DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 18. August 2000

Rechtsextremismus:
Und was tun die Schulen?

Von Josef   K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Es geht derzeit eine besonders unappetitliche Form von Kriminalität um – die Gewalt gegen Ausländer. Das Echo ist entsprechend. Seit Mitte Juli verstreicht kaum ein Tag, an dem die Medien nicht über neue Pöbeleien, Schmierereien, Grölereien, Schlägereien und Menschenjagden rechtsextremer Glatz- und Hohlköpfe berichten. Und es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht mehr oder weniger tiefschürfende Kausalanalysen und Abhilferezepte feilgeboten werden. Ein wenig wie Aktionismus mutet all dies an, und ein wenig wie Ritual.

So debattiert man in täglicher Abfolge öffentlich über ein NPD-Verbot, über Schnellgerichte für Neo-Nazis, über Videoüberwachung auf Bahnhofsplätzen und anderes mehr. Welch mediale Macht Rechtsextreme doch auszuüben vermögen! Und natürlich geht es um ein angebliches Versagen der Schule. Keiner sagt es so ganz deutlich, aber die wiederholte Forderung des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, die Schule müsse mehr tun und die Lehrer müssten besser ausgebildet werden, impliziert solche Schuldzuweisungen. Dazu scheint eine aktuelle Umfrage von Emnid zu passen: Ihr zufolge könnten zwei Drittel der 14- bis 18-jährigen Deutschen mit dem Begriff Holocaust nichts anfangen, unter Hauptschülern seien es gar 87 Prozent. Und: Auschwitz, Dachau und Treblinka seien hierzulande für vier von zehn Jugendlichen Fremdwörter.

Versagt also die Schule? Ja und nein! Einerseits versagt sie nicht, denn kein Schüler in Deutschland verlässt die Schule, ohne nicht mindestens zehnmal, an dem um drei bis vier Jahre länger dauernden Gymnasium zwanzigmal sehr konkret unterrichtlich mit dem Nationalsozialismus konfrontiert gewesen zu sein – in den Fächern Geschichte, Politik/Sozialkunde, Religionslehre/Ethik und in der deutschen Literatur. Insofern sind die Ergebnisse der Emnid-Umfrage kaum glaubhaft und am ehesten damit zu erklären, dass hier sehr konkret nach ganz bestimmten Begriffen gefragt wurde. In der Schule würde so kaum abgefragt.

Anderseits aber versagt die Schule vielleicht doch – nämlich dann, wenn man ihr, schulpolitisch motiviert, das Beharren auf konkretem Faktenwissen als vermeintlicher Stoffhuberei ausgetrieben, die Förderung fachübergreifender „Schlüsselqualifikationen“ favorisiert, die Vermittlung kultureller Identität diskreditiert oder in manchen Bundesländern das Fach Geschichte marginalisiert bzw. abgeschafft hat.

Wie auch immer: Natürlich ist Schule gefordert, in Sachen Extremismus alles zu tun, damit junge Menschen nicht im Entferntesten dafür anfällig werden können. Dazu gehört die solide unterrichtliche Aufklärung. Dazu gehört, dass Schule in den eigenen Mauern jegliches Aufkeimen von extremistischen Attitüden oder gar Handlungen unterbindet. Es wäre falsch verstandene pädagogische Güte, dergleichen nur hausintern regeln zu wollen. Wo das Strafgesetzbuch tangiert wird, da hat die Schule Polizei und Staatsanwaltschaft einzubinden.

Ansonsten wäre es für die schulische Erziehung erstens hilfreich, wenn der Rechtsstaat rasch und konsequent handelte. Lehrer jedenfalls sind ratlos, wenn ihre Schüler sie fragen, warum menschenjagende Glatzköpfe nach zwei Stunden Verhör wieder auf freien Fuß gesetzt werden und warum es über dreihundert rechtsextreme Homepages im Internet geben kann. Und hilfreich wäre es zweitens, wenn auch zu Hause politische Bildung wenigstens insoweit stattfände, dass man sich in der Familie anhand der Zeitung und der entsprechenden Funksendungen darüber informiert, was vor sechzig Jahren war und was heute im Sumpf vor sich hin blüht.


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