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Aus "Die Tagespost" vom 20. Juli 2010
Bildungspolitische Profillosigkeit rächt sich
Erfolgreiche bürgerliche Revolte in Hamburg gegen vereinheitlichte Schule -
Die CDU ist der große Verlierer
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Hamburgs Bürger haben mit 55,9 gegen 44,1 Prozent oder mit 276
304 gegen 218 065 Stimmen entschieden: Es wird keine Primarschule, also keine
auf sechs Jahre verlängerte Grundschule geben. Dieses Votum der Hamburger kommt
einer bürgerlichen Revolte gleich. Verlierer ist deshalb vor allem die CDU,
deren Bildungspolitik in ihrer Beliebigkeit und Profillosigkeit gerade – aber
nicht nur – in Hamburg ohnehin zur offenen Flanke geworden war.
Gewinner sind die Kinder, die auch zukünftig bereits ab der 5.
Klasse eine ihren Fähigkeiten entsprechende Differenzierung erfahren. Immerhin
haben alle namhaften Studien bewiesen, dass viele Kinder durch eine verlängerte
Grundschule gebremst und auch schwache Schüler mit einem sogenannten längeren
Lernen nicht besser gefördert werden. Gewinner ist auch das Hamburger Gymnasium,
dem damit eine weitere Amputation erspart bleibt, schließlich hätte das
Gymnasium, nachdem es bereits die 13. Klasse verloren hat, auch noch die 5. und
6. Klasse hergeben müssen und sich als Bonsai-Gymnasium wiedergefunden. Und
Gewinner ist Hamburg insgesamt, denn eine Verlängerung der Grundschule auf sechs
Jahre hätte die Hansestadt – siehe die „Vorbilder“ Berlin und Brandenburg – auf
Dauer im PISA-Tabellenkeller eingekerkert.
Der Hintergrund
Aber der Reihe nach: Am vergangenen Sonntag standen zwei
Varianten zur Abstimmung. Da war zum einen das von allen Fraktionen des
Stadtparlaments abgesegnete neue Schulgesetz. Danach sollte die bislang
vierjährige Grundschule ab Herbst 2011 sukzessive zu einer sechsjährigen
Primarschule umgewandelt werden. Die Kosten dafür sollten sich bis 2016 auf etwa
430 Millionen Euro belaufen. Da war zum anderen – getragen von einer
bürgerlichen Initiative mit dem Namen „Wir wollen lernen“ (WWL) – ein
Gegenentwurf, mit dem eine Verlängerung der Grundschulzeit verhindert werden
sollte.
Der Beginn dieser Kontroverse geht zurück auf die Gründung der
schwarz-grünen Koalition in Hamburg. Diese war nach den Bürgerschaftswahlen vom
24. Februar 2008 ins Amt gekommen und gerade auch von CDU-Leuten als Beispiel
zukünftiger Koalitionsoptionen gerühmt worden. Da die FDP knapp an der
Fünf-Prozent-Hürde gescheitert und eine Große Koalition unter Einbeziehung der
SPD nicht gewünscht war, bot sich die Grün-Alternative Liste (GAL) mit ihren 9,6
Prozent als Partner der CDU an.
Im April 2008 kam es zum schwarz-grünen Koalitionsvertrag, der
freilich in vielen Politikbereichen eher das Ergebnis eines Kuhhandels denn
profilierter Zielvorstellungen war. Beispiel: Die CDU als „Wirtschaftspartei“
wollte das Ausbaggern der Elbe auf 14,50 Meter durchsetzen, damit größere
Container-Schiffe in den Hafen einlaufen können. Die Öko-Partei wollte dies
selbstredend nicht, sie wünschte aber qua Verlängerung der Grundschulzeit den
Einstieg in eine Vereinheitlichung des Schulsystems. Das Ergebnis ist bekannt,
es gab beides: Elbvertiefung plus Bildungsverflachung.
Bereits im Mai 2008 gründete sich gegen diese Absichten die
Initiative „Wir wollen lernen“ (WWL) um den Anwalt Walter Scheuerl. Diese
Initiative wurde maßgeblich getragen von bürgerlichen Kräften, unter anderem
auch von Untergliederungen der CDU. Dass damit ein Riss durch die CDU Hamburgs
ging, war bald zu erkennen und auch am Ergebnis der Europawahl vom 7. Juni 2009
ablesbar. Die CDU erhielt an diesem Tag nicht zuletzt wegen ihrer Schulpolitik
mit 29,7 Prozent einen heftigen Denkzettel. Gleichwohl setzte sich der
schulpolitische Autismus der CDU fort. Mehr noch: Mit diversen Tricks versuchte
man, den Erfolg eines sich abzeichnenden Bürgerbegehrens zu verhindern. Der
CDU-Mann Ole von Beust scheute sich nicht einmal, klassenkämpferische Töne
anzuschlagen und den Vertretern von WWL zu unterstellen, hier handle es sich um
„Gucci-Eltern“, die nicht wollten, dass ihre Kinder mit Migrantenkindern
zusammen lernten.
Zum 17. November 2009 hatte WWL trotzdem innerhalb der
vorgegebenen zwei Wochen 184 500 Unterschriften für ein Bürgerbegehren oder
einen nachfolgenden Bürgerentscheid aufgeboten. Das war etwa das Dreifache an
Unterschriften, die notwendig gewesen wären (nämlich 62 000) – und es waren etwa
doppelt so viele Unterschriften, wie die GAL bei den 2008er Wahlen auf sich
hatte vereinigen können. Es folgten im Winter 2009/2010 und im Frühjahr 2010
sechs zähe Verhandlungsrunden, bei denen die schwarz-grüne Koalition die
WWL-Initiative von ihrem Plan eines Bürgerentscheides abbringen wollte. Ohne
Erfolg.
Die Tricks der Regierenden
Umso trickreicher ging die Stadtregierung nachfolgend zu Werke.
Der Termin für den Bürgerentscheid wurde mitten in die Sommerferien, auf einen
Sonntag eineinhalb Wochen nach Beginn dieser Ferien gelegt. Und damit WWL keine
zu große Publizität erhalten könne, untersagte es die Landesmedienanstalt
Hamburg/Schleswig-Holstein dem Sender Radio Hamburg, WWL-Werbung auszustrahlen.
Lehrer gar, die sich für WWL öffentlich einsetzten, mussten mit Rügen rechnen.
Die Kampagne für die vereint schwarz-grün-rot-dunkelroten Schulpläne wurde zum
Teil aus Fraktionsmitteln und damit aus Geldern der Steuerzahler finanziert,
während WWL auf nur rund ein Zehntel dieses Betrages ausschließlich via Spenden
verwiesen war. CDU und SPD warben mit identischen Plakaten, auf denen ein
Mädchen mit weit geöffnetem Mund den Wählern zuruft: „Deine Stimme für meine
Zukunft!“ – „Sag JA zur Primarschule!“ Diese Einheitsplakate für Einheitsschule
unterschieden sich somit nur im aufgedruckten Parteinamen. Vernebelnd auch die
anderen Kernaussagen der Plakate: Ein JA zur Primarschule war mit zwei
gefälligen Versprechen kombiniert: „Kleinere Klassen bis zur Sechsten“ -
„Elternwahlrecht bleibt“. Ein Schelm, der Schlechtes bei all dem denkt.
Nun also dieses Ergebnis. Gewisse Kreise suchen es schon
herunterzuspielen – vonwegen geringe Wahlbeteiligung oder ähnliches. Falsch! Die
Wahlbeteiligung in Hamburg war vergangenen Sonntag mit 39 Prozent signifikant
höher als die Wahlbeteiligung der Hamburger bei der Europawahl 2010 (34,7
Prozent). Interessant auch: In bürgerlichen Stadtbezirken – etwa Nien-stedten
(54,7 Prozent), Blankenese (54,0) und Othmarschen (53,8) – kam es zu einer recht
hohen Beteiligung. Dagegen blieben Bezirke mit geringerem Sozialstatus bei
niedrigen Beteiligungsraten: Hammerbrook (17,7) oder St. Pauli (27,3).
Könnte das heißen, dass sozial schwächere Schichten dem
Versprechen der Regierenden, mit einer Verlängerung der Grundschule werde mehr
„Bildungsgerechtigkeit“ installiert, gar nicht so recht glauben?
Bundespolitische Implikationen
Die Hamburger Entscheidung wird bundespolitische Auswirkungen
haben. Es ist zu erwarten, dass die Debatten um eine verlängerte Grundschule nun
doch etwas verstummen und beispielsweise die Koalitionen im Saarland und in NRW
die Bedeutung des Hamburger Referendums erkennen. In NRW – das weiß man seit dem
erfolgreichen Bürgerbegehren des Jahres 1978 gegen die Gesamtschule – gibt es
mindestens die gleichen bürgerlichen Mobilisierungspotenziale wie in Hamburg. In
NRW nämlich will die rot-grüne Minderheitsregierung ebenfalls gegen jede
praktische Erfahrung und wissenschaftliche Erkenntnis die Grundschule
verlängern.
Auswirkungen muss das Hamburger Referendum vor allem auf die CDU
haben. Diese hatte sich zuletzt programmatisch und personell aus der
Bildungspolitik davongestohlen. Unter neun CDU-Länderchefs gibt es
beispielsweise nur noch vier CDU-Schulminister. Der programmatischen Erosion der
CDU folgte nun die personelle. All dies passt nicht zu einer „Bildungsrepublik“,
die die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende Merkel ausgerufen hat. Die CDU muss sich
hier wieder markanter darstellen, sonst gehen für sie die im Jahr 2011
anstehenden sechs Landtagswahlen nicht gut aus.
Zudem hat Bundeskanzlerin Merkel inklusive Ole von Beust binnen
eines Jahres sechs CDU-Länderchefs verloren. Der eine oder andere davon hätte
als Alpha-Tier gelten können. Nun aber hat Merkel überhaupt keine Alpha-Leute
mehr um oder hinter sich. Merkel mag damit in ihrer Partei personell völlig
unangefochten sein, aber vielleicht stellt sie sich einmal die Frage, ob sie
denn immer die richtigen Wege beschreitet, wenn ihr alle föderalen Spitzenleute
wegbrechen. Es wird einsam um die Kanzlerin. Denn die Leute, die sie in Berlin
um sich hat, gehören allenfalls zur Beta-Kategorie – die Pofallas, die Gröhes
und andere.
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