DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 
Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 21. November 2002

BERUFLICHE BILDUNG /  Das System der Qualifikation stimmt, doch es gibt großen Handlungsbedarf

Alles, was man braucht

Parität von Betrieb und Schule, Bekämpfung des Lehrermangels und eine EU-weite Aufwertung der Abschlüsse sind nötig, um die Qualität zu erhalten.

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

International ist die hohe Leistungsfähigkeit des deutschen Berufsbildungssystems unumstritten und durch die jüngste OECD-Bildungsstudie wieder einmal belegt. Viele Länder - nicht nur der Zweiten und Dritten Welt - wären froh, über Vergleichbares zu verfügen. Dementsprechend pilgern seit Jahren Amerikaner, Japaner, Chinesen und andere durch die Berufsschulen und Ausbildungsstätten zwischen Flensburg und Garmisch. Dass die Quote arbeitsloser junger Menschen fast nirgends so niedrig ist wie in Deutschland, hat mit den Strukturen beruflicher Bildung zu tun. Zwar sind auch acht Prozent junge Leute ohne Job ganze acht Prozent zu viel, aber selbst Länder, die im PISA-Vergleich weit vor Deutschland liegen, zählen zwanzig und mehr Prozent.

Wenn der deutsche Wirtschaftsmotor derzeit stottert, dann hat das wenig mit dem Qualifikationssystem zu tun. Schließlich war und ist die berufliche Qualifikation von Millionen Beschäftigten eine maßgebliche Stütze des Exportweltmeisters Deutschland. Andere Länder kennen nur die totale Verschulung der beruflichen Bildung. Oder sie machen den Berufseinstieg über ein bloßes „training on the job“. Dagegem nehmen hierzulande 70 Prozent der jungen Menschen ihren Weg in den Beruf über die berufliche Bildung im dualen System oder im beruflichen Vollzeitschulwesen. Neben den betrieblichen Ausbildungsstätten tragen die Verantwortung hier vor allem die mehr als 8.000 berufsbildenden Schulen in Deutschland mit ihren rund 80.000 Lehrern.

Doch unsere Bildungspolitik ist auf Verkopfung fixiert. Noch jeder vergangene Zukunftsminister oder jede amtierende Bundesbildungsministerin meint, für eine Steigerung der Abiturientenquote und der Akademikerquote trommeln zu müssen. Georg Picht feiert offenbar seine Wiedergeburt mit seinem Diktum von 1963: „Wir brauchen mehr Abiturienten, auch wenn wir sie nicht brauchen.“ Gekleidet wird diese Forderung heute – wie damals - gern in internationale Vergleichzahlen. Motto: Wenn die Amerikaner und die Finnen eine Akademikerquote von mehr als vierzig Prozent haben, dann braucht es uns nicht zu wundern, wenn wir mit unseren knapp zwanzig Prozent wirtschaftlich abgehängt werden.Indes ist dieses vermeintliche Argument ein Symptom der Schieflage deutscher Bildungspolitik. Sie ist planwirtschaftlich auf Quantitäten, ja auf Quoten, statt auf Qualität fixiert. Sonst hätte sie längst zur Kenntnis genommen, dass „Akademiker“ im internationalen Vergleich höchst Unterschiedliches bezeichnet. Beispiel: Die deutsche Krankenschwester ist nicht schlechter qualifiziert als die meisten ihrer Kolleginnen, aber andernorts gilt ihre Ausbildung als Studium und sie als Akademikerin.

Dass es in der Bildungspolitik zu solchen Wahrnehmungsverzerrungen kam, hat Gründe, die sich personifizieren lassen. Vor allem drei Berufsgruppen sind daran beteiligt: Politiker, Journalisten und Bildungswissenschaftler. Den meisten fehlt es an grundlegendem Wissen um Berufsbildungsrealitäten in Deutschland. Man hat selbst das Gymnasium besucht und studiert; dieses kennt, darüber redet und schreibt man. Zudem hat man im eigenen Umkreis viele Bekannte mit Kindern, die aufs Gymnasium gehen, aber kaum jemanden, dessen Kinder Berufs- oder Fachschüler sind. Alos gibt es auch kaum renommierte, in Sachen Berufsbildung kundige Politiker, Journalisten und Bildungswissenschaftler.

Die nach wie vor mangelnde Bereitschaft, berufliche Bildung wahrzunehmen oder gar engagiert anzupacken, verträgt sich eigentlich schlecht mit der langen Tradition beruflicher Bildung in Deutschland. Es ist ja nicht nur das Land der Dichter und Denker, sondern auch das Land der großen Pädagogen, auch der großen Berufspädagogen. Aber im Endeffekt besetzt doch immer wieder der deutsche Bildungsidealismus die Köpfe. Das Nützliche galt einem Schiller, einem Humboldt, einem Schleiermacher geradezu als das Gegenteil von Bildung. Beruf und Bildung, so meinte man, würden sich gegenseitig ausschließen wie Enge und Weite. Dagegen vermochte nicht einmal ein Kerschensteiner etwas auszurichten, selbst wenn er Goethes Wilhelm Meister im Jahr 1917 leidenschaftlich zitierte: „Narrenpossen sind eure allgemeine Bildung und alle Anstalten dazu. Dass der Mensch etwas ganz entschieden verstehe, vorzüglich leiste wie nicht leicht ein anderer in der nächsten Umgebung, darauf kommt es an.“

Wie auch immer die Ignoranz der Politik, der Öffentlichkeit und der Wissenschaft gegenüber Fragen der beruflichen Bildung herzuleiten ist - es ändert nichts an der Notwendigkeit, sich trotz und wegen PISA verstärkt darum zu kümmern.

Der größte Handlungsbedarf besteht beim Berufsbildungsgesetz (BBiG) des Bundes. Die Novellierung ist überfällig. Vor allem ist die Herstellung einer echten Parität der beiden Ausbildungspartner Betrieb und Schule angezeigt. Es ist nicht mehr nachvollziehbar, warum der schulische Part in den Berufsbildungsausschüssen und bei den Abschlussprüfungen nicht gleichberechtigt mit dem betrieblichen Part sein soll. Im Klartext: warum die Berufsschullehrer in den gemischten Gremien ohne Stimmrecht sind. Wie in allen Bildungsbereichen sollte auch hier der Grundsatz gelten: Wer lehrt, prüft. Außerdem sollten die Abschlüsse der vollzeitschulischen Berufsfachschulen mit den Kammerprüfungen gleichgestellt werden, weil hier die Schule ja zugleich quasi der Betrieb ist.

Nicht zuletzt ist eine Öffnung des Weiterbildungsmarktes für Angebote der beruflichen Schulen fällig. Wenn man sieht, was sich auf diesem Markt an Seichtem tummelt und trotzdem staatliche Gelder - etwa der Arbeitsämter - in Anspruch nehmen kann, dann ist umso wichtiger, dass sich die beruflichen Schulen als lokale Kompetenzzentren auf dem Weiterbildungsmarkt etablieren.

Bei der notwendigen Neufassung des BBiG sollte aber auch festgehalten werden am allgemein bildenden Anspruch der berufsbildenden Schulen. Wir sind gut damit gefahren, dass sie neben der fachlichen Bildung Wert legen auf Deutsch, Sozialkunde/Politik, Religionslehre/Ethik und – was unbedingt zu verstärken ist – Englisch. Das bedeutet, dass die dreijährige berufliche Bildung keine Verkürzung um ein Jahr und dass die von der Kultusministerkonferenz vorgesehenen zwölf Wochenstunden in der Berufsschule keine Kürzung um auch nur eine Stunde verkraften. Andernfalls verkommt Berufsbildung zur Ausbildung von Schmalspurspezialisten.

Am Zug ist der Bund sodann bei der Frage der Einstufung der deutschen Berufsbildungsabschlüsse in der EU-Skala. Hier kündigt sich erneut eine Ungleichbehandlung zuungunsten der deutschen Absolventen an. Die deutschen Berufsabschlüsse sollen nämlich auf einer ansteigenden Fünferskala nur auf Rang zwei angesiedelt werden, während die Abschlüsse anderer Länder, bloß weil sie pro forma als Hochschulabschlüsse definiert sind, darüber eingestuft werden. Die Bundesregierung muss in Brüssel für die regulären deutschen Berufsabschlüsse Rangdrei und für Meisterabschlüsse Rang vier reklamieren.

Hochproblematisch ist der fast schon chronische Lehrermangel.Unter Abiturienten und angehenden Studierenden ist zu wenig bekannt, dass man die Studienratslaufbahn auch in den beruflichen Schulen einschlagen kann. Aber der Nachwuchs bleibt auch aus, weil das Lehramt insgesamt nicht mehr attraktiv und das berufliche Lehramt nicht konkurrenzfähig genug gegenüber der freien Wirtschaft ist. Vor allem die potentiellen Junglehrer der kaufmännischen Fächer, der Elektrotechnik und der Metalltechnik finden mit oder ohne Referendariat interessante und weitaus besser dotierte Stellen außerhalb der Schule. Auch deshalb muss man darüber nachdenken, wie ohne Verlust an Qualifikation und Professionalität Seiteneinsteigerprogramme ausgestaltet und wirksam gemacht werden können.

Der Qualitätsanspruch der beruflichen Schulen steht und fällt nun einmal mit der Unterrichtsversorgung bzw. mit ihren Möglichkeiten, eine Schülerschaft differenziert zu beschulen, die vom ehemaligen Sonderschüler bis hin zum ehemaligen Spitzengymnasiasten reicht. Die beruflichen Schulen können nicht warten, bis sich PISA auf die Leistungen der allgemein bildenden Schulen ausgewirkt hat.  Das heißt, dass sie im Grunde jetzt schon zusätzliche Stunden brauchten, um Vorbildungsdefizite zu kompensieren. Und sie brauchen mehr sozialpädagogische Möglichkeiten, denn schließlich haben sie – ganz anders als die Gymnasien – die gesamte, auch sozial auffällige Schülerklientel in ihren Mauern.


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