DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 
Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 21. September 2006

LOB DER DISZIPLIN Bernhad Buebs Thesen

Pauschalurteile bringen nicht weiter

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)



Der ehemalige Leiter der Internatsschule Schloss Salem, Bernhard Bueb, fordert seit Jahren eine "Kehrtwende in der Erziehung". In seinem neuen Buch "Lob der Disziplin", in Vorträgen, Aufsätzen und Interviews verlangt er, dass Eltern und Lehrer sich wieder als Respektspersonen - Autorität - sehen und entsprechend verhalten. Damit hat er recht. Trotzdem stört es auch Menschen, die einem eher traditionellen Bild von Erziehung und Bildung, von Familie und Schule verhaftet sind, mehr und mehr, wie sich Bueb bis in die Boulevardzeitungen hinein als pädagogischer Hardliner inszeniert. Viele seiner Thesen können nicht ohne Widerspruch oder Klarstellung bleiben. Ich greife einige auf.

Bernhard Bueb: "Das Leiden der Lehrer und Eltern besteht darin, dass sie täglich einen Großteil ihrer Zeit damit beschäftigt sind, ein Minimum an Ordnung, manieren und Verlässlichkeit bei den Kindern zu erwirken. Dieses Leiden kann man nur durch Disziplin beenden."

Bueb propagiert hier bestimmte, erzkonservative pädagogische Vorstellungen. Er will alle Erziehung dem Diktat der Disziplin unterwerfen und Furcht vor Strafe zu einem maßgeblichen Erziehungsinstrument machen. Das bringt uns überhaupt nicht weiter, denn damit diskreditiert Bueb die berechtigte Vorstellung davon, dass Erziehung eben auch führen heißt.

Ansonsten sind die Buebschen Thesen - wie auch Eva Hermans Emanzipationskritik - zum großen Teil Allerweltsweisheiten, freilich reichlich verabsolutiert. Das deutsche Volk oder zumindest die veröffentlichte Meinung scheint danach zu dürsten. Es gibt ganz öffenbar eine deutsche Sehnsucht nach einfachen Lösungen und nach Simplifizierungen. Trotzdem werden Buebs thesen keine Wirkungen entfalten, denn dazu sind sie zu aphoristisch, anekdotisch und apodiktisch. Allerdings müssen sich alle, die jetzt auf dieses populistisch inszenierte Disziplin-Dogma aufspringen, fragen lassen, ob hier nicht eine menge Projektion eigener jahrelang praktizierter Disziplinlosigkeit im Spiel ist.

"Disziplin ist das Tor zum Glück der Anstrengung und des Gelingens."

Bernhard Bueb müsste seine Begriffswelt ordnen. Er beklagt, in den vergangenen Jahrzehnten habe man in der Erziehung zu sehr nach dem Prinzip Liebe gehandelt, jetzt müsse wieder das Prinzip Disziplin gelten. Aber: Disziplin ist nicht das Gegenteil von Liebe, es sei denn, man verwechselt Liebe mit Verwöhnung, Gefälligkeitserziehung und Spaßpädagogik. Wir sollten es mit dem Pädagogen Theodor Litt halten, für den Erziehung der schwierige und womöglich stündlich und individuell neu zu bestimmende Mittelweg zwischen Führen und Wachsenlassen ist. Gewiss hatten wir in Deutschland lange Zeiten einseitigen pädagogischen Führens, zuletzt aber auch Jahrzehnte des einseitigen Wachsenlassens und des "laissez faire". Nicht nur am Rande bemerkt: In vielen Migrantenfamilien gelten die Prinzipien, die Bueb fordert, in Reinform: Gehorsam und Disziplin. Trotzdem stellt diese Klientel im Schulalltag und auch im Pisa-Test den Kern der schulischen Risikoschüler.

"Wir versündigen uns an den Jugendlichen, wenn wir ihnen die Erfahrung von Askese, Arbeitsethos und rationaler Lebensführung vorenthalten. Es muss wieder ein gesellschaftlicher Konsens entstehen, dass wir ein Klima der strengen Erziehung brauchen."

Diese Wahrnehmung der heutigen Jugend ist ärgerlich. Diese Jugend ist in hohem Maße anständig, traditionell gebunden, familien- und berufsorientiert, und sie ist leistungsbereit. Sie ist vielfach vernünftiger als ihre Elterngeneration, von der ja nicht ganz zu Unrecht gesagt wird, sie sei keine Erwachsenengeneration, sondern eine Generation von Postadoleszenten. Die Shell-Studien, die Studien des Deutschen Jugendinstituts und der Alltag belegen, dass man mit dieser Jugend etwas anfangen kann.

"Ich halte Demokratie in der Schülermitverwaltung für Unsinn. Kein Jugendlicher lernt demokratisches Handeln dadurch, dass er mit 15 Jahren in der  Schule wählt."

Die heutige Jugend ist zu einem erheblichen Teil sogar fast konservativer geprägt als eine Elternschaft, die die 68er-Pädagogik in vollen Zügen genossen hat. Deswegen ist es unerträglich, wenn Bueb die Schülermitverantwortung in Bausch und Bogen verdammt und unter den Generalverdacht stellt, sie fördere Gewerkschaftsgesinnung. Der Salem-Schulleiter scheint nie erlebt zu haben, welche großartigen Projekte SMV etwa im Sozialen oder im Ökologen zustande bringt.

"Die Lehrer müssen zu den Erziehern der Nation werden, denn die Eltern, vor allem das Heer der Alleinerziehenden, ist der Aufgabe der Erziehung kaum mehr gewachsen, auch durch die Zunahme der Eltern aus bildungsfernen Schichten."

Mich stört ein solches Lehrerbild. Lehrer sollen laut Bueb Disziplin einfordern - aus ihrem Charisma heraus oder, sofern nicht vorhanden, aus ihrer Amtsautorität heraus. Wie wäre es, wenn Bernhard Bueb es auch einmal mit der fachlichen Autorität von Lehrern versuchte? Tagtäglich gelingt es Zigtausenden von Lehrern, ihre Schüler zu interessieren und mitzureißen. Schüler spüren, wenn ein Lehrer fachlich hervorragend ist und wenn er sein Fach liebt. Auch damit entflammen Lehrer die Neugier der Heranwachsenden.


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