DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - PRESSEERKLÄRUNG 
                                                                                                 




  Berlin, 30.01.2012
   

Hintergrundinformationen des Deutschen Lehrerverbandes (DL) zur dpa-Meldung und zum FAS-Bericht 

vom 29. Januar 2012 


„Skandalös: Während massenweise Unterricht ausfällt, sind Zehntausende von jungen Lehrern ohne feste Beschäftigung“

     „110 Prozent Stundenabdeckung notwendig“

Am 29. Januar 2012 meldete dpa: Schüler an Gymnasien verpassen laut einer Studie in ihrer Schullaufbahn ein ganzes Schuljahr, weil Unterricht ausfällt. Das ergab eine Analyse des Deutschen Lehrerverbandes, von der die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» vom 29. Januar 2012 berichtet. Demnach finden zehn Prozent des Unterrichts in Deutschland nicht regulär statt. Dass zugleich mehrere zehntausende Lehrer keine feste Beschäftigung hätten, nannte Verbandspräsident Josef Kraus einen Skandal.


Grundlage für diese Meldung bzw. für den Bericht der FAS sind die nachfolgend dargestellten Ergebnisse der Recherchen des Deutschen Lehrerverbandes.  

Situation des Unterrichts in den Schulen
>>> Pro Woche müssten an Deutschlands allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen regulär rund 14 Millionen Stunden unterrichtet werden.
>>> Je nach Land und je nach Schulform fallen zwischen zwei und fünf Prozent des Soll-Unterrichts ersatzlos aus, weitere vier bis fünf Prozent müssen in Mehrarbeit durch andere Lehrer – zum Teil fachfremd - vertreten werden.
>>> Das ergibt pro Woche in Deutschland rund 1,2 Millionen Unterrichtsstunden, die nicht regulär stattfinden.
>>> Diese Zahl an 1,2 Millionen Unterrichtsstunden entspricht der Unterrichtsverpflichtung von rund 45.000 Vollzeit-Lehrern

Situation auf dem Lehrerarbeitsmarkt
>>> Realiter sind derzeit geschätzt 50.000 junge Nachwuchslehrer ohne adäquate Beschäftigung. Amtlich als „arbeitsuchend“ gemeldet waren im Dezember 2011 im allgemeinbildenden und im berufsbildenden Schulbereich rund 10.000 Lehrer.
>>> Viele der 50.000 Nachwuchslehrer fristen ihre berufliche Existenz als Aushilfslehrer, in den wenigeren Fällen in Vollzeit und mit Jahresvertrag. Bei diesen befristeten Beschäftigungen handelt es sich häufig um Drei- bis Sechsmonatsverträge; selbst wenn ein sonst beschäftigungsloser Lehrer einen Jahresvertrag hat, kann es sein, dass die großen Ferien ausgeschlossen sind, es sich also nur um einen 10,5-Monate-Vertrag handelt.
>>> Die hohe „Dunkelziffer“ ergibt sich daraus, dass sich die meisten arbeitslosen Nachwuchslehrer nicht bei den Arbeitsagenturen melden, weil sie nach Abschluss ihrer Ausbildung als Beamte auf Widerruf keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld I und wegen ihrer Lebensumstände oft auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld II haben. Sie können zudem kaum mit einer amtlichen Stellenvermittlung rechnen. Im Dezember 2011 beispielsweise hatten die Arbeitsagenturen offiziell gerade eben 1.876 offene Arbeitsstellen im allgemeinbildenden und im berufsbildenden Schulbereich ausgewiesen.
>>> Bei den arbeitsuchenden Lehrern handelt sich vor allem um junge, meist 25- bis 30jährige fertig ausgebildete Lehrer aller Schulformen, die keine Beschäftigung im Schuldienst oder allenfalls eine befristete Voll- oder Teilzeitbeschäftigung fanden.
>>> Besonders ungünstig sind die Beschäftigungschancen für junge Lehrer - vorbehaltlich der jeweiligen Unterrichtsfächer und je nach Bundesland - aktuell und schon seit längerem in den Bereichen Gymnasium, Realschulen, Gesamtschulen sowie anderer Schulformen im Sekundarbereich I (d.h. der Jahrgangstufen 5 bis 10). Fachspezifisch besonders ungünstig sind die Aussichten für Lehrer der Fächer Deutsch, Englisch, Geschichte. Hier reichten zuletzt nicht einmal Examensnoten um die Note 1,3 für eine unbefristete Anstellung.
>>> Die günstigsten Aussichten haben Lehrer folgender Unterrichtsfächer: an den allgemeinbildenden Schulen in Mathematik, Physik, Informatik, an den Gymnasien zusätzlich in Latein; an den berufsbildenden Schulen in Elektrotechnik, Metalltechnik, Informationstechnik sowie in wirtschaftlich-kaufmännischen Fächern.
>>> Auch wenn es die Politik anders zugesagt hat: Die Verkürzung des Gymnasiums von neun auf acht Jahre entpuppt sich als Sparprogramm. Den achtjährigen Gymnasien stehen nicht mehr so viel Lehrerstellen zur Verfügung wie den neunjährigen.
>>> Lehrermangel ist inzwischen ein Thema in allen, alten wie neuen Ländern – wenn auch jeweils aus unterschiedlichen Gründen und in verschiedenen Schul- bzw. Fachbereichen. In den neuen Ländern hat sich die nach der Wiedervereinigung stark rückläufige demographische Entwicklung etwas konsolidiert, so dass auch dort wieder ein nennenswerter Lehrerbedarf vorliegt.
>>> Besonders schlecht ist die Einstellungssituation für junge Lehrer in Berlin. Dort gibt es mehr arbeitsuchende Junglehrer als in den hinsichtlich Schülerzahl viermal größeren Ländern Bayern bzw. Baden-Württemberg.
>>> Die Annahme, dass sich ein „Überangebot“ an Lehrern in einer Region mit dem Mangel in einer anderen Region bundesweit ausgleicht, ist falsch. Ein solches fiktives Herumschieben der Arbeitssuchenden und der Arbeitsstellen sieht über die Lebensumstände des Einzelnen hinweg. Vor allem aber ist nicht zu übersehen, dass es in den verschiedenen deutschen Ländern eklatante Unterschiede in den Arbeitsbedingungen für Lehrer gibt (Status,  Besoldung, Lehrdeputate).Hier haben bestimmte Länder eindeutig Wettbewerbsvorteile und andere Wettbewerbsnachteile. Thüringen beispielsweise hat dies erkannt; es will sich der Verbeamtung von Lehrern annähern.

 Politische Forderungen und pädagogischer Mehrwert
Bis 1999 gingen bundesweit pro Jahr jeweils 10.000 bis 12.000 Lehrer in den Ruhestand (entsprechend jährlich rund 1,5 Prozent aller Lehrer in Deutschland). Seit rund fünf Jahren gehen jährlich bis zu 20.000 Lehrer in den Ruhestand. Diese Zahl wird sich bis 2010 weiter erheblich steigern und auf jährlich bis zu 40.000 ansteigen. Bis 2022 sind rund 400.000 der derzeit aktiven knapp 800.000 Lehrer in Deutschland aus Altersgründen nicht mehr im Dienst. Selbst bei unveränderten pädagogischen Rahmenbedingungen müssen diese Lehrer trotz leicht rückläufiger Schülerzahlenentwicklung zum größten Teil ersetzt werden.

Selbst wenn es in einigen Fachbereichen ein Überangebot an Nachwuchslehrern gibt, muss ein Einstellungskorridor für Nachwuchslehrer offen bleiben. Dafür gibt es vier entscheidende Argumente:
>>> Die bestens und gut qualifizierten Nachwuchslehrer werden schlicht und einfach für die Sicherung bzw. Steigerung der schulischen Bildungsqualität gebraucht.
>>> Das Durchschnittalter der aktiven Lehrerschaft nähert sich wieder den 50 Jahren. Die Schulen brauchen wieder mehr junge Lehrer.
>>> Die Klassen sind vielfach nach wie vor zu groß. Vor allem im Bereich der Sekundarstufe I gibt es in den westdeutschen Ländern immer noch zu viele Klassen mit 30 und mehr Schülern.
>>> Der Anteil des nicht regulär stattfinden Unterrichts tendiert hin zu zehn Prozent. Im Laufe etwa einer gymnasialen Schullaufbahn summiert sich dieser Ausfall auf rund ein komplettes Schuljahr.
Diese Argumente gelten für alle 16 Länder. Sollten einzelne Länder junge Lehrer gleichwohl gar nicht mehr oder nur noch äußerst restriktiv einstellen, so müssen diese Länder damit rechnen, dass ihnen auch die bestqualifizierten Nachwuchsleute den Rücken kehren und in den Schuldienst anderer deutscher Länder übersiedeln.

Besonders strukturschwache Gebiete, deren Infrastruktur für junge Menschen nicht so anziehend ist wie die größeren Städte, sind darauf angewiesen, dass sie sich den Lehrernachwuchs sichern, der ursprünglich aus dieser Region stammt und deshalb zusätzliche Gründe hat, dorthin zurückzukehren. Müssen sich diese jungen Lehrer zunächst beruflich woanders oder gar in einem anderen Beruf etablieren, sind sie für die ländlichen Regionen als Lehrer oft auf Dauer verloren.

Schlussfolgerung
Die Schulen brauchen eine Lehrerversorgung von 110 Prozent, damit halbwegs ertragreiche unterrichtliche Rahmenbedingungen geschaffen sind. Die Finanzierung dieses zehnprozentigen Zuschlags an Lehrerstunden für jede einzelne Schule muss möglich sein, zumal Deutschland gemessen am Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt international allenfalls Mittelmaß ist.

Pädagogischer Mehrwert von Neueinstellungen
Eine Unterrichtsversorgung von 110 Prozent lässt nicht nur Unterrichtsausfall vermeiden, sondern sie erlaubt auch die Einrichtung von Förderkursen für schwächere und für besonders begabte Schüler. Nutznießer solcher Maßnahmen einer stärkeren individuellen Förderung wären vor allem Schüler aus Elternhäusern, die in Bildungsfragen weniger engagiert sind. Außerdem sind junge Lehrkräfte vielfach auch Multiplikatoren neuer Inhalte und Methoden sowie innovative Potentiale in den Schulen.

 

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Für den Inhalt verantwortlich: Anne Schirrmacher, Karen Ullrich (DL)




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