Wenn
in diesen Tagen gefragt wird,
was das neue Jahr denn bringen könnte, dann auf jeden Fall dies: neue
Erkenntnisse in der Schulpolitik. Der Präsident der Deutschen
Lehrerverbands,
Josef Kraus, hat jetzt mit 33 Kernthesen Klarheit in das Bildungsgewirr
gebracht. Denn die Grundfrage seit Jahrzehnten ist ja, ob die
permanenten
Schulreformen etwas verbessert haben. Bekommen die Schüler eine größere
Allgemeinbildung, konnten sie im internationalen Vergleich besser
mithalten?
Kraus sieht sich von Universitäten, mittelständischen Unternehmern und
Institutionen darin bestätigt, dass es nicht der Fall ist. Nicht nur
sprachliche Mängel sind zu beklagen, auch Schwächen in den
Naturwissenschaften
und Mathematik. Und kann die Spaßschule, wie sie vor Jahrzehnten
propagiert
wurde, überhaupt noch zum Erfolg führen? Für Kraus ist die gegenwärtige
Bildungspolitik eine Ersatzreligion. Denn in der Schulpädagogik
erlebten wir
„permanent einen Triumph der Ideologie über das Urteilsvermögen“. Die
„Bildungspolitik erscheint damit als Ersatzreligion, als Sozial- und
Zivilreligion mit keinem geringeren Anspruch als dem der totalen
Gerechtigkeit“. Worauf es Kraus aber ankommt, ist die
Unterschiedlichkeit der
Menschen zu akzeptieren, das wäre eine Bereicherung für die gesamte
Schulsituation. Denn mit Bildungsbiographien darf nicht experimentiert
werden.
Darum wäre das Aussetzen von Reformen auch eine Reform.
Punkt eins auf dem Weg zur
Bildungsnation Deutschland lautet also: „Bildung ohne Anstrengung geht
nicht.“
Denn Bildung und Lernen geht nie ohne Anstrengung, auch wenn die
Wohlfühlpädagogik das anders sehe. Nicht nur weil die Fähigkeiten der
Schüler
unterschiedlich sind, ist Anstrengung nötig, sondern die Unterhöhlung
des
Leistungsprinzips setze auch „eines der revolutionärsten demokratischen
Prinzipien außer Kraft“. Nur in unfreien Gesellschaften werde
Gleichheit
gefördert, in höhere Positionen gelangt man durch gleiche Gesinnung,
Geburtsadel und Geldbeutel. Freie Gesellschaften dagegen kennen
Leistung,
Erfolg und Aufstieg. Die Schule kann also kein Ort der Herstellung von
Gleichheit sein. Sondern ihre Aufgabe ist die Förderung von Freiheit und Verschiedenheit. Und da schreibt
Kraus ganz eindeutig: „Es ist nun einmal das unüberwindliche Dilemma
des
pädagogischen Egalitarismus: Egalitäre Schulpolitik erzielt
vermeintliche
Gleichheit allenfalls durch Absenkung des Anspruchsniveaus.“ Die die
Senkung
des Niveaus würden aber gerade Schüler aus schwierigen Milieus in ihren
„restringierten Codes“ festgelegt. Es geht also um Förderung durch
Differenzierung, nicht etwa durch Auslese oder Selektion, wie häufig im
Vorwurf
ideologisierender Bildungspolitik zu hören ist. Dass Begabung und
Intelligenz
in Misskredit gerieten, führt Kraus auf die britischen
tabula-rasa-Theorien
zurück, die in Anlehnung an John Locke in der modernen Verhaltenslehre
eines
Skinner oder Watson das Bewusstsein des Kindes für ein unbeschriebenes
Blatt
halten, in das sich die äußeren Einflüsse einschreiben. Menschen kommen
aber
unterschiedlich auf die Welt und müssen nach Kraus dementsprechend
gefördert
werden, wozu auch Zeugnisse und Noten gehören. Die angeblichen
Alternativen zu
den Ziffernnoten hält der Autor nicht für zureichend, weil sie entweder
geschönte Verbalgutachten seien oder wegen ihrer Formulierung die
Eltern zu
Fragen an die Lehrer veranlassten. Der Stress durch Noten und
Anstrengung sei
sogar bis zu einem gewissen Grad lernfördernd und lebensverlängernd.
Hierzu
gibt der Buchautor interessante Hinweise. Aus den bisherigen Argumenten
folgt,
dass die Einheitsschule in Deutschland scheitern musste. Darum gibt es
auch
keinen Grund, sie unter dem anderen Namen der Gemeinschaftsschule oder
Stadtteilschule
wieder aufleben zu lassen.
Das
Überzeugende an dem Büchlein
ist, dass Josef Kraus nichts auslässt. Kein Punkt, der in der
Bildungspolitik
eine Rolle spielt oder von der öffentlichen Diskussion besetzt wird,
kommt zu
kurz. Dazu gehört auch die vierjährige Grundschulzeit, das sei genug.
Sechs
Jahre Grundschule sei nur eine Lernbremse, der Wissensrückstand beträgt
nach
sechs Jahren immerhin schon eineinhalb Jahre. Die leistungsstarken
Schüler
haben das Nachsehen. Kraus schätzt den Blick der Grundschullehrer auf
die
Leistungen der Schüler hoch ein und kommt zu dem Ergebnis, dass
Grundschüler
mit wenigen guten Noten in Deutsch und Mathematik als befriedigend auch
kaum
den Weg zum Abitur schaffen. Und eine Abschaffung verbindlicher
Übertrittsempfehlungen
zum Gymnasium verstärkt nach verschiedenen Studien sogar die sozialen
Unterschiede, wobei die Integration von Migrantenkindern ausdrücklich
als
Bildungsaufgabe bezeichnet wird. Auch der „Abiturwahn“ wird zum Thema.
Besonders skurril sind die Auswüchse mit einem Blick auf
Großbritannien, wo
sogar Friseure einen Bachelor-Abschluss brauchen. Interessant ist auch
die
Meinung des Autors, die Ganztagsschule sei der Halbtagsschule an
schulischer
Leistung keineswegs überlegen. Grundsätzlich ist das Elternhaus die
idealere
Lösung, wo in der Familie mit Natur und Kultur die unmittelbarste
Berührung
geschieht. Die Bildungspolitiker sind aufgerufen, all diesen
Erkenntnissen
gerecht zu werden und die Reformpädagogik zu entzaubern. Bildungs- und
Erziehungsoffensive müssen dabei Hand in Hand gehen. Man darf gespannt
sein, ob
dieses Jahr eine Besserung der Lage bringt.
Josef
Kraus: Bildung geht nur durch Anstrengung. Wie wir wieder eine
Bildungsnation werden können. Classicus Verlag 2011, 100 Seiten, ISBN
978-3-942848-27-5, EUR 9,90
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