DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

22. März 2007


Der UNO-Querulant aus Costa Rica

Kommentar zum Bericht des UNO-Beauftragten Vernor Muñoz

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)   


Costa Rica ist ein für dortige Verhältnisse gut entwickeltes kleines, von vier Millionen Menschen bewohntes Land am Übergang von Mittel- nach Südamerika. Deutschlandweite Bekanntheit hat der Name dieses Landes jetzt zum dritten Mal durch einen Juraprofessor der Universität der Hauptstadt San José erfahren. Der Mann heißt Vernor Muñoz. Im Februar 2006 bereiste er – im Auftrag der UNO, sagt er - rund eine Woche lang Deutschland, um sich ein Bild vom Zustand des deutschen Bildungswesens zu machen. Vor vier Wochen kündigte er den Bericht über seinen Deutschlandbesuch an, und am 21. März trug er diesen Bericht nun vor dem UN-Menschenrechtsrat in Genf vor.
 
So weit, so gut; so weit, so schlecht. Natürlich darf jedermann, auch jeder Politiker und Wissenschaftler Deutschland bereisen und sich ein kritisches Urteil bilden. Höchst fragwürdig aber wird die Sache, wenn der betreffende Besucher aufgrund gewisser Einflüsterer bereits vor dem Besuch weiß, wie seine Kritik ausfallen wird, und wenn er diese Kritik in offizieller Funktion als Sonderberichterstatter der UNO vorbringt. Und völlig indiskutabel ist die Sache, wenn der des Deutschen keineswegs mächtige Berichterstatter meint, mit wenigen flüchtigen Schulbesuchen und ein paar Gesprächen das Schulwesen von sechzehn Bundesländern mit insgesamt zwölf Millionen Schülern, 800.000 Lehrern, 42.000 Schulen einschätzen, ja gar als zu wenig zukunftsfähig, als ungerecht und behindertenfeindlich verteufeln zu können. Das ist dreist. Wenn man sich vom deutschen Schulwesen in wenigen Tagen ein Bild machen und daraus einen Bericht für die UNO basteln könnte, dann hätten Hunderte von erziehungswissenschaftlichen Lehrstühlen und zig Forschungsinstitute jahrzehntelang nur für den Papierkorb gearbeitet oder nur Däumchen gedreht.

Noch dreister freilich sind die Empfehlungen, Deutschland müsse sein gegliedertes Schulwesen überdenken, die Hauptschule abschaffen, die Grundschule verlängern, mehr Abiturienten produzieren und das sog. Homeschooling zulassen. Gerade mit letzterer Forderung widerspricht sich der Herr UNO-Berichterstatter selbst: Er sollte eigentlich wissen, dass gerade das Homeschooling, also die Unterrichtung der Kinder durch ihre Eltern und durch deren Freunde, sozial hochkarätig selektiv ist und so manche sektiererische Gruppe auf den Plan ruft.
 
Im Privatleben würde man über dergleichen Nörgeleien grimmig-souverän hinweggehen. Hier aber geht es um ein öffentlich massenhaft verbreitetes und von so manchem Ghostwriter flankiertes Querulantentum. Deutschland auf dem Niveau von Drittländern? Da ist offensive Widerrede patriotische Pflicht. Hat der Menschenrechtsbeauftragte der UNO denn nichts Wichtigeres zu tun? Warum kümmert er sich nicht um Länder, in denen Menschenrechte und Bildung wirklich darniederliegen? Warum kümmert er sich nicht um sein eigenes Land? Costa Rica hat jedenfalls eine Schulpflicht nur für die Sechs- bis Zwölfjährigen. Deshalb konnte es an der PISA-Testung auch nicht teilnehmen, denn bei PISA werden Fünfzehnjährige getestet.
 
Dem Ansehen der UNO hat Muñoz in Deutschland keinen Gefallen getan. Und gottlob haben Bundesregierung und alle Kultusminister dem Herrn kräftig widersprochen. Muñoz mag schon wieder im Flieger irgendwo zwischen Genf, New York und San José sitzen. Aber ein paar Dinge sollte ihm irgend jemand doch einmal flüstern. Erstens machen in Deutschland zwei Drittel der jungen Leute den Weg in Lohn und Brot über das hochkarätige System deutscher Berufsbildung. Muñoz hat davon keine Ahnung. Zweitens gibt es kaum ein Land der Welt, in dem die sog. Bildungsbeteiligung der Sechzehn- bis Achtzehnjährigen so hoch ist wie in Deutschland, nämlich über 90 Prozent. Drittens gibt es kaum ein Land der Welt, in dem die Schulpflicht zwölf Jahre währt – eine Pflicht, die eine riesige soziale Errungenschaft darstellt. Viertens hat Deutschland eine der geringsten Quoten an arbeitslosen Jugendlichen. Fünftens stehen 85 Prozent der Hauptschüler bereits fünf Jahre nach ihrem Schulabschluss in einem festen Arbeitsverhältnis. Sechstens hat Deutschland das höchstdifferenzierte Förderschulwesen der Welt: mit eigenen Schulzweigen für die unterschiedlichsten Benachteiligungen, mit eigens dafür ausgebildeten Lehrern, mit kleinsten Lern- und Betreuungsgruppen. Siebtens erzielen in Deutschland diejenigen Länder die besten PISA-Ergebnisse – übrigens auch unter Migrantenkindern - , deren Schulwesen dezidiert gegliedert ist.
 
Also, lieber Herr Muñoz, Sie sind ein willkommener Gast, wenn Sie bereit sind, sich wirklich auf dieses hochdifferenzierte deutsche Bildungswesen einzulassen. Aber passen Sie auf, dass Sie nicht von einem internationalen Gesamtschulkartell vor den Karren gespannt werden! Und bilden Sie sich nichts darauf ein, wenn sie in Zeitungen wie "Neues Deutschland", "junge Welt", "taz" oder in den Blättern der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Jubelkommentare erfahren!
 

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