DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

  Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 2. Februar 2006

FREIE TRÄGER Engagement und Ethos zählen

Wichtiger als PISA-Punkte

Bei Leistungstests sind vergleichbare Einrichtungen ebenso gut. Die anderen Vorzüge überwiegen.

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)



Bildungseinrichtungen in freier, gerade auch in kirchlicher Trägerschaft sind hoch angesehen. Deshalb erleben sie einen kontinuierlichen Aufwärtstrend -  „Boom“ ist nicht unbedingt der treffende Begriff. So wuchs der Anteil der Schüler privater Realschulen binnen 10 Jahren bis 2004 von 7,2 auf 8,2 Prozent aller Realschüler, der anteil der Schüler privater Gymnasien stieg von zehn auf elf Prozent aller Gymnasiasten. Dahinter verbergen sich deutschlandweit – bei jährlichen Zuwächsen um rund zehn Schulen dieser beiden Schultypen - ziemlich exakt 300 private Realschulen (von insgesamt 3450) und 400 private Gymnasien (von insgesamt 3150).

Verfassungs- und schulrechtlich betrachtet, kommt Privatschulen innerhalb des Schulwesens eine Ergänzungs- und Ersatzfunktion zu. Von ihnen können Impulse für das öffentliche Regelschulsystem ausgehen. Dies ist deshalb möglich, weil sie ihre Schülerklientel zu großen Teilen aus erzieherisch, oft auch weltanschaulich besonders engagierten Elternhäusern rekrutieren. Von vielen öffentlichen Schulen werden sie deshalb beneidet, denn die PISA-attestierte Risikoschülerschaft, die insgesamt gut 20 Prozent aller deutschen Schüler ausmacht, kommt in Privatschulen kaum vor. Beispielsweise gibt es kaum private Hauptschulen - von den bundesweit rund 5400 Hauptschulen befinden sich weniger als 200 in privater Trägerschaft.

Privatschulen können schon deshalb nicht für das Schulniveau eines landes repräsentativ sein, weil sie – gewollt oder ungewollt – sozial selektiv sind. Am ausgeprägtesten ist diese Selektivität in Ländern mit flächendeckendem öffentlichem Einheitsschulsystem. In England, Frankreich und den USA geben Eltern, die es sich leisten können, pro Schulkind jährlich fünf- bis zwanzigtausend Euro bzw. Dollar aus, um ihr Kind auf eine renommierte Privatschule zu schicken.


Kostenfaktor Bildung

In Japan schicken zwei Drittel der Eltern ihr Kind auf eine private Nachhilfeschule oder heuern parallel zur Schule einen Privatlehrer an; schon ein Platz in einem privaten Kindergarten kostet monatlich umgerechnet 600 Euro, ein Platz in einer privaten Oberschule monatlich 3000 Euro. Ansatzweise findet eine solche Selektivität freilich auch in Deutschland statt. Manche Eltern geben pro Jahr rund 25 000 Euro für eine private Schule aus; allerdings liegen die üblichen Sätze bei rund 1000 bis 4000 Euro jährlich.


Nur auf den ersten Blick schneiden Schulen in freier Trägerschaft bei Tests wie PISA international und national besser ab als die staatlichen Schulen. Von den 200 englischen Schulen beispielsweise, die an der Spitze des jährlich im "Times Educational Supplement" veröffentlichten Rankings stehen, kommen 90 Prozent aus dem privaten Schulsektor. Verwundern muss dieses Gefälle nicht, denn Eltern, die sich eine solche Schule für ihr Kind leisten können beziehungsweise bereit sind, sich dafür zu verschulden, bilden natürlich eine äußerst bildungsbeflissene Klientel. Die öffentlichen Schulen müssen mit der Schülerschaft in ihrer ganzen Heterogenität arbeiten. In Deutschland mag dieses Gefälle nicht so stark ausgeprägt sein, aber auch hier beginnen sich die Schüler nach den Einkommensverhältnissen der Eltern zu sortieren. Manche Privatschulen setzen sogar gezielt darauf, indem sie bei monatlichen Kosten um die 2500 Euro und unterlegt mit einem Bild vom Schiefen Turm in Pisa mit Sprüchen werben wie: „Mit uns kann Ihr Kind unbesorgt nach Pisa fahren!“

Bewiesen wurde der angebliche Leistungsvorsprung deutscher Privatschulen jedoch nie. Stattdessen gilt: Zwischen privaten und staatlichen Gymnasien gibt es in Deutschland keinerlei Leistungsunterschiede. Manfred Weiß, Bildungsforscher am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), hat zum Thema „Privatschulen“ einige – von der Öffentlichkeit allerdings weitgehend unbeachtete - Richtigstellungen vorgenommen. Bereits bei PISA 2000 stellte er klar: „Festzuhalten bleibt, dass die - in der Öffentlichkeit verbreitete – These einer generellen und bedeutsamen Leistungsüberlegenheit privater Schule keine Bestätigung findet.“


OECD-Daten

Wenn die Studie für die 36 beteiligten deutschen Privatschulen vereinzelt Leistungsvorteile ausweist, dann ist dies ein statistisches Artefakt. Denn von diesen 36 Schulen sind 14 Realschulen, 18 Gymnasien, aber nur je zwei Hauptschulen und Schulen mit mehreren Bildungsgängen. Das heißt: Die leistungsstärkeren Schulformen sind eindeutig überrepräsentiert. Es kommt hinzu: Unter den 14 privaten Realschulen sind fünf sehr leistungsstarke reine Mädchenrealschulen. Da Mädchen bei PISA 2000 mit Schwerpunkt Lesen insgesamt erheblich besser abgeschnitten haben als Jungen, ist dieser Vorsprung kein Vorsprung von Privatschulen, sondern ein geschlechtsspezifischer. Bei den privaten Gymnasien sind nicht einmal solche Vorsprünge zu beobachten, in einzelnen Leistungsbereichen (etwa Mathematik) liegen die Privatgymnasien sogar - wenngleich nicht signifikant - hinter den öffentlichen.


Auch die PISA-Studie 2003 erbringt da nichts anderes. Zwar berufen sich die Befürworter einer fortschreitenden Privatisierung des Schulwesens gerne auf die OECD und deren Feststellung, dass die privaten Schulen in Deutschland erheblich – nämlich um 66 PISA-Punkte – besser abgeschnitten hätten als die öffentlichen. Allerdings „vergessen“ die Berichterstatter regelmäßig, einen wichtigen Satz aus dem OECD-Papier zu zitieren: „Bei vollständiger Berücksichtigung der sozioökonomischen Hintergrundfaktoren wiesen die privaten Schulen generell keinen Leistungsvorsprung mehr auf.“

Vergleiche dieser Art sollten die deutschen Privatschulen aber gar nicht nötig haben. Ihr Vorzug ist, dass sie in der Erziehung von Kindern einer engagierten Elternschaft ein erzieherisches Ethos hochhalten können, das in öffentlichen Schulen mit ihrer oft auch ethisch höchst pluralistischen Klientel nicht vermittelbar ist. Das zählt mehr als mancher PISA-Punkt.

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