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LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
Aus
der FAZ - Feuilleton - vom 28. August 2000
Verlierer
in Schulbänken
Die
schulischen Argumente der Schreibreformer tragen nicht
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Wenn in Deutschland etwas
im Gewande „moderner“ Pädagogik, zumal im Gewande der Erleichterungspädagogik
daherkommt, dann ist es nahezu sakrosankt. Nun kam die Rechtschreibung
in den Genuß solcher Immunität. Seit den „Achtundsechzigern“
gilt sie als „Herrschaftsinstrument“. Was Wunder, daß sich Reformer
aufmachten, diese Bastion zu schleifen. Dabei hätte es eine andere
Möglichkeit gegeben: die Rechtschreibung in den Schulen konsequent
zu üben, anstatt sie zu diskreditieren und anstatt das Schreiben auf
das Ausfüllen von Lückentexten zu reduzieren. Jedenfalls sei
die These gewagt, daß mit einem ernsteren Orthographieunterricht
bessere Rechtschreibergebnisse erzielt worden wären als mit der „Reform“.
Wundersam sind deshalb die „pädagogischen“ Argumente, mit denen sie
verteidigt wird.
Behauptung
1: Die Schüler würden mit
der neuen Schreibung weniger Fehler machen.
Ein frommer Wunsch! Eine empirisch
solide Untersuchung hat nicht stattgefunden. Euphorische Schätzungen
der Jahre 1995 und 1996 („40 bis 70 Prozent Fehler weniger“) werden nicht
mehr referiert. Falls es überhaupt zu einer Verringerung der Fehler
kam, dann hat das mit den Prinzipien „Beliebigkeit“ und „Zufall“ zu tun.
Beliebigkeit heißt: Wenn ich ein Komma setzen kann, aber nicht muß,
dann passieren hier eben weniger Fehler. Und Zufall heißt: Wenn bis
zum Jahr 2005 „naß“ und „nass“ richtig sind, dann schreiben viele
Kinder bis 2005 eben per Zufall richtig. Geringfügig erleichtert wurde
allenfalls die Schreibung substantivierter Adjektive (im Übrigen;
allerdings – falls ohne Artikel – bei weitem). Die s-Schreibung hat sich
bei Schülern wohl nicht verbessert, wiewohl sie der eindeutigste Teil
der Reform ist. Hier bleiben die Probleme beim Wechsel des Stammvokals
erhalten (ließ - lässt, weiß - wusste). Überhaupt
nicht erleichtert hat sich die Schreibung von das/daß bzw. das/dass.
Darüber hinaus machen Schüler neue Fehler: Sie schreiben fälschlicherweise
aussen, grössere, Preussen, Strasse, Massnahme usw. Hier unterscheiden
sich nicht einmal „reformierte“ Zeitungen von den Schülern. Ansonsten
blieben die häufigsten Fehlerquellen von der Reform unberührt,
denn erfahrungsgemäß entfallen rund 25 Prozent der Fehler auf
fälschliche Groß- bzw. Kleinschreibung; ca. 25 Prozent auf die
Verwechslung von Konsonanten (d/t, f/v/w, g/k, tz/tzt/z, b/p); ca. 20 Prozent
auf eine fälschliche oder fehlende Konsonantenverdoppelung (vor allem
bei p/pp, t/tt); ca. 15 Prozent auf eine fälschliche oder fehlende
Dehnung (ie/h). Nur was die s/ss/ß-Schreibung betrifft, gibt es eine
verläßliche Studie. Der Erziehungswissenschaftler Harald Marx,
zuletzt Universität Bielefeld, jetzt Universität Leipzig, hatte
1995/96 insgesamt 318 Zweit-, Dritt- und Viertklässler nach alter
Rechtschreibung getestet. Dieser Stichprobe ließ er zwei Jahre später
329 Altersgenossen folgen. Ergebnis: Die in neuer Rechtschreibung unterrichteten
Schüler machen mehr Fehler in der s/ss/ß-Schreibung, weil sie
die neuen Regeln „übergeneralisieren“.
Behauptung
2: Die Schulen kämen mit der neuen Rechtschreibung gut zurecht, weil
sie überschaubarer sei.
Eine unbewiesene Behauptung!
Zwar wird gesagt, die Reform sei in den Schulen "ohne Probleme" eingeführt
worden. Diese Feststellung ist aber im Lichte dessen zu betrachten, daß
es für Schulen Alltag ist, Neues einzuführen, z.B. Curricula,
Lehrbücher. Zur Rechtschreibreform wird aus den Lehrerkollegien freilich
sehr Unterschiedliches berichtet – von Zustimmung bis zu kategorischer
Ablehnung. Wie sollte es bei deutschlandweit 700.000 Lehrern anders sein!
Nicht ehrlich ist der Anspruch der Reformkommission, daß das neue
Regelwerk mehr Übersichtlichkeit biete, indem aus bislang 212 Rechtschreibregeln
nunmehr 112, in Sonderheit aus 52 Regeln zur Kommasetzung neun wurden.
Dabei handelt es sich jedoch nur um einen Numerierungstrick. Beispiel:
§ 77 der Neuregelung (Komma bei Appositionen) enthält sieben
Unterregeln, in denen elf bisherige Duden-Regeln eingearbeitet sind. Der
Umfang des Regelwerkes hat sich also nicht reduziert.
Behauptung
3: Ein Zurück zur alten Schreibung stürze die Schüler ins
Chaos.
Falsch! Es gab in den Schulen
kein Chaos bei der Umstellung von der alten auf die neue Schreibung, wiewohl
letztere anfangs parallel zu „alten“ Büchern unterrichtet wurde. Also
wird der umgekehrte Weg auch kein Chaos bringen. An den Grundschulen wird
deutlich, wie gering die rein schulische Reichweite der Reform ist. In
Niedersachsen sind von 1.400 exakt 32 Wörter von der neuen Schreibung
betroffen, davon 29 hinsichtlich s/ss/ß-Schreibung. Bayerns "Grundwortschatz
für die Jahrgangsstufe 1 bis 4" umfaßt knapp 1.000 Wörter;
davon sind 9 Wörter von der Reform betroffen, und zwar in der 1. Klasse
kein Wort, in der 2. Klasse nass; in der 3. Klasse bisschen, Fluss, Schloss;
in der 4. Klasse Fass, Kuss, Nuss, rau, Riss. Im übrigen ist das sog.
Chaos Alltag in anderer Hinsicht. Denn mehrere bedeutende Literaturverlage
haben es Schulbuchverlagen untersagt, Texte ihrer Autoren - der Reform
entsprechend - verändert nachzudrucken. Dazu gehören Andersch,
Brecht, Dürrenmatt, Enzensberger, Frisch, Grass, Hesse, Tucholsky
u.a.m.
Behauptung
4: Es sei Zeit genug gewesen, auch seitens der Lehrer die Bedenken
gegen die Rechtschreibreform zu artikulieren.
Falsch! Als es im Frühjahr
1993 zu einer Anhörung der Kultusministerkonferenz (KMK) und des Bundesministeriums
des Innern kam, standen völlig andere Optionen zur Debatte: eine weitgehende
Kleinschreibung von Substantiven; der Wegfall der Unterscheidung von das/daß
zugunsten des einheitlichen das sowie eine weitreichende Eindeutschung
von Fremdwörtern (z.B. Pitza). Das Wörterverzeichnis war allgemein
zugänglich erst ab Frühsommer 1996. Das heißt, die Reformkritiker
hatten vor Unterzeichnung der Vereinbarung zur Neuregelung vom 1. Juli
1996 in Wien keine Möglichkeit, hierzu Stellung zu nehmen. Gerade
das Wörterverzeichnis hat es aber in sich. Eine öffentliche Diskussion
um die Wörterliste entzündete sich nur sehr punktuell im Herbst
1995, als der bayerische Kultusminister Hans Zehetmair durchsetzte, daß
bei ca. 30 Wörtern (z.B. Katastrofe, Alfabet, Tron, Packet, Restorant,
Frefel) die herkömmliche Schreibung wiederhergestellt wurde.
Behauptung
5: Ein Zurück zur alten Schreibung koste Milliarden.
Aus der Luft gegriffen!
Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes (BVG) zur Rechtschreibreform
vom 14. Juli 1998 ist eindeutig: „Durch die Neuregelung wird weder die
Berufsfreiheit ... noch die ... wirtschaftliche Betätigungsfreiheit
berührt.“ Auch für die Schulbuchverlage gelte: Sie haben „keinen
Anspruch ..., für das Ergebnis wirtschaftlicher Betätigung einen
Abnehmer zu finden“, so das BVG. Schadensersatzforderungen kann es also
nicht geben. Auch müssen die Schulen nicht sofort alle Bücher
neu kaufen. Das regelt sich gerade bei den Sprach- und Lesebüchern
über die recht rasche Fluktuation des schulischen Buchbestandes durch
Verschleiß.
Entscheidung
fällig
Es gibt Wichtigeres als die
Rechtschreibung. Natürlich, alles ist relativ. Gesundheit ist wichtiger
als Erfolg. Rechtsstaatliche, freiheitliche Schule ist wichtiger als Schulstruktur.
Der Streit um die Rechtschreibung muß dennoch gelöst werden.
Entscheidend ist, daß es keine Spaltung der Sprachgemeinschaft gibt.
Schule darf nicht zum Rechtschreib-Elfenbeinturm werden. Schule hat die
"Aufgabe, das Wissen der Gesellschaft zu reproduzieren ... Für die
Schule zu lernen (gemeint ist: nur für die Schule zu lernen; d.V.)
paßt nicht zum Reproduktionsauftrag der Schule" (Gerd Roellecke,
FAZ vom 30.9.1997). Es wäre pädagogisch höchst bedenklich,
wenn Schule etwas vermittelte, was außerhalb der Schule nicht akzeptiert
und von führenden Repräsentanten des Staates nicht praktiziert
würde. Die Glaubwürdigkeit schulischer Bildung wird damit auf
eine harte Probe gestellt, die Leidtragenden sind die Kinder.
Ein wichtiges – auch pädagogisches
- Kriterium für eine Sprachreform ist der Erhalt der Ausdrucksvielfalt
und der semantischen Differenzierung. Allerdings wird es laut Reform viele
Unterscheidungsmöglichkeiten nicht mehr geben, beispielsweise zwischen
wohl bekannt und wohlbekannt, fertig bringen und fertigbringen, schlecht
machen und schlechtmachen. Und ein sehr wichtiges – ebenfalls pädagogisches
– Kriterium ist die Systematik. Dieses Ziel ist in nur wenigen Reformbereichen
erreicht, etwa durch Stärkung der Groß- bzw. Getrenntschreibung
bei folgenden bislang geltenden Beispielen: Auto fahren versus radfahren,
mit Bezug auf versus in bezug auf, Klavier spielen versus kopfstehen.
Diesen kleinen Gewinnen an Systematik stehen erhebliche Verluste an Systematik
gegenüber, vor allem bei der Zusammen- und Getrenntschreibung; hier
steht nunmehr bekannt machen versus kundmachen, Probe laufen versus paarlaufen,
Blut saugend versus blutstillend, Maß haltend versus maßgebend.
Wie in Zeugnissen die zufriedenstellende (oder zufrieden stellende?) Mitarbeit
geschrieben wird, ist den meisten Schulen ebenfalls nicht klar. Dergleichen
eröffnet jedenfalls gerade in der Schule orthographischen Interferenzen
und Kontaminationen Tür und Tor.
Die Reformer haben zudem
hauptsächlich an den schreibenden Schüler gedacht (z.B. bei der
Kommasetzung). Aber: Das Schreiben bleibt - abgesehen vom übenden
Schreiben und vom Tagebuchschreiben - kein Selbstzweck, sondern es ist
auf einen Leser angelegt. Es wird tausendfach mehr gelesen als geschrieben.
Dieser Aspekt muß ins Zentrum der Überlegungen kommen. Das gilt
im besonderen für die Setzung der Kommata als Sinn- und Strukturierungshilfe
sowie für eine Silbentrennung, die das Lesen über den Zeilenumbruch
hinweg nicht erschweren darf (siehe reformierte Beispiele: A-bend, E-sel,
durcha-ckern).
Notwendig ist eine rasche
politische Entscheidung. Die in Aussicht gestellten Nachbesserungen müssen
die reformiert-unsystematischen Schreibweisen bereinigen. Das kann nicht
erst im Jahr 2005 geschehen, denn bis dahin haben sich die unausgegorenen
Schreibweisen weiter metastasiert. Die Schulen brauchen sofort Klarheit,
wenn nicht die Sprache und die Kinder die Verlierer sein sollen. Sprachliche
Exaktheit wird schließlich um so weniger ernst genommen, je mehr
die Rechtschreibung das Image des Beliebigen bekommt. Schüler entwickeln
dann das diffuse Gefühl, daß man etwas "so oder so oder auch
anders" schreiben darf. Wie lange Lehrer dann noch Diktate durchsetzen
können, bleibt fraglich.
Vor allem sollte man Sprache
- auch im Interesse der Schule - endlich wieder und zunächst vom Standpunkt
der Sprachsystematik aus betrachten. Wie viele andere Kultur- und Wissensbereiche
ist Sprache zu komplex, als daß sie sich einem rein pädagogischen
Zugriff beugte. Pädagogisch ist es, diejenigen Elemente der Sprache
auszuwählen, die sich Kindern je nach Alter erschließen. Mit
einer Instrumentalisierung der Kinder für eine unausgegorene Sprachreform,
mit einer bloßen „Pädagogisierung“ der Sprache aber verarmt
sie.
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