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(DL) - AKTUELL |
Aus dem BAYERNKURIER vom 16. Oktober 2003
Erster "Bildungsbericht für Deutschland"
Ideologische Prestigeobjekte
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Kaum ein Politikbereich
produziert so viel Papier wie die Bildungspolitik. Das war schon vor drei
Jahrzehnten so. Damals jagte ein reformerischer Grundsatzentwurf, ein progressiver
Rahmenplan, ein vermeintlicher schulpolitischer Therapieplan den nächsten.
Diese Frequenz hat sich seit der eben zurückliegenden Jahrtausendwende
ganz offenbar noch drastisch erhöht. Wer heutzutage etwas auf sich hält,
macht auf Bildungspolitik und produziert entsprechende Schriften. Im Monats-
und zumindest Quartalstakt kommen immer neue oder neu zusammenfassende „Expertisen“
und Statistiken auf den Markt. PISA Teil 1, PISA Teil 2, PISA Teil 3, IGLU,
OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ - allein das waren in 20 Monaten in
der Summe über 2500 quasi-amtliche Seiten. Wirtschaftsverbände,
Unternehmen wie Bertelsmann oder McKinsey mischen zusätzlich mit und
werfen weitere dicke bildungspolitische Konvolute auf den Markt
Jetzt also ist der
„erste“ „Bildungsbericht für Deutschland“ da. Erarbeitet unter Federführung
des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung
(DIPF) in Frankfurt/Main, ist er 300 Seiten stark. Allerdings bringt er kaum
etwas, was man nicht schon hätte wissen können, wenn man es denn
hätte wissen wollen - unter anderem dass wir in Deutschland, also von
Bundesland zu Bundesland, hinsichtlich der Rahmenbedingungen schulischer
Bildung und hinsichtlich der Erfolge schulischer Bildung beachtliche Unterschiede
haben.
Aber das kennen wir
seit längerem. Mitte der 90er Jahre wurde bekannt, dass es Länder
wie Bayern gibt, in denen Schüler in 13 Schuljahren bis zum Abitur 1100
Schulstunden mehr Unterricht haben als Schüler in Hessen (im damaligen
rot-grün regierten Hessen). Ebenfalls seit Mitte der 90er Jahre kann
man wissen, dass bayerische Grundschüler in vier Grundschuljahren 400
Stunden mehr Unterricht haben als ihre Hamburger Altersgenossen. Seit Ende
der 90er Jahre wissen wir aufgrund der TIMSS (Third International Mathematics
and Science Study), dass bayerische Fünfzehnjährige schulisch einen
Lernvorsprung von eineinhalb Jahren gegenüber gleichaltrigen Schülern
in Nordrhein-Westfalen haben. PISA belegt darüber hinaus, dass Bayern
das einzige Bundesland ist, das sich auch im internationalen PISA-Ranking
sehen lassen kann. Längst belegt ist zudem die Tatsache, dass die von
egalitären Schulpolitikern gehätschelte Einheitsschule der Gesamtschule
(Beispiel NRW und Hamburg) personell und sächlich um 30 Prozent kostspieliger
ist bzw. war, als es die Schulen des gegliederten Schulwesens sind, dass
diese Gesamtschule zugleich aber gerade eben die Leistungsdaten der Hauptschule
erreicht und am Ende der zehnten Klasse - allein gemessen an der Realschule
- um zwei Jahre hinterherhinkt. All diese Fakten sind mehrfach belegt: in
den entsprechenden Haushaltsdaten der betreffenden Bundesländer oder
in Studien des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin.
Es hätte des
aktuellen nationalen Bildungsberichts insofern nicht bedurft. Gleichwohl
kann es nicht schaden, wenn in einem solchen Bericht bekannte Klagen und
vergessene Mahnungen erneut ausgesprochen werden. So heißt es dort
in erfreulicher Eindeutigkeit: Ein Land müsse „nach der Effektivität
seines Bildungssystems fragen“; es müsse „sicherstellen, dass die Ressourcen
optimal genutzt werden“. Wichtig sei ein „zielführender, effektiver
Mitteleinsatz und ein optimierender, effizienter Umgang mit den verfügbaren
Ressourcen.“ Oder mit Blick auf Disparitäten zwischen den Bundesländern
in puncto Schulleistungen: „Nicht immer stehen vergleichbare Schulabschlüsse
in unterschiedlichen Schulformen für vergleichbare Leistungen.“
Mit anderen Worten:
Die Schulpolitik der aktuell oder früher SPD-geführten Bundesländer
muss sich hinter den Spiegel stecken, dass sie – bei gleichzeitiger Absenkung
des Leistungsniveaus - eine kostspielige und zugleich wenig effektive Schulpolitik
betrieben hat. Ihren GAU hat eine solche Politik spätestens mit PISA
erlebt, denn hier schnitten die sog. reformerischen Länder im innerdeutschen
und im internationalen Vergleich eindeutig am schwächsten ab. Innerdeutsches
PISA-Schlusslicht ist beispielsweise Bremen, das zugleich aber pro Schüler
am meisten Geld ausgibt. Fragen muss sich eine solche Schulpolitik auch,
ob sie die verfügbaren Lehrerressourcen richtig eingesetzt hat. In einem
SPD-regierten Hessen der Jahre vor 1999 etwa gelangten zwanzig Prozent der
Lehrerstunden und damit der Lehrerstellen gar nicht erst in den Regelunterricht,
sondern sie versickerten zu erheblichen Anteilen in irgendwelchen vermeintlich
progressiven schulischen Luxusprojekten.
Vor diesem Hintergrund
darf man jetzt schon erwarten, dass das mit derzeit viel publizistischem
Geräusch inszenierte Programm der Bundesregierung zur Förderung
der Ganztagsschule ein weiterer Flop werden könnte. Mit vier Milliarden
Euro ist es ja durchaus ein gewichtiges Programm. Ob sich damit aber die
PISA-Ergebnisse deutscher Schüler verbessern werden, bleibt höchst
zweifelhaft. Denn diese vier Milliarden sind aufzuteilen auf fünf Jahre
und – so die Absicht - auf 10.000 Schulen. Somit bleiben rechnerisch pro
Schule und Jahr 80.000 Euro. Wie man mit einem solchen Betrag Ganztagsschule
machen und Lernergebnisse verbessern will, bleibt dahingestellt; schließlich
reicht das nicht einmal aus, um eine Schulkantine einzurichten, geschweige
denn Personal zu beschäftigen. Vergessen sei auch nicht, dass diese
vier Milliarden alles andere als eine generöse Geste des Bundes sind:
Denn man gibt mit diesem Geld den Kommunen im Grunde etwas zurück, was
man ihnen über eine veränderte Gewerbesteuer vorher abgezockt hat.
Es bleibt also der
Verdacht: Hier wird in Fortsetzung einer früher exzessiv betriebenen
und hochtrabenden Politik der schulpädagogischen Prestigeobjekte erneut
eine Politik betrieben, die teuer ist, die Aktivismus vortäuschen soll,
die gefällig erscheint, deren Effekt aber jetzt schon in Frage steht.
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