DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

  Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 2. Mai 2002

WESHALB GREIFEN JUNGE MENSCHEN ZUR GEWALT?

SCHULEN / Als Lückenbüßer ungeeignet

Jetzt wird geheuchelt

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Erfurt - das ist der schwärzeste Tag in der deutschen Schulgeschichte. Dieser 26. April wird lange nachwirken - weit über die aktuelle und mittlerweile leider schon wieder reichlich hyperaktive und die Opfer entwürdigende Diskussion hinaus. Ein paar Tage des Schweigens, bis die Opfer wenigstens würdig bestattet sind und bis das so genannte Täterprofil Konturen annimmt, ein paar Tage des Nachdenkens hätten allen gut getan. Aber die Fernsehredaktionen wollten die Klassen nicht einmal während ihrer Gedenkminute von Kameras verschonen.

Dass die USA mit ihrem reichlich archaischen Verständnis von Waffen weit weg sind, gilt nicht mehr. Es galt eigentlich schon nicht mehr, seit Lehrerinnen oder Lehrer in Meißen, Brannenburg und Freising ermordet wurden. Nun hat Erfurt Littleton in entsetzlicher Weise übertroffen. In das Entsetzen und in die Trauer um die Opfer mischt sich Wut, Wut auf den Täter, Wut auf diese Gesellschaft insgesamt, die solches hervorbringt. Der Kulturphilosoph Eduard Spranger fällt da ein: Er beklagte die immanente Unaufrichtigkeit der Gesellschaft, ständig Erziehung und Wertevermittlung einzufordern, wo zugleich Erziehungseffekte nicht gewollt werden. Wie sonst könnte es möglich sein, dass diese Mediengesellschaft von ihren Schulen zwar eine Erziehung zum kritischen Medienumgang erwartet, zugleich aber einen Sumpf an Schmuddel- und "Hackfleisch"-Videos entstehen lässt? Und nicht einmal der Freitagabend - zwölf Stunden nach dem Massaker - war frei von Comedy und Filmgewalt in Deutschlands Fernsehkanälen.

Natürlich haben wir schon wieder die Patentrezepte: Metalldetektoren, Videoüberwachung, Pförtnerlogen an den Eingangstüren der Schulen und Alarmknöpfe in den Klassenzimmern. Das kann es nicht sein, ganz abgesehen vom Missbrauch der Alarmknöpfe. Ein Amokläufer plant zumindest die Anfangstat, er lässt sich weder von Videokameras abschrecken noch von verschlossenen Türen, durch die er sich mit jeder Pumpgun hindurchschießt. Und wenn er nicht in die Schule kommt, aber Rache austoben will, dann tut er es an der Bushaltestelle oder auf dem Lehrerparkplatz. Man lügt sich in die Tasche, wenn man meinte, mit rein technischen Mitteln wäre Sicherheit machbar. Im Übrigen sollten wir nicht wünschen, dass sich unsere Schülerinnen und Schüler allmorgendlich in eine Festung oder einen Hochsicherheitstrakt begeben. Schule, Bildung, Erziehung brauchen Offenheit, um zu gedeihen. Erfurt - das ist nach der Pisa-Studie ein anderer, vielleicht noch gewichtigerer Anlass für eine Erziehungsdebatte in Deutschland. Bei Pisa musste man noch sagen, dass es keine Bildungsoffensive ohne Erziehungsoffensive geben könne und dass der Schulerfolg mit der Kinderstube beginne. Nach Erfurt erahnt man, dass es über die Messbarkeit und Verwertbarkeit schulischer Bildungsinhalte hinaus noch etwas viel Wichtigeres gibt für das Denken und Handeln Heranwachsender: die Vermittlung von Werten.

Nach Erfurt stellt sich vor allem die Frage, ob diese unsere Gesellschaft samt ihren Familien und Bürgern das in hinreichendem Maße hat, was Erziehung aus- oder erst möglich macht: Zeit. Immer mehr Eltern nehmen sich immer weniger Zeit für ihre Kinder. Und viele unser Lehrer haben zu wenig Zeit für ihre Schüler, weil sie zu viele Schüler in der Klasse oder zu viel Stoff zu lehren haben. Wenn man aber keine Zeit für die Kinder hat, dann kriegt man nicht mit, was in ihnen vorgeht.

Wir brauchen auch eine andere Kultur im Umgang mit Bildungseinrichtungen und mit Lehrern. Es schien gerade in Deutschland „cool“ geworden zu sein, über Lehrer dumm daherzureden. In Finnland etwa hätte niemand eine Chance auf eine hervorgehobene Position, wenn er Lehrer öffentlich beschimpfte. Wenn aber Lehrer aber zum Freiwild öffentlicher verbaler Attacken werden, dann ist für den jugendlichen Frustrierten der Schritt zur mani^festen Gewalt sehr klein. Karl Jaspers behält Recht: Es ist das Schicksal eines Volkes, welche Lehrer es hervorbringt und wie es seine Lehrer achtet.

Was jetzt überfällig ist, das ist keine Debatte um angeblich überhöhte Leistungsanforderungen in den Schulen - die übrigens mit dem Pisa-Vergleich nicht zu begründen sind. Jedes Jahr erreichen unter Deutschlands zwölf Millionen Schülern mehrere tausend ihr Bildungsziel nicht, aber deswegen gibt es keine tausend Amokläufer. Nein, wer jetzt meint, seine Uralt-Ressentiments gegen das Leistungsprinzip in der Schule wiederbeleben zu müssen, der instrumentalisiert  den Tod von sechzehn Menschen auf höchst unwürdige Weise.

Vor allem ist das Massaker in Thüringen das Ergebnis einer fortschreitenden Vereinzelung. Dabei kündigen sich Gewalttaten - als Mordtaten an anderen oder als Suizid gegen sich selbst - zumeist an. Aber es ist unbequem, und es erfordert Zeit ebenso wie Zivilchourage, sich mit Mitmenschen zu beschäftigen, die Selbstwertgefühle über Waffenbesitz oder den extensiven Konsum von harter Videoware zu erleben meinen. Und noch schwieriger ist es, sie zu integrieren. Das heißt: Wir brauchen dringend eine Kultur des Hinhörens sowie zwischenmenschliche Frühwarnsysteme. Die Schule könnte damit beginnen; aber die Antennen müssen auch außerhalb der Schulen ausgefahren werden. Alles andere ist hinsichtlich Gewaltprophylaxe ein Herumkurieren an Symptomen.


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