeden Fall
muss jede Schulform die gleiche Chance zur Einrichtung einer Ganztagsbetreuung
haben. Sie darf zukünftig kein alleiniges Privileg der Gesamtschule mehr
sein.
So viele Modelle
wie Bundesländer In den 16 Bundesländern
stellt sich die Ganztagsschule bzw. die schulische Ganztagsbetreuung laut
dpa-Übersicht von Ende Juni 2001 konzeptionell und quantitativ sehr unterschiedlich
dar.
Baden-Württemberg: 85 Ganztagsschulen, darunter 74 Hauptschulen,
25 Anträge auf Einrichtung einer Ganztagsschule.
Bayern: an drei Viertel aller Grundschulen Betreuungsangebote,
2 Ganztagshauptschulen, 10 Ganztagsrealschulen, 4 Ganztagsgymnasien, in Planung:
ein achtjähriges Ganztagsgymnasium.
Berlin: 310 Ganztagsschulen mit 46.500 Schülern, darunter
50 Sonderschulen, ferner 45 Grundschulen mit garantiertem Halbtagsangebot.
Brandenburg: 89 Schulen mit Ganztagsbetrieb, davon 60 Gesamtschulen,
19 Förderschulen und 3 Realschulen; für Kinder bis zehn Jahren
besteht ein Anspruch auf einen Hortplatz.
Bremen (ohne Bremerhaven): 2 Gesamtschulen als Ganztagsschulen,
drei weitere in Planung.
Hamburg: 32 Ganztagsschulen mit 6.500 Schülern, im Wahlkampf
zur Bürgerschaftswahl vom September 2001 wollen alle Parteien einen
Ausbau „im großen Stil“.
Hessen: 132 Ganztagsangebote in der Sekundarstufe I, überwiegend
an Gesamtschulen, rund zwei Drittel der Grundschulen mit Betreuungsmodell
.
Mecklenburg-Vorpommern: 41 Ganztagsschulen mit 9.300 Schülern,
weitere 11 ab Schuljahr 2001/2002.
Niedersachsen: 130 Ganztagsschulen, davon 29 an Gesamtschulen,
23 an Hauptschulen, 15 an Realschulen und 16 an Gymnasien; weitere 140 in
den kommenden Jahren geplant.
Nordrhein-Westfalen: 635 Ganztagsschulen, darunter 208 der 210
Gesamtschulen; 666 weiterführende Schulen mit Betreuung; Erhöhung
der entsprechenden Mittel von 45 Millionen Mark im Jahr 2000 auf 95 Millionen
Mark im Jahr 2005 geplant.
Rheinland-Pfalz: 55 Ganztagsschulen für 6,4 Prozent der Schüler,
laut SPD/FDP-Koalitionsvereinbarung vom April 2001 sind 300 Ganztagsschulen
vorgesehen.
Saarland: 6 Ganztagsschulen, im kommenden Schuljahr 7.
Sachsen: Hortbetreuung an den 987 Grundschulen und zum Teil Nachmittagsunterricht
an den 187 Gymnasien.
Sachsen-Anhalt: 48 Ganztagsschulen, davon 33 Sekundarschulen,
ab dem Schuljahr 2001/2002 flächendeckend Grundschule mit festen Öffnungszeiten.
Schleswig-Holstein: 21 Ganztagsschulen, davon 16 Gesamtschulen,
ab kommendem Jahr Ganztagsbetrieb an je einer Schule je Kreis bzw. kreisfreier
Stadt.
Thüringen: 5 Ganztagsschulen, ab Herbst 2001 eine weitere;
über 500 Grundschulen mit angeschlossenem Hort, Ausweitung der Betreuung
durch Träger der Jugendarbeit geplant.
| ©
2001 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn
- Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24 |   |
|