| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 23. März 2001
EDUC@TION
/ Schule in Zeiten des Internets
Was
der Computer im Klassenzimmer zu suchen hat
Die Welt als Simulation
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Nach wie vor geben in Sachen Schule und Computer die Enthusiasten den Ton an, die über die Schule ein pädagogisches Füllhorn an Educ@ation, didaktischen Hyperlinks, knowledge-maschines und Online-Learning ausschütten möchten. Die Schar der Skeptiker aber wird größer. Bezeichnenderweise gesellen sich zu ihr vor allem ehemalige Euphoriker. Jetzt hat sich mit Clifford Stoll ein Pionier der Internet-Technik kritisch zu Wort gemeldet. Sein soeben im Fischer-Verlag erschienenes Buch "LogOut" ist bereits im Untertitel Programm: "Warum Computer nichts im Klassenzimmer zu suchen haben."
Clifford Stoll ist US-Amerikaner, er kann also Erfahrung einbringen aus dem Land, das Deutschland in puncto Schulcomputer technisch um Jahre voraus ist. Diese und deutsche Schulerfahrungen mit jetzt rund fünf Jahren Internet und mehr als zehn Jahren Computer sollte sich zumal so mancher Bildungspolitiker zu Gemüte führen, statt eine immer neue Schulcomputerausstattungsplanwirtschaft aufzulegen.
Etwas mehr Realismus ist angesagt. Weder wird der Computer den herkömmlichen Unterricht ersetzen, noch wird der Unterricht ganz am Computer vorbeikommen. Die Fähigkeit zum Umgang mit neuen Informationstechniken gehört zu den Kulturtechniken, denn neue Informationstechniken können kulturschaffende menschliche Fähigkeiten unterstützen, etwa das Wahrnehmen, Erkennen, Denken und Kommunizieren. Ein zukunftstüchtiges Bildungssystem muss deshalb junge Menschen auf diese informationellen Möglichkeiten vorbereiten.
Landkarte und IT
Im Vordergrund der Grundbildung kann jedoch nicht das technische "Handling" stehen; dieses ist für junge Leute nach kürzester Zeit ebenso selbstverständlich wie das Programmieren des häuslichen Videorecorders. So "surft" zu Beginn des Jahres 2001 bereits die Hälfte der Acht- bis Zwölfjährigen zu Hause im Internet. Und schließlich war kaum ein heute an vorderer Stelle agierender Computer-Ingenieur in der eigenen Schulzeit am Computer gesessen. Das "Handling" lernt man schnell und meistens ohne Schule. Es geht insofern nicht um Technikkompetenz, sondern um Medienkompetenz. Diese Kompetenz kann in weitem Umfang ohne Computer und Internet geschaffen werden. Es gehören zu ihr unter anderem die Fähigkeiten, sinnentnehmend zu lesen, verständlich zu schreiben, Wichtiges und Unwichtiges voneinander zu unterscheiden sowie Informationen zu sortieren und zu bewerten.
Die Möglichkeiten des - auch schulischen - Einsatzes neuer Informationstechnik sind dementsprechend vielfältig. "IT" kann dienen als Werkzeug zum Schreiben, Rechnen, Zeichnen, Konstruieren, Musizieren, Simulieren, Visualisieren sowie zum Sammeln von Informationen; als Lernhilfe, etwa zum Demonstrieren, Illustrieren, Simulieren; als Kommunikationshilfe, etwa zum Kommunizieren zwischen Schülern und Schulen (E-Mail); als Präsentationsmittel, etwa zur Darstellung der eigenen Schule oder eines schulischen Projektes in der Öffentlichkeit ("Homepage").
Dass es auch zu Beginn des Jahres immer noch große deutsche Tageszeitungen gibt, die einer voll computerisierten Modellschule einen begeisterten Vierspalter widmen, bloß weil man dort im Biologieunterricht die neuesten BSE-Statistiken per Internet abruft, ist freilich amüsant und obsolet zugleich. Denn vieles in der Nutzung neuer Informationstechniken ist - bei je nach Schulfach und Schulform unterschiedlicher Reichweite - selbstverständlich und Alltag an deutschen Schulen: die Einspielung aktueller Satellitenaufnahmen in den Erdkundeunterricht, die Internet-Suche zu literarischen oder historischen Themen, das Hereinholen der aktuellen Titelseite der New York Times in den Englischunterricht, die Simulation eines Experiments im Physikunterricht, das Recherchieren im Internet zur Vorbereitung einer Exkursion usw. In den berufsbildenden Schulen ist die Computerisierung berufsnah ohnehin sehr weit fortgeschritten.
Es mangelt eher an etwas anderem. Voraussetzung für die Heranführung junger Menschen an neue Informationstechniken ist nämlich eine entsprechende Ausstattung der Schulen mit Hard- und Software. Diesbezüglich haben die Schulen in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Zu Beginn des Jahres 2001 sind mehr als 90 Prozent der Schulen an das Internet angeschlossen. Auch die Computerausstattung ist gut vorangekommen - freilich je nach Schulform und je nach Finanzkraft der schulischen Kostenträger sehr unterschiedlich.
Eine Komplettversorgung der Schulen, d.h. eines jeden einzelnen Schülers mit einem schulischen Computerarbeitsplatz, ist weder notwendig noch erstrebenswert. Die Schulpolitik sollte sich hier nicht erneut auf ein Quotendenken (früher: Abiturientenquote; heute Computer-Schüler-Relation) einlassen. In einer hochtechnisierten berufsbildenden Schule mag es sinnvoll sein, dass jeder Schüler "seinen" Computer hat. An allgemeinbildenden Schulen ist es aber kein Problem, wenn auf je zwanzig Schüler ein Rechner kommt. Auch in einem solchen Fall hieße das, dass jeder Schüler pro Woche mindestens drei Stunden an einem Schulcomputer arbeiten kann. Das reicht, das sind zehn Prozent des Wochenunterrichts. Der in diesem Zusammenhang zu vernehmende Ruf nach privatem Ausstattungs-Sponsoring ist relativ überflüssig; er kann die Verantwortung der öffentlichen Hand nicht ersetzen. Außerdem muss es ja nicht so sein, dass die Firmen ihre ausrangierten Computer aus Gründen der Bequemlichkeit und des Einsparens von Recycling-Kosten in den Schulen entsorgen.
Mickymaus-Pädagogik
Reichlich hyperaktiv wirkt zudem der Ruf nach einem Internetführerschein für jeden Lehrer. Eine entsprechende Qualifizierung der Lehrerschaft kann je nach Unterrichtsfach sehr unterschiedlich geschehen. Im Übrigen wird die Kompetenz der Lehrerschaft unterschätzt. Wichtig ist es, dass in jeder weiterführenden Schule Systembetreuer bestellt und mit ausreichenden Stundenkontingenten ausgestattet sind. Für die rein technische Wartung wäre die Bestellung eines technischen Administrators für jede größere Schule geboten.
Immer häufiger drängt
sich aber der Verdacht auf, Computer und Internet seien das Problem, als
dessen didaktische Lösung sie ausgegeben werden. Tatsächlich
provoziert ein unkritischer, überdimensionierter Einsatz neuer Informationstechniken
in großem Maße Kollateralschäden, die bislang unterschätzt
wurden und die um so gravierender ausfallen, je früher dieser Einsatz
in der Entwicklung der Kinder beginnt.
| Junge Menschen können durch Multimedia in der Fähigkeit eingeschränkt werden, zwischen faktischer Realität und virtueller "Realität" zu unterscheiden.Die Welt kann in den Augen der Kinder zur bloßen Bildschirm-Simulation werden. Schließlich ist alles auf dem Bildschirm immateriell. Neue Medien mit ihrer Mickey-Maus-Pädagogik und Power-Point-Ikonisierung aller Inhalte können zudem die Haltung fördern, Verpackung und Präsentation seien wichtiger als Inhalte. | |
| Neue Medien, vor allem das Internet, fördern eine sprunghafte Wahrnehmung und die Haltung, Lernen habe immer mit Spaß und Animation zu tun. Die Folgen sind Mängel im Konzentrationsvermögen und in der Ausdauerbereitschaft. Und selbst am Bildschirm können die Aufmerksamkeit und die Ausdauer rasch erschöpft sein, wenn der Reiz des Neuen verflogen ist. | |
| Das am Bildschirm übliche selektive Wahrnehmen bzw. Lesen droht gerade bei Kindern auf das Wahrnehmen und Lesen insgesamt übertragen zu werden. Das leistet einer Art Legasthenisierung Vorschub, denn es hemmt die Fähigkeit zum differenzierten und ganzheitlichen Textverständnis. | |
| Der Computeralltag an den Schulen wird permanent durch einen Virenimport und durch das Aufrufen von Schmuddelseiten durch Schüler belastet. Die Schulen brauchen deshalb ein auch von der Öffentlichkeit und der Schuladministration mitgetragenes Repertoire an Sanktionen, mit denen sie Verstöße gegen die Nutzerordnung ahnden können. Technische Vorkehrungen, z.B. Filtersysteme, können einen Missbrauch nur bedingt verhindern. Notwendig ist vor allem ein Konsens dahingehend, dass entsprechende Schüler aus der Internetnutzung ausgeschlossen werden, dass sie disziplinarrechtlich und ggf. strafrechtlich verfolgt werden und dass sie für Schäden haftbar gemacht werden. |
Völlig falsch ist auch die "Vision", konkretes Wissen sei angesichts von IT überflüssig. Nein, auch zukünftig brauchen Junge und Alte ein von EDV unabhängiges Vorratswissen. Es reicht nicht aus zu wissen, wo man etwas "herunterladen" kann. Eine Download-Gesellschaft mit ihrem Häppchen- und Just-in-time-Wissen wäre nämlich eine Gesellschaft ohne Vorrat, ohne ein Angebot an Identität und Orientierung. Identität und Orientierung kommen nicht aus "skills", nicht aus dem Internetsurfen. Eine "Bildung" der bloßen Informationsgefräßigkeit wäre eine Verweigerung von Identität.
Schule hat den Auftrag, junge Menschen an den Umgang mit Medien heranzuführen. Dazu gehört auch weiterhin die Nutzung der Printmedien, insbesondere des Buches. Das Buch wird zentrales Medium bleiben, weil es Wissen permanent verfügbar anbietet. Der Computer und das Internet werden das Buch nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Deshalb dürfen die finanziellen Mittel der Schulen zur Anschaffung von Büchern nicht beschnitten werden. Und deshalb ist es mit Skepsis zu sehen, wenn die Ausgaben für Schulbücher im Jahr 2000 mit rund 500 Millionen Mark die niedrigsten seit 1991 (780 Millionen) waren und im Jahr 2000 gerade so viel ausmachten wie die Aufwendungen der alten Bundesländer im Jahr 1989 (520 Millionen).
Wissen demokratisieren
Walther Zimmerli, der Philosoph und Präsident der Privatuniversität Witten-Herdecke, hat hier einen klugen Ausspruch getan: "Es irrt, wer meint, der Zugang zu Wissenstechnologien sei selbst schon Wissen. Das Kopieren von Büchern ist auch nicht identisch mit dem Lesen und Begreifen von deren Inhalt." Ansonsten gilt für "IT", was Georg Christoph Lichtenberg vom Buch sagte: "Es macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer!" Das ist das Problem, nämlich dass zwar einerseits Buch wie auch Internet Wissen demokratisieren, dass man aber niemanden dazu zwingen kann, vom vorhanden Informationsangebot Gebrauch zu machen. Deshalb bleibt es dabei: Wer sich in einem Buch oder in einer Bibliothek nicht zurecht findet, der findet sich auch im Internet und auf Daten-Highways nicht zurecht.
Der Computer ist wichtig in der Bildung, aber er ist nicht alles. Er wird zum Fetisch, wenn man meint, er sei mit übernatürlichen pädagogischen und didaktischen Potenzen ausgestattet. Um im Bild zu bleiben: Hoffentlich wird diesem Fetisch nicht auch noch der Rest an Bildungsansprüchen und an Inhalten geopfert.
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