| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
Aus der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG vom 6. August 2000
"Die Schule wird zum Rechtschreib-Elfenbeinturm"
Die
neue und alte Orthographie, Berufswandel und Fächerkanon:
Fragen
an Josef Kraus, den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes
Die
meisten Deutschen wollen wieder die alte Schreibweise. Gehören dazu
auch die Lehrer?
Die Stimmungslage der Lehrer
ist sehr differenziert. Ich gehe von den Deutschlehrern aus, die ja am
meisten mit den neuen Regelungen zu tun haben. Wenn ich 100 davon frage,
wie sich das neue System bewährt hat, ob weniger Fehler gemacht werden,
dann gibt es ein Viertel, die meinen, es werden weniger Fehler gemacht.
Wenn man nachfragt, in welchen Bereichen, dann wird ausschließlich
gesagt: in der Kommasetzung. Ist ja auch klar: Wenn es keine Regeln mehr
gibt, dann kann ich keine Regelverstöße haben.
Und
wenn man weiter fragt?
Dann
gibt es etwa ein Viertel, das glaubt, es ist alles besser geworden, die
Schüler tun sich vor allem in der s-Schreibung leichter. Und dann
gibt es die Hälfte von Lehrern, die sagt, die Fehler häuften
sich. Wenn man die Kommata außer acht läßt, dann, so diese
Gruppe, tauchen vielleicht in der s-Schreibung ein paar typische Fehler
weniger auf, aber es werden zusätzliche gemacht. "Außen" wird
jetzt mit Doppel-s geschrieben oder "Schoß" mit Doppel-s. Oder die
Konjunktion "daß" und das Relativpronomen "das" werden noch mehr
verwechselt. Mein Eindruck ist zudem, daß alle, ob erstes Viertel,
zweites Viertel oder dann der große Block der anderen 50 Prozent,
offensichtlich resigniert haben, was den eigenen und den Durchblick der
Schüler bei der Zusammen- und Getrenntschreibung betrifft.
Und
welchen Schluß ziehen Sie daraus?
Daß
diese Reform nicht eindeutig ist und viele Geburtsfehler hat. Was aber
viel ärgerlicher ist: Wir sind jetzt in einer Situation, daß
Schule zum Rechtschreib-Elfenbeinturm wird. Das ist das, was mich auf die
Palme bringt. Wir lehren in der Schule etwas, was über kurz oder lang
außerhalb der Schule niemand mehr praktiziert. Wir Deutschlehrer
stehen vor einer ernsten Glaubwürdigkeitsfrage, nämlich unseren
Schülern etwas beizubringen, von dem die Schüler, vor allem die
älteren Schüler wissen, daß es außerhalb der Schule
nicht akzeptiert wird. Meines Wissens haben wir 22 verschiedene Schreibweisen
bei Zeitungs- und Buchverlagen. Ich halte es für das Gravierendste,
daß sich allmählich dieses diffuse Gefühl einnistet, es
gebe keine sprachliche Exaktheit mehr. Ich prophezeie den Tag, an dem wir
in der Schule kein benotetes Diktat mehr durchsetzen können.
Momentan
geht es sowieso nur eingeschränkt.
Richtig.
Denn wenn sich bei Schülern die Vorstellung breitmacht, das, was mir
der Lehrer beibringt, ist nicht unumstritten, dann wird sich auch die Einstellung
festsetzen, man könne die Schreibung ein bißchen locker handhaben.
Das ist das Ende einer exakten Diktatbenotung. Das ist ungefähr so,
wie wenn ich in der Mathematik sagen würde, vier mal vier ist 16,
aber ich lasse auch 15 und 17 gelten. Was mich wurmt, das ist diese Rechtschreib-Elfenbeinturmmentalität,
die jetzt noch vom Vorsitzenden der Rechtschreibkommission Augst mit seinem
lächerlichen Vorschlag zugespitzt wurde, die Hochschule sollte die
alte Rechtschreibung anwenden, im Arbeits- und im Berufsbereich solle die
alte Schreibung beibehalten werden. Aber die Schule müsse bei der
neuen Regelung bleiben.
Heißt
das, daß Sie für eine Rückkehr zur alten Schreibregelung
plädieren?
Ich
kann den Schülern beibringen, warum man "außen" mit scharfem
s schreibt und "Schloss" mit Doppel-s und "Schoß" mit scharfem s.
Da muß ich halt vermitteln, was ein langer oder kurzer Vokal ist.
Das ist in sich schlüssig. Was völlig wirr ist, das ist die Zusammen-
und Getrenntschreibung. Da blickt auch der erfahrene Deutschlehrer nicht
mehr durch. Da würde ich sagen: zur alten Regelung zurück!
Und
bei der neuen Schreibweise, die sich am Wortstamm orientiert?
Weg
damit! Außerdem haben wir da ja auch sprachlich geschichtliche Böcke.
Verbleuen, nach Neuschreibung "verbläuen", hat nichts mit Blau zu
tun. Und ich möchte wieder eine verbindlichere und exaktere Kommasetzung,
und zwar mit Blick auf den Leser. Es wird tausendmal mehr gelesen als geschrieben.
Konkurrenzblätter der F.A.Z., die sich in Sachen Orthographie avantgardistisch
gaben, haben die alte Kommasetzung beibehalten, weil sie wissen, daß
der Leser das als Strukturierung und Sinnhilfe braucht. Zum Beispiel Komma
vor erweitertem Infinitiv.
Und
was ist mit den Schulbüchern?
Kein
Problem. Wir hatten ein paar Jahre Übergangsphase, da ist die neue
Regelung unterrichtet worden, und die Schüler hatten alte Bücher.
Damit ist man auch klargekommen. Außerdem haben die Befürworter
der Rechtschreibreform immer gesagt, es seien so wenige Wörter betroffen.
Also dürfte es keine Probleme geben, das wieder zurückzudrehen.
Apropos
zurückdrehen: Kann man im heutigen Zeitalter des Computers Eltern
noch raten, ihre Kinder auf ein altsprachliches Gymnasium zu schicken?
Vielleicht
gerade deswegen. Weil ein altsprachliches Gymnasium mit Latein und Griechisch
und einer besonderen Vertiefung im literarischen und philosophischen Bereich
auch eine Chance der Emanzipation von der heute um sich greifenden Flüchtigkeit
ist.
Aber
brauchen die Kinder für ihre Zukunft nicht mehr Mathematik statt Latein?
Nein,
das ist nie die Alternative gewesen. Wir haben immer schon festgestellt,
daß Schüler, die in Latein und Mathe gut waren, in allen Studiengängen
und allen Berufsfeldern bestens reüssierten.
Das
altsprachliche Gymnasium geht also nicht einem Tod auf Raten entgegen?
Leider
muß man ein bißchen Sorge haben, weil die Nachfrage nicht mehr
die von früher ist. Sowohl die Schulpolitik als auch ein großer
Teil der Elternschaft lassen sich heute von reinem Nützlichkeitsdenken
leiten. Die Schulpolitik ist mittlerweile - ob rot oder grün oder
schwarz - doch überwiegend auf Utilitarismus, auf Ökonomismus
ausgerichtet. Dabei hat in der Bildung das Nichtökonomische seinen
Eigenwert. Wir haben, um es mit einem Schlagwort des alten Hegel zu sagen,
in der deutschen Schulpolitik das Wirken einer Furie des Verschwindens.
Was
verschwindet?
Es
ist in erheblichem Maße die anspruchsvolle Literatur verschwunden,
ebenso verschwinden die alten Sprachen. Es verschwindet das ganz konkrete
Wissen, und man gibt sich mordsmodern, indem man sagt, wir brauchen kein
Vorratswissen mehr, sondern Just-in-time- und Download-Wissen. Die Exaktheit
in der Sprache, in der Grammatik, in der Rechtschreibung - das schwindet
alles dahin. Bis hin zum Kopfrechnen. Heute sagt man, wir haben die Taschenrechner
dafür.
Sie
halten also ein Umwandlung des Fächerkanons angesichts des Berufswandels
nicht für notwendig?
Das
halte ich nicht für notwendig. Aber ich möchte die Muttersprache
gestärkt haben. Kein Land der Welt geht so mickrig mit der eigenen
Muttersprache um wie Deutschland. In jedem Land der Welt wird die Muttersprache
intensiver und umfangreicher, rein von der Quantität her, unterrichtet
als bei uns.
Aber
Sie haben doch selbst ein zweites naturwissenschaftliches Fach als Pflichtfach
bis zum Abitur gefordert.
Ja,
klar ...
...
die Arbeitgeber sagen jetzt schon, in ein paar Jahren brauchen wir auch
eine Green Card für Ingenieure ...
,,,
aber ich bin zum Beispiel nicht überzeugt, daß wir ein Fach
Informatik brauchen. Aber ich möchte, daß der Gymnasiast bis
zum Abitur Deutsch, zwei Fremdsprachen als Pflichtfach hat, Geschichte,
zwei Naturwissenschaften und und Mathematik. Dann ist immer noch Luft für
gewisse individuelle Schwerpunktsetzungen.
Und
warum haben die Schüler so wenig Lust auf Chemie und Physik?
Erstens
haben Physik und Chemie den Ruf, erheblich schwieriger zu sein als Biologie.
Und zweitens wissen unsere jungen Leute mit ihren 17 oder 18 Jahren auch,
daß zwar ein Ingenieurmangel beklagt wird, aber gleichzeitig in der
Statistik der Bundesanstalt für Arbeit nach wie vor monatlich mehr
als 50.000 arbeitslose Ingenieure ausgewiesen werden. Unsere jungen Leute
wissen natürlich, daß es 40.000 IT-Fachkräfte arbeitslos
auf den Listen der Arbeitsämter gibt, die niemand mehr nimmt, weil
sie 42 Jahre alt sind und in der IT-Branche diese blödsinnige Redewendung
um sich geht, am besten nimmst du einen Achtundzwandzigjährigen, den
kannst du zehn Jahre für ein System brauchen, und dann schickst du
ihn weg. Unseren jungen Leuten ist auch nicht verborgen geblieben, daß
im Jahr 1997 die Wirtschaft gerade mickrige 4.000 Ausbildungsplätze
im IT-Bereich angeboten hat.
Jetzt
hat also die Wirtschaft den Schwarzen Peter und nicht die Schule.
Nein,
wir müssen Physik oder Chemie, fakultativ ergänzt durch Biologie,
verbindlicher machen. Und ich appelliere an die Wirtschaft, dieses Glaubwürdigkeitsproblem
aufzulösen und den jungen Leuten zu erklären, wie es kommt, daß
man angeblich 50.000 oder 100.000 Ingenieure sucht, aber gleichzeitig 50.000
arbeitslos sind. Und es muß einmal dargestellt werden, wie vielfältig
Ingenieurberufe sind. Meines Wissens gibt es an die 60 verschiedene Fachrichtungen
von Ingenieuren.
Die
Lehrer vergeben ja tagtäglich Noten und beurteilen andere Menschen.
Die CDU hat gerade analog zur "Stiftung Warentest" eine "Stiftung Bildungstest"
gefordert, allerdings nur für weiterbildende Angebote. Was spricht
dagegen, auch die Lehrer und Schulen zu testen?
Der
Vorschlag der CDU ist relativ überflüssig, denn wir haben mit
der Aktion Bildungsinformation in Stuttgart eine solche Einrichtung. Das
weiß offensichtlich leider Frau Schavan nicht so genau, obwohl sie
in Stuttgart Ministerin ist. Bei dieser Aktion Bildungsinformation kann
man Informationen über Privatschulen, über Sprachkurse oder über
bestimmte Nachhilfeangebote abrufen. Ein Leistungstest von Schulen liefe
auf eine Art Ranking-System hinaus, wie wir es in Großbritannien
haben. Ich halte jedoch ein Ranking-System für ungerecht, da das Leistungsvermögen
einer Schule von vielen Faktoren abhängt, beispielsweise von der Schülerschaft
einer Schule, von ihrer sozialen Herkunft.
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