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Kolumne aus dem "Handelsblatt" vom 2. Februar 2009
Hysterische Reformitis
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Deutschlands Bildungseinrichtungen
brauchen endlich eine Atempause. Schließlich gab es in den letzten zehn Jahren
kaum eine Bildungsreform, die es nicht gab. Die Hochschulen wurden dem
„Bologna“-Prozess unterworfen, durch die Schulen jagte man die
Rechtschreibreform sowie PISA und sonstige Testeritis-Varianten, das Gymnasium
wurde um ein komplettes Schuljahr zwangsamputiert, in Hamburg gar um ganze drei
Schuljahre.
Ob das Ergebnis einer solchermaßen hyperaktiven, oft auch
hysterischen Reformitis immer einen Kollateralnutzen hatte, sei dahingestellt.
Nun, 2009, haben wir zumindest keine neue PISA-Debatte zu erwarten, schließlich
gibt es neue Ergebnisse zum PISA-Test erst Ende 2010, und der sogenannte
Bildungsgipfel 2008 war bereits in einmaliger Auflage Flop genug. Auch die
Bachelor-/Master-Euphorie scheint verflogen.
All dies wäre eigentlich eine günstige Voraussetzung für
ein dringend notwendiges Durchatmen - allein schon, um endlich gegen
die an allen Ecken und Enden aufgebrochenen personellen Engpässe
angehen zu können. Nun ist das Jahr 2009 aber ein großes
Wahljahr. Die aktuelle Hessen-Wahl ist zwar schon vorbei, ihr Ergebnis
deutet gottlob nicht auf überstürzte bildungspolitische
Revolutionen hin. Auch die Europawahl 2009 hat keine bildungspolitische
Bedeutung. Dann aber kommen Landtagswahlen im Saarland, in Sachsen, in
Thüringen, in Brandenburg sowie die Bundestagswahl. Vor allem in
letzterem Fall wird bildungspolitisch vermutlich geholzt werden,
wiewohl der Bund in der Bildung nach einer weitreichenden Novellierung
des Grundgesetzes im Jahr 2006 hier nahezu nichts mehr zu sagen hat.
Aber im Zuge der zu erwartenden Debatte um soziale
Gerechtigkeit steht uns wohl eine hochideologisierte Egalisierungsdebatte ins
Haus. Wer aber Gerechtigkeit nur via Gleichmacherei realisiert sieht, dem geht
es nicht um mehr Bildungsqualität, sondern via Quotendenken nur um gefühlte
Gleichheit. Keine guten Aussichten also für die Bildungsrepublik
2009!
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