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Aus dem
RHEINISCHEN MERKUR vom 14. Februar 2008
Macht das G8 unsere Schüler kaputt?
Noch nie ist eine Schulreform hierzulande so schlecht vorbereitet
und dilettantisch durchgeführt worden
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Um die Vorteile des achtjährigen Gymnasiums werden fromme Legenden gestrickt.
Als erste wird meist angeführt: Deutsche Hochschulabsolventen seien in Zeiten der Europäisierung und
Globalisierung der Wirtschaft zu alt. Maßgebliche Verzögerungen bis zum
Beginn eines Studium kommen in Deutschland nicht in erster Linie durch das
Gymnasium zustande, sondern durch eine relativ späte Einschulung und durch eine
lange Phase des Übergangs von Schule zu Hochschule, unter anderem durch die
Wehrpflicht. Gerade die Europäisierung und Globalisierung der Wirtschaft
verlangen nach solider Qualifikation, besonders im fremdsprachlichen und im
naturwissenschaftlichen Bereich, sowie nach vertieftem Orientierungswissen, das aus
den Bereichen Religion/Ethik, Geschichte/Politik, Literatur/Kunst/Musik kommt.
Das ist nicht in immer kürzerer Zeit zu machen.
Gern wird damit argumentiert,
dass alle europäischen Nachbarn ein Abitur nach zwölf Jahren haben. Doch mehrere
europäische Länder (Frankreich, Großbritannien, Niederlande) haben de facto 13
oder sogar 14 Jahre bis zum Hochschulgang. Außerdem gibt es in den meisten
anderen Ländern keine Allgemeine Hochschulreife, sondern nur eine verengte,
fachgebundene Hochschulreife beziehungsweise nachfolgend
Hochschulzugangsprüfungen.
Oder es wird behauptet, dass die DDR mit zwölf Jahren
bis zum Abitur gut zurechtgekommen sei. Darüber wird allerdings vergessen, dass in der DDR weniger als
zehn Prozent der entsprechenden Jahrgänge die Allgemeine Hochschulreife auf dem direkten Weg erworben haben und
nicht wie in den Ländern der alten Bundesrepublik bis zu 40 Prozent. Außerdem
waren die Kenntnisse der DDR-Abiturienten in den modernen Fremdsprachen
ausgesprochen defizitär.
G8-Befürworter erklären gern, dass die
Pisa-Studie eine Verkürzung der gymnasialen Schulzeit erforderlich gemacht habe.
Nur hat das G8 mit Pisa nichts zu tun. Die Studie vergleicht international die
Leistungen von 15-Jährigen, nicht von Abiturienten. Ausweislich Pisa ist das
Gymnasium, und zwar das neunjährige Gymnasium, die erfolgreichste Schulform
der Welt.
Noch im Sommer 2003 hat etwa der damalige bayerische
Ministerpräsident Edmund Stoiber dezidiert am neunjährigen
Gymnasium festgehalten. Dann aber wurde das G8
überstürzt eingeführt. Auch vier Jahre nach seiner
Einführung gibt es noch keine Prüfungsrichtlinien für
das „neue“ Abitur, keine Lehrbücher für die oberen
Jahrgangsstufen, kein überzeugendes Konzept zur Bewältigung
der ab 2011 folgenden doppelten Abiturjahrgänge; an vielen Schulen
gibt es nach wie vor keine Mittagsbetreuung. Baustelle an Baustelle.
Noch nie in Deutschland ist eine Schulreform so schlecht vorbereitet
und so dilettantisch durchgeführt worden.Es ist nicht damit getan,
die Lehrpläne zu „entrümpeln“ – und schon sei das G8
kindgemäß. Tatsächlich wurden die Lehrpläne
bereits in einem Maße entrümpelt, dass es zulasten der
Qualität geht (Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Geschichte).
Aber: Dieselben Leute, die „Entrümpelungen“ fordern, verlangen
tags darauf von der Schule mehr Fremdsprachenlernen, mehr
naturwissenschaftliche Bildung, mehr historisch-politische Bildung,
mehr Gesundheitserziehung, mehr Anti-Gewalt-Erziehung, mehr
Umwelterziehung, mehr Medienerziehung.
Es irrt, wer behauptet, dass Kinder in Zeiten von Google und
Wikipedia nicht mehr so viel auswendig lernen müssten. Sogenanntes
Download-Wissen reicht nicht aus. Nur wer solides Wissen hat, findet die
passenden Informationsquellen; nur er kann den Wert und die Zweckmäßigkeit von
Informationen im Internet einschätzen beziehungsweise mit Wissen aus Lexika
etwas anfangen.
Tatsache ist: Nur das best Drittel der Schüler kommt mit dem G8 gut zurecht. Das
schwächste Drittel leidet sehr darunter und droht den Anschluss zu verlieren.
Diese Entwicklung passt in keiner Weise zu der politischen Vorgabe, dass die
Abiturientenquote gesteigert und bildungsfernen Schichten der Zugang zum
Gymnasium weiter geöffnet werden müsse.
Anders als behauptet wird, hat die
Qualität gymnasialer Bildung bereits gelitten. Verschleiert wird dies durch
abgesenkte Leistungsanforderungen und liberalisierte Noten- sowie
Versetzungsbestimmungen. Eine planwirtschaftliche Erfolgsmanipulation
also!
Um die Kinder zu entlasten, wollen G8-Befürworter alle Hausaufgaben in
der Schule erledigen lassen. Abgesehen davon, dass Hausaufgaben einen wichtigen
diagnostischen Zweck haben – Lehrer wissen, wo noch Verständnisdefizite
vorliegen –, sind sie Teil der Erziehung zu Eigenverantwortung und
Selbstständigkeit. Außerdem würden die Schüler noch mehr Nachmittage in der
Schule verbringen.
Schon jetzt haben bereits Zwölfjährige zwei
Pflichtnachmittage, an denen sie – vor allem auf dem „flachen“ Land – von 7 bis
17 Uhr unterwegs sind. Da bleibt erheblich weniger Zeit für Sport, Musik oder
Jugendarbeit. In den Sportvereinen und Musikschulen gibt es immer weniger
Gymnasiasten. Und: Das Schulleben verarmt. Der Nachwuchs in den schulischen
Musik-, Theater- und Sportgruppen bleibt aus.
Fazit: Das G8 und dessen
Einführung ist Pfusch. Es gefährdet die gymnasiale Bildungsqualität, und es
belastet viele Kinder über Gebühr. Insgesamt ist die G8-Einführung ein
eklatantes Beispiel dafür, was herauskommt, wenn ohne vorher durchdachtes
Konzept „reformiert“ wird. Diese „Reform“ ignoriert einmal mehr, dass Kinder
keine schulpolitischen Versuchsobjekte sein dürfen; schließlich haben sie nur
eine Bildungsbiographie.
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