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Essay aus "Die Welt" vom 29. März 2010
Reformpädagogik als Ersatzreligion
Zu lange wurden die Ideen der Reformpädagogik heiliggesprochen.
Dabei haben sie weit weniger gebracht als gemeinhin behauptet. Zeit für eine nüchterne Betrachtung.
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Die
sogenannte Reformpädagogik hat mit den aktuellen Fällen sexuellen Missbrauchs
von Schutzbefohlenen ihren GAU erlebt. Dieser Missbrauch wird nicht dadurch
relativiert, dass es mehr kirchliche Schulen gibt, an denen Entsprechendes
geschehen ist. Und ebenso kann der Missbrauch an kirchlichen Internaten nicht damit
heruntergespielt werden, dass freie, nicht-kirchliche Schulen ebenso zu den
„Täter“-Schulen gehören. Zugleich
sollte eine kritische Betrachtung der Reformpädagogik insgesamt einsetzen. Lange
genug waren ihre Historie und ihre avantgardistischen Visionen unreflektiert
hingenommen, ja heiliggesprochen worden.
Aus Reformpädagogik war etwas
Sakrosanktes geworden. Wer sich ihren Dogmen kritisch näherte, galt reformbeflissenen
Inquisitoren als unsensibler Holzklotz, der keine Ahnung von wahrem Kindsein
hatte. Es galt zudem die Legende, dass alles, was an Neuerungen in der
Pädagogik implementiert wurde, von der Reformpädagogik mit ihrem
Einheitsschulgedanken und mit ihrem Ziel ganzheitlicher, ja totaler Erziehung
ausgegangen sei. Dabei ist die zwischen 1900 und 1920 als Gegenbild zur
staatlichen Buch- und Lernschule inszenierte Reformpädagogik selbst der
Anachronismus, als dessen Überwindung sie sich ausgibt. Schließlich leitet sich
Reformpädagogik immer noch von Defizitbeschreibungen der Bildung des ausgehenden
19. Jahrhunderts her - Beschreibungen, die damals teilweise gelten konnten,
nicht aber für das 21. Jahrhundert gelten können. Um diejenige Klientel, die
die Risikoschülerschaft ausmacht, hat sich Reformpädagogik freilich selten gekümmert.
Allein deshalb war und ist sie alles andere als zeitgemäß.
Gleichwohl
gibt es die Reformpädagogik schlechthin
nicht. Es gehören zu ihr unter anderem: Maria Montessori (1870 - 1952) mit
ihrer Casa dei bambini; Rudolf Steiner (1861 - 1925) mit seiner Waldorfschule;
Peter Petersen (1884 - 1952) mit seiner Jenaplan-Schule; Hermann Lietz (1868 -
1919) mit seiner Landerziehungsheim-Bewegung bzw. deren Sezessionen, etwa der
Odenwaldschule; Célestin Freinet (1896 - 1966) mit der Freiarbeit. Die
Reformpädagogik bietet damit und mit anderen Varianten ein vielfältiges Bild,
das von völkisch bis sozialistisch, von individualistisch bis kollektivistisch,
von metaphysisch bis rationalistisch reicht.
Die
Verirrungen reformpädagogischer „Meister“ – nicht selten übrigens studierter,
später abgefallener Theologen – werden bis heute kaum aufgearbeitet. Gerne aber
waren Reformpädagogen - gelinde ausgedrückt - politische Opportunisten: Peter
Petersen war bekannt wegen seiner Nähe zum Nationalsozialismus; Maria
Montessori, Ehrenmitglied der Faschisten, hatte die Nähe zu Mussolini gesucht;
Hermann Lietz äußerte sich 1919 in seiner Schrift „Des Vaterlandes Not und
Hoffnung“ antisemitisch.
Trotzdem
vermochten diese Schulgründer über ihren Tod hinaus selbst in einem Land,
dessen Staatsräson für viele der Antifaschismus zu sein scheint, gläubige
Gemeinden zu formieren. Der Grund für diese Wirkung ist wohl ihr Credo einer „Erziehung
vom Kinde“ aus. Das Kind wurde zum Heiligtum befördert; erwachsene Ansprüche
galten als Teufelszeug.
Berufen konnte sich die Reformpädagogik auf die Schwedin
Ellen Key, die 1900 das Jahrhundert des Kindes ausgerufen hatte.
Vergessen freilich
schien damals schon Keys „neue Ethik“ auf rassenhygienischer Grundlage
sowie
ihr Werben für ein entsprechendes Paarungsverhalten. Und noch
weiter zurückgreifend,
rekurrierten die Reformer auf Jean-Jacques Rousseau mit seiner
quasi-religiösen
Verklärung der Natur und seiner Proklamation des „edlen Wilden“,
der durch die
Kultur, zum Beispiel durch Bücher, verbildet werde. Damit war der
Grundstein
gelegt für anti-autoritäre Erziehung. Hiermit sowie mit
Rückgriff auf Platons
„pädagogischen Eros“ war die Basis geschaffen für eine
Entgrenzung des
Verhältnisses zwischen Pädagogen und Zöglingen, die sich
etwa in
Landerziehungsheimen bald duzten, für die Nacktbaden und
Nacktgymnastik
Alltag wurden und die unter einem Odenwald-Schulleiter in den 80er und
90er Jahren Duschorgien und feierten. Eine Art pädagogisches
Inzesttabu gab es oft
nicht mehr, die Übergänge zur Pädophilie, ja zur
Pädosexualität wurden
fließend. Sorgende Liebe (Agape) wurde einem zweifelhaften
Verständnis von
pädagogischem Eros geopfert.
Es lag nahe, dass in der Folge Autorität sowie eine Erziehung
mit Maß, Mitte und Distanz zur strukturellen Gewalt erklärt wurden und dass das
Geschehen zwischen Alt und Jung stattdessen „auf einer Augenhöhe“ stattzufinden
hatte. Die Heranwachsenden sind damit überfordert. Zudem kerkert eine verabsolutierte Vorstellung
von Kindgemäßheit die jungen Leute in einer ewigen Gegenwart ein.
Eine
besondere Stellung innerhalb der Reformpädagogik nehmen die zweihundert
deutschen Waldorfschulen ein. Deren Vorbild ist die 1919 vom Zigarettenindustriellen
Emil Molt gegründete und von Rudolf Steiner geleitete Ur-Waldorfschule. Gemeinhin
gilt hier als anthroposophisches Bekenntnis: Waldorfschulen sind gut, denn sie
sind Schulen ohne Noten, ohne Sitzenbleiben, ohne Stundentakt; Schulen der
Ganzheitlichkeit, der Kindgemäßheit, der Eurhythmie. Blickt man allerdings
hinter die Fassaden, kann man resümieren, dass mit Steinerscher Terminologie heutzutage
keine Schule mehr zu machen ist - mit Reinkarnation, Karma, Gnosis, Kosmogonie,
Astral-Leib, okkulten Wahrheiten und ätherischer Welt usw. Höchst bedenklich auch
Steiners Rassenkunde: Er katalogisiert die Rassen nämlich in Schwarze mit
„Hinterhirn“ und „Triebleben“, in Gelbe mit „Mittelhirn“ und „Gefühlsleben“ sowie
in Weiße mit „Vorderhirn“ und „Denkleben“. Nach Steiner ist die
Rassengliederung übrigens von den Atlantis-Mysterienführern ins Werk gesetzt. Vor
solchen Hintergründen wäre es eigentlich an der Zeit, dass sich Waldorfschulen,
die immer noch Steiner-Schulen heißen, ihres Namens entledigten.
Was kommt bei all dem heraus?
Wie schaut es jenseits wohlklingender Visionen und jenseits des Erwerbs von
Schulpreisen, deren Kriterien manchmal wie die Inhaltsverzeichnisse
reformpädagogischer Schriften anmuten, mit objektivierbaren Leistungsbilanzen
aus? Bestenfalls durchwachsen, und das trotz ausgesuchter Schülerklientel. Faktum ist: Erstens schneiden
Privatschulen in Deutschland bei PISA mitnichten besser ab als staatliche
Schulen. Zweitens sind – warum auch immer! - keine PISA-Ergebnisse etwa
deutscher Waldorfschulen und Landschulheime bekannt. Und drittens: Wenn
Reformschulen tatsächlich einmal an PISA beteiligt waren und ihre Ergebnisse
öffentlich machten, dann wurde hochgestapelt. Zwei Beispiele: Die seit Ende 2002
herumgereichten, angeblich tollen PISA-Ergebnisse zweier „Reformschulen“ in
staatlicher Trägerschaft, nämlich der Helene-Lange-Schule Wiesbaden und der
Laborschule Bielefeld, lassen sich keineswegs bestätigen. Konkret: Die Helene-Lange-Schule
Wiesbaden (HLS) als Gesamtschule hatte bei PISA 2000 im Subtest Lesen einen
Wert von 579 erreicht. Verkauft wurde dieses Ergebnis als das Ergebnis des angeblichen
deutschen PISA-Siegers, der sogar Finnland übertroffen habe. Richtig aber ist:
Im Vergleich mit den Ergebnissen der Gymnasien in Deutschland rangiert der
HLS-Wert sogar im hinteren Drittel. Zahlreiche Gymnasien haben einen Wert von
mehr als 600 erreicht. Auch die Darstellung der PISA-Ergebnisse der Laborschule
Bielefeld als Schule mit angeblich überragenden Werten ist falsch. Richtig ist:
Die Schüler dieser Schule erreichten im Lesen und in den Naturwissenschaften durchschnittliche
Leistungen. In Mathematik lagen die Leistungen der „Labor-Schüler“ sogar etwas
unterhalb des Wertes, den man aufgrund der Zusammensetzung der Schülerschaft in
der Laborschule erwarten würde. So weit, so gut, so weit, so durchschnittlich.
Vor
allem sollte mehr Licht kommen in die kartellhaften Verflechtungen
reformpädagogischer Protagonisten. Deren Netzwerk umfasst eine
gewisse Anzahl
an Bildungswissenschaftlern und Schulleitern, die öffentlich gar
als „Päpste“
unfehlbarer Pädagogik inszeniert werden: Man publiziert
miteinander, man
empfiehlt sich wechselseitig für Beraterposten, man zitiert und
redigiert sich
gegenseitig, man signalisiert elitäres Sendungsbewusstsein. Im
Endergebnis aber rangiert hier wieder einmal Glaube vor Urteilskraft.
Dass die reformpädagogische
Gemeinde aktuell zwischen Totstellreflex und trotzig-larmoyanter Sorge
um ihr
beschädigtes Ansehen oszilliert, fällt auf. Dies freilich
sollte Anlass sein,
einen aufgeklärten Skeptizismus gegen die Romantik einer
gutpädagogischen
Ersatzreligion zu setzen.
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