DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

ddp-Kolumne vom 15. November 2008

PISA-Rituale

Von Josef   K r a u s

 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Wenn es um den PISA-Test geht, inszenieren sich die Deutschen gerne als Volk der Gallensäfte. Wahrscheinlich hat das mit einem Nationalcharakter zu tun, für den ein Glas nie halb voll, sondern immer halb leer ist. Reicht es nämlich für Deutschland mal – beim Fußball oder bei PISA – nicht zu einem Spitzen-, sondern nur zu einem Mittelplatz, dann verfällt man in kollektiven Masochismus und möchte, lieber noch als gut durchschnittlich zu sein, als sündenstolzer Negativ-Weltmeister ganz hinten liegen.
 
Man wird diese schier ritualisierte Attitüde in wenigen Tagen erleben, wenn neue Daten aus einer zurückliegenden PISA-Testung aufgelegt werden. Zum insgesamt dritten Mal geht es dann um den Vergleich der Schulleistungen der 16 deutschen Länder. Spannendes und Überraschendes ist dabei kaum zu erwarten. Denn auch jetzt bei der Veröffentlichung der innerdeutschen PISA-Daten von 2006 wird sich zeigen, dass ein erhebliches Süd-Nord-Leistungsgefälle besteht. Trotzdem werden die üblichen hysterischen Reflexe einsetzen: Die Süddeutschen mögen ja die PISA-Besten sein – aber sie hätten ja so wenig Gymnasiasten und so wenige Arbeiterkinder unter den Abiturienten. Und unter Berufung auf das doch so ruhmreiche Finnland wird es wieder heißen: Die Finnen mit ihrer Gesamt- und Gemeinschaftsschule seien uns eben haushoch überlegen.
 
Erneut wird all dies falsch sein. Schließlich haben wir große Bundesländer, die mit einem dezidiert gegliederten Schulwesen und trotz einer zehnfach höheren Migrantenquote fast so gut abschneiden wie Finnland. Außerdem haben die besten Wirtschafts- und Arbeitsmarktdaten Länder bzw. Regionen mit bezeichnenderweise geringen Abiturientenquoten: die Schweiz, Österreich, Bayern und Baden-Württemberg. Vor lauter Finnland-Mythos wird man wieder verdrängen, dass dieses Land eine der europaweit höchsten Quoten an jugendlichen Arbeitslosen, Alkoholikern und Suizidanten hat. Dass mittlerweile die Mehrzahl der deutschen Länder das nicht minder hochgelobte schwedische Schulsystem deutlich an PISA-Werten übertrifft, wird ebenfalls unter den Teppich gekehrt bleiben. Neoliberale Ökonomen werden in ihrem Privatisierungseifer zudem behaupten, dass Privatschulen besser abschneiden würden, wiewohl dies in Deutschland bei PISA exakt nicht der Fall ist.
 
Gleichwohl ist es gut, dass es PISA gibt. Deutschland hat sich viel zu lange solchen internationalen Tests versperrt. Freilich darf die PISA-Messerei nicht zum Selbstzweck werden. Andernfalls droht uns ein verarmtes, erbärmliches Verständnis von Bildung. „Bildung statt PISA“ sollte das Motto heißen. Bildung ist schließlich erheblich mehr als das, was PISA misst. PISA hat nämlich überhaupt nichts zu tun mit (fremd-)sprachlicher, literarischer, historischer, politischer, geographischer, religionskundlicher, ethischer und ästhetischer Grundbildung. Wer also meint, es komme nur noch auf PISA-Tabellen an, der degradiert Bildung zum Klonen von Funktions-Fuzzis. Grundprinzip eines seit Jahrhunderten weltweit anerkannten Bildungsverständnisses der Deutschen ist es aber, dass man in der Schule im Interesse von Persönlichkeitsbildung und kultureller Bildung größten Wert eben auch auf das Nicht-Messbare und Übernützliche legt. Also bitte: Nehmen wir PISA-Ergebnisse als interessante Diagnose eines Ausschnitts des schulischen Lerngeschehens, und gehen wir damit so gelassen um, wie es weltweit viele vermeintliche PISA-Sieger und PISA-Verlierer tun.
 


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