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LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 7. September 2001
ANALPHABETEN / Rund vier Millionen Menschen in Deutschland haben Probleme
mit Schreiben und Lesen
Die Angst vor den Wörtern
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Niemand gibt es gern zu, dass er Buchstaben kaum erkennt. Aber man kann
sich helfen lassen - nicht nur am 8. September, dem Weltbildungstag. Kaum zu glauben: Während
allenthalben mit dem „Global Village“ das informationell vernetzte Weltdorf
angesagt ist, gibt es einer Statistik der UNESCO zufolge auf dieser Erde
mehr als eine Milliarde primäre Analphabeten. 95 Prozent von ihnen leben
in Ländern der Dritten Welt: Mehr als 600 Millionen sollen es in Asien,
rund 100 Millionen in Afrika und etwa 40 Millionen in Südamerika sein.
In einzelnen Ländern beträgt die Rate der Analphabeten unter Frauen
80 oder gar 90 Prozent, so in Afghanistan oder im Niger; die Höchstwerte
unter Männern liegen im Niger bei 75 Prozent, in Afghanistan, Gambia
und Senegal bei 50 bis 60 Prozent. Primäre bzw. „reine“
Analphabeten: Das sind Menschen, die das Lesen und Schreiben mangels Schulbildung
nie lernen konnten und die deshalb aus weiten Bereichen der kulturellen
Teilhabe, der politischen Partizipation, der Kommunikation, der Bildung, der
Arbeitswelt und gesunder Lebensführung ausgeschlossen sind. Am Welttag
der Alphabetisierung, dem 8. September - das Datum wurde wegen einer im Jahr
1965 in Teheran begonnenen Weltkonferenz über Alphabetisierung gewählt
-, werden diese Fakten, mit vermutlich erneut wenig Nachhaltigkeit,
in Erinnerung gerufen. Clever austricksen Die Unfähigkeit,
lesen und schreiben zu können, ist freilich kein Problem unterentwickelter
Länder. Rund zwei Jahrhunderte nach Einführung der Schulpflicht
soll es beispielsweise in Deutschland vier Millionen sekundäre bzw.
funktionale Analphabeten geben. Das sind Menschen über 15 Jahre, die
entweder nach mehr oder weniger erfolgreichem Schulbesuch das Lesen und Schreiben
wieder verlernt haben (sekundäre Analphabeten) oder die diese Fähigkeiten
nicht gut genug beherrschen, um sie in dem für sie typischen Arbeits-
und Lebensbereich entsprechend anwenden zu können (funktionale Analphabeten). Man mag über die
für Deutschland publizierten Zahlen streiten. Schätzte die UNESCO
im Jahr 1990 die Zahl deutscher deutscher Analphabeten auf 0,75 bis drei
Prozent (500.000 bis 1,9 Millionen), so gehen heute auch die zuständigen
Fachverbände von vier Millionen aus. Das wäre ein Bevölkerungsanteil
von sechs Prozent. Mehr als die Hälfte der lese- und schreibunfähigen
Erwachsenen ist arbeitslos und wird in der Regel von der Arbeitsverwaltung
als nicht vermittelbar eingeschätzt. Die knappe andere Hälfte
übt fast ausschließlich Anlern- und Hilfsarbeitertätigkeiten
aus. Ein Großteil der Analphabeten war auf Sonderschulen für
Lernbehinderte, viele sind Migranten. Auch unter Delinquenten sind sie überrepräsentiert. Der Durchschnittsbürger,
so er nicht in einschlägigen Berufsfeldern tätig ist, kennt in
der Regel keinen Erwachsenen, der nicht zumindest halbwegs des Schreibens
und Lesens mächtig ist. Dass sich indes Analphabeten nicht erkennen
lassen, hat einen nahe liegenden Grund: Sie schämen sich - vor den Arbeitskollegen,
vor den eigenen Kindern, vor Freunden ... Umso cleverer sind die Tricks,
mit denen sie sich tarnen. Die vergessene Brille oder die angeblich verletzte
Hand gehören zu den bekanntesten Gründen, sich ein Formular vorlesen
und ausfüllen zu lassen. Die Angst vor dem Outing
ist es, die die Teilnahme an einem Kurs so unendlich erschwert. Viele Hemmschwellen
sind zu überwinden. Die erste ist der anonyme Anruf bei einer Beratungseinrichtung,
die zweite das erste persönliche Beratungsgespräch bei einer Volkshochschule,
die dritte die Kursgebühr, die vierte die erste Kursstunde, bei der
man von allen möglichen Leuten gesehen werden könnte. In Deutschland ist
man sich dieser Probleme erstmals Ende der siebziger Jahre so richtig bewusst
geworden. Damals wurden von einzelnen Volkshochschulen Alphabetisierungskurse
eingerichtet. 1980 fand der erste Fachkongress statt, ein Jahr später
gab es die erste Studie. Unmittelbar danach nahmen sich die Pädagogische
Arbeitsstelle des Deutschen Volkshochschulverbandes und das Adolf-Grimme-Institut
intensiver der Alphabetisierungsarbeit an, 1984 wurde der Verein „Schreibwerkstatt
für neue Leser und Schreiber e. V.“ gegründet, aus dem 1997
der Bundesverband Alphabetisierung erwuchs. Ab Mitte der achtziger Jahre
wurden über Rundfunk die ersten Motivationsspots ausgestrahlt. 1995
gab es mit dem „Alpha-Telefon“ das erste bundesweit tätige Beratungstelefon
für Erwachsene mit Lese- und Schreibproblemen. Es folgten weitere Kampagnen
unter dem arbeitsplatzbezogenen Motto „Wer schreibt, der bleibt! - Und wer
nicht schreibt?“ oder „Schreib dich nicht ab. Lern lesen und schreiben!“
Die Zahl der Kursteilnehmer pendelte sich bei jährlich und bundesweit
rund 20.000 pro Jahr ein, darunter etwa ein Viertel Migranten. Generell
werden im Norden und Westen mehr Kurse angeboten als im Süden und
Osten. Allen Anstrengungen
zum Trotz hat sich die Analphabetenzahl in Deutschland bislang nicht generell
reduziert. Es ist sogar zu vermuten, dass jährlich mehr Analphabeten
„nachwachsen“ alphabetisiert werden. Damit stellt sich die Frage nach den
Ursachen und nach Möglichkeiten der Prävention. Es liegen zwar
nur begrenzt wissenschaftliche Kausalanalysen vor. Aber man darf vermuten,
dass Analphabetismus Ursachen hat, die - unabhängig von der Höhe
der Intelligenz - mit schulischen, familiären und/oder organischen
Ursachen zu tun haben. Spätere Analphabeten hatten oft bereits in
der Schule Probleme mit dem Lesen und Schreiben und wurden differenziert
gefördert; viele mussten oft die Schule wechseln, blieben ohne Hauptschulabschluss;
Analphabeten kommen häufig aus so genannten bildungsfernen Familien,
in denen es viele Konflikte und wenig Zuwendung gab; manche leiden unter
lange nicht erkannten Seh- und Hörschwächen, die ihnen die optische
bzw. akustische Differenzierung und Kombination von Buchstaben erschwert.
Aus all dem entstehen Diskriminierungserfahrungen, die schließlich
in einen Teufelskreis einmünden: Man traut es sich nicht zu, lesen und
schreiben zu lernen; deshalb vermeidet man Gelegenheiten, lesen oder schreiben
zu müssen; und weil man es nicht lernt, resigniert man mehr und mehr
vor dieser Herausforderung. Ein wirksames Mittel
gegen solche Bildungsbiographien ist Prävention. Das heißt,
die Schulen, vor allem die Grundschulen, Hauptschulen, Sonderschulen
und Berufsschulen, müssen in die Lage versetzt werden, lese- und schreibschwache
Schüler differenziert zu fördern. Überhaupt müssen
das Vorlesen und das Lesen zumal in Zeiten der großen Verführungen
durch die Bildmedien wieder mehr Eingang in Schulen und Familien finden.
Ein späteres Kurieren ist erheblich schwieriger. Da muss das Umfeld
helfen: der Ehegatte, die Kinder, die Arbeitskollegen, die Arbeitsverwaltung.
Ihnen muss es gelingen, die Betroffenen zu motivieren, wenigstens eine Beratung
in Anspruch zu nehmen. Anonymer Rat Etwa beim Bundesverband
Alphabetisierung: Er vermittelt den Zugang zu Kursen, stellt erwachsenengerechte
Unterrichtsmaterialien bereit, empfiehlt Referenten und gibt mit dem "Alfa-Forum"
das einzige deutsche Fachmagazin heraus. Außerdem betreibt der Verband
das so genannte "Alfa-Telefon" für Menschen mit Lese- und Schreibproblemen.
Allein im ersten Halbjahr 2001 wurde die - auf Wunsch
anonyme - Telefonberatung von etwa 500 Menschen in Anspruch genommen. Nach
Auskunft von Geschäftsführer Peter Hubertus rufen fast exakt
gleich viele Männer und Frauen an, gut die Hälfte sind Betroffenene;
die anderen sind Angehörige, Arbeitskollegen und Vorgesetzte. Die meisten
Anrufer sind Mitte 30 und Mitte 40, einem Alter also, in dem sich gerade
beruflich sehr viel entscheidet. Es ist freilich ein
bisschen symptomatisch für den Umgang von Öffentlichkeit, Politik
und Administration, dass der Bundesverband Alphabetisierung ausschließlich
von Spenden lebt. Jetzt, am Welttag der Alphabetisierung, zeichnet ihn die
UNESCO mit einem der fünf internationalen Alphabetisierungspreise aus:
dem King-Sejong-Literacy-Prize. Dieser Preis ist nach dem koreanischen König
Sejong benannt, der vor 550 Jahren mit der Entwicklung eines einfachen Alphabets
einen wichtigen Beitrag zur Massenalphabetisierung geleistet hat. „Die Verleihung
des Preises hilft uns, das Problem des funktionalen Analphabetismus auch
in Deutschland ins öffentliche Licht zur rücken“, freuen sich denn
die Empfänger. Und die Politik? Gewiss
kann man den Volkshochschulen oder dem Bundesbildungsministerium keine
Vorhaltungen machen. Beide Institutionen waren die Ersten, und sie sind
die Aktivsten, wenn es in Deutschland um Alphabetisierungsarbeit geht.
Aber die Bundesländer müssten sich bewegen. Zumindest müssten
sie die Alphabetisierungskurse bezuschussen. Es wäre jedenfalls eine
lohnende Investition nicht nur in die Arbeitsmarkt, sondern auch in Randgruppen
und in die Lebenswelt ängstlicher Menschen.
Tipps und Kontakte- Bundesverband Alphabetisierung
e.V.
Goebenstraße 13 48151 Münster Tel. (02 51) 5 34
69-40 www.alphabetisierung.de Mitgliedsbeitrag
für natürliche Personen: 50 DM/Jahr. Bestelladresse für Materialien,
etwa die Broschüre "Ihr Kreuz ist die Schrift" (10 DM): Brunsweddel
9, 24582 Bordesholm, Tel. (0 43 22) 75
20-40 Spendenkonto: 77
77 90 - 200 bei der Postbank Hamburg, BLZ 200 100 20
Weitere Anlaufstellen- Deutscher Volkshochschul-Verband
e.V.
Obere Wilhelmstraße
32 53225 Bonn Tel. (02 28) 9 75
69-20 www.dvv-vhs.de- Bundesverband Legasthenie
e.V.
Königstr. 32 30175 Hannover Tel. (05 11) 31
87 38 www.legasthenie.net- Sprachverband Deutsch
für ausländische Arbeitnehmer
Raimundistr. 2 55118 Mainz Tel. (0 61 31) 9
64 44-0 www.Sprachverband.de- Gesellschaft Erwachsenenbildung
und Behinderung
Postfach 87 02 28 13162 Berlin www.geseb.de- Stiftung Lesen
Fischtorplatz 23 55116 Mainz Tel. (0 61 31) 2
88 90-0 www.StiftungLesen.de- UNESCO-Institut
für Pädagogik
Feldbrunnenstraße
58 20148 Hamburg Tel. (0 40) 44 80
41-0 www.unesco.org/education/uie
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