Am
29. Januar 2012 meldete dpa: Schüler an Gymnasien verpassen laut einer
Studie in ihrer Schullaufbahn ein ganzes Schuljahr, weil Unterricht
ausfällt. Das ergab eine Analyse des Deutschen Lehrerverbandes, von der
die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung»
vom 29. Januar 2012 berichtet. Demnach finden zehn Prozent des
Unterrichts in Deutschland nicht regulär statt. Dass zugleich mehrere
zehntausende Lehrer keine feste Beschäftigung hätten, nannte
Verbandspräsident Josef Kraus einen Skandal.
Grundlage für diese Meldung bzw.
für den
Bericht der FAS sind die nachfolgend dargestellten Ergebnisse der
Recherchen
des Deutschen Lehrerverbandes.
Situation
des Unterrichts in den
Schulen
>>>
Pro
Woche müssten an Deutschlands allgemeinbildenden und berufsbildenden
Schulen
regulär rund 14 Millionen Stunden unterrichtet werden.
>>>
Je
nach Land und je nach Schulform fallen zwischen zwei und fünf Prozent
des
Soll-Unterrichts ersatzlos aus, weitere vier bis fünf Prozent müssen in
Mehrarbeit durch andere Lehrer – zum Teil fachfremd - vertreten werden.
>>>
Das
ergibt pro Woche in Deutschland rund 1,2 Millionen Unterrichtsstunden,
die
nicht regulär stattfinden.
>>>
Diese
Zahl an 1,2 Millionen Unterrichtsstunden entspricht der
Unterrichtsverpflichtung
von rund 45.000 Vollzeit-Lehrern
Situation auf dem
Lehrerarbeitsmarkt
>>>
Realiter
sind derzeit geschätzt 50.000 junge
Nachwuchslehrer ohne adäquate Beschäftigung. Amtlich als
„arbeitsuchend“
gemeldet waren im Dezember 2011 im allgemeinbildenden und im
berufsbildenden
Schulbereich rund 10.000 Lehrer.
>>> Viele
der 50.000 Nachwuchslehrer fristen ihre berufliche Existenz als
Aushilfslehrer,
in den wenigeren Fällen in Vollzeit und mit Jahresvertrag. Bei diesen
befristeten Beschäftigungen handelt es sich häufig um Drei- bis
Sechsmonatsverträge;
selbst wenn ein sonst beschäftigungsloser Lehrer einen Jahresvertrag
hat, kann
es sein, dass die großen Ferien ausgeschlossen sind, es sich also nur
um einen
10,5-Monate-Vertrag handelt.
>>> Die
hohe „Dunkelziffer“ ergibt sich
daraus, dass sich die meisten arbeitslosen Nachwuchslehrer nicht bei
den
Arbeitsagenturen melden, weil sie nach Abschluss ihrer Ausbildung als
Beamte
auf Widerruf keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld I und wegen ihrer
Lebensumstände oft auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld II haben.
Sie
können zudem kaum mit einer amtlichen Stellenvermittlung rechnen. Im
Dezember
2011 beispielsweise hatten die Arbeitsagenturen offiziell gerade eben
1.876
offene Arbeitsstellen im allgemeinbildenden und im berufsbildenden
Schulbereich
ausgewiesen.
>>> Bei
den arbeitsuchenden Lehrern handelt sich vor allem um junge, meist 25-
bis
30jährige fertig ausgebildete Lehrer aller Schulformen, die keine
Beschäftigung
im Schuldienst oder allenfalls eine befristete Voll- oder
Teilzeitbeschäftigung
fanden.
>>> Besonders
ungünstig sind die
Beschäftigungschancen für junge Lehrer - vorbehaltlich der jeweiligen
Unterrichtsfächer und je nach Bundesland - aktuell und schon seit
längerem in
den Bereichen Gymnasium, Realschulen, Gesamtschulen sowie anderer
Schulformen
im Sekundarbereich I (d.h. der Jahrgangstufen 5 bis 10). Fachspezifisch
besonders ungünstig sind die Aussichten für Lehrer der Fächer Deutsch,
Englisch, Geschichte. Hier reichten zuletzt nicht einmal Examensnoten
um die
Note 1,3 für eine unbefristete Anstellung.
>>> Die
günstigsten Aussichten haben
Lehrer
folgender Unterrichtsfächer: an den allgemeinbildenden Schulen in
Mathematik,
Physik, Informatik, an den Gymnasien zusätzlich in Latein; an den
berufsbildenden Schulen in Elektrotechnik, Metalltechnik,
Informationstechnik
sowie in wirtschaftlich-kaufmännischen Fächern.
>>> Auch
wenn es die Politik anders zugesagt hat: Die Verkürzung
des Gymnasiums von neun auf acht Jahre entpuppt sich als
Sparprogramm. Den achtjährigen Gymnasien stehen nicht mehr so viel
Lehrerstellen zur Verfügung wie den neunjährigen.
>>> Lehrermangel
ist inzwischen ein Thema in allen, alten wie neuen Ländern – wenn auch
jeweils
aus unterschiedlichen Gründen und in verschiedenen Schul- bzw.
Fachbereichen.
In den neuen Ländern hat sich die nach der Wiedervereinigung stark
rückläufige
demographische Entwicklung etwas konsolidiert, so dass auch dort wieder
ein
nennenswerter Lehrerbedarf vorliegt.
>>> Besonders
schlecht ist die Einstellungssituation für junge Lehrer in Berlin. Dort gibt es mehr arbeitsuchende
Junglehrer als in den
hinsichtlich Schülerzahl viermal größeren Ländern Bayern bzw.
Baden-Württemberg.
>>> Die
Annahme, dass sich ein „Überangebot“ an Lehrern in einer Region mit dem
Mangel
in einer anderen Region bundesweit ausgleicht, ist falsch. Ein solches fiktives Herumschieben der
Arbeitssuchenden und der Arbeitsstellen sieht über die Lebensumstände
des
Einzelnen hinweg. Vor allem aber ist nicht zu übersehen, dass es in den
verschiedenen deutschen Ländern eklatante Unterschiede in den
Arbeitsbedingungen für Lehrer gibt (Status,
Besoldung, Lehrdeputate).Hier haben bestimmte Länder
eindeutig
Wettbewerbsvorteile und andere Wettbewerbsnachteile. Thüringen
beispielsweise
hat dies erkannt; es will sich der Verbeamtung von Lehrern annähern.
Politische
Forderungen und
pädagogischer Mehrwert
Bis
1999
gingen bundesweit pro Jahr jeweils 10.000 bis 12.000 Lehrer in den
Ruhestand
(entsprechend jährlich rund 1,5 Prozent aller Lehrer in Deutschland).
Seit rund
fünf Jahren gehen jährlich bis zu 20.000 Lehrer in den Ruhestand. Diese
Zahl
wird sich bis 2010 weiter erheblich steigern und auf jährlich bis zu
40.000
ansteigen. Bis 2022 sind rund 400.000 der derzeit aktiven knapp 800.000
Lehrer
in Deutschland aus Altersgründen nicht mehr im Dienst. Selbst bei
unveränderten
pädagogischen Rahmenbedingungen müssen diese Lehrer trotz leicht
rückläufiger
Schülerzahlenentwicklung zum größten Teil ersetzt werden.
Selbst
wenn
es in einigen Fachbereichen ein Überangebot an Nachwuchslehrern gibt,
muss ein
Einstellungskorridor für Nachwuchslehrer offen bleiben. Dafür gibt es
vier
entscheidende Argumente:
>>> Die
bestens und gut qualifizierten Nachwuchslehrer werden schlicht und
einfach für
die Sicherung bzw. Steigerung der schulischen Bildungsqualität
gebraucht.
>>> Das
Durchschnittalter der aktiven Lehrerschaft nähert sich wieder den 50
Jahren.
Die Schulen brauchen wieder mehr junge Lehrer.
>>> Die
Klassen sind vielfach nach wie vor zu groß. Vor allem im Bereich der
Sekundarstufe
I gibt es in den westdeutschen Ländern immer noch zu viele Klassen mit
30 und
mehr Schülern.
>>> Der
Anteil des nicht regulär stattfinden Unterrichts tendiert hin zu zehn
Prozent.
Im Laufe etwa einer gymnasialen Schullaufbahn summiert sich dieser
Ausfall auf
rund ein komplettes Schuljahr.
Diese
Argumente gelten für alle 16 Länder. Sollten einzelne Länder junge
Lehrer
gleichwohl gar nicht mehr oder nur noch äußerst restriktiv einstellen,
so
müssen diese Länder damit rechnen, dass ihnen auch die
bestqualifizierten
Nachwuchsleute den Rücken kehren und in den Schuldienst anderer
deutscher
Länder übersiedeln.
Besonders
strukturschwache Gebiete, deren Infrastruktur für junge Menschen nicht
so
anziehend ist wie die größeren Städte, sind darauf angewiesen, dass sie
sich
den Lehrernachwuchs sichern, der ursprünglich aus dieser Region stammt
und
deshalb zusätzliche Gründe hat, dorthin zurückzukehren. Müssen sich
diese
jungen Lehrer zunächst beruflich woanders oder gar in einem anderen
Beruf
etablieren, sind sie für die ländlichen Regionen als Lehrer oft auf
Dauer verloren.
Schlussfolgerung
Die
Schulen
brauchen eine Lehrerversorgung von 110
Prozent, damit halbwegs ertragreiche unterrichtliche
Rahmenbedingungen
geschaffen sind. Die Finanzierung dieses zehnprozentigen Zuschlags an
Lehrerstunden für jede einzelne Schule muss möglich sein, zumal
Deutschland
gemessen am Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt
international
allenfalls Mittelmaß ist.
Pädagogischer
Mehrwert von
Neueinstellungen
Eine
Unterrichtsversorgung von 110 Prozent lässt nicht nur
Unterrichtsausfall vermeiden,
sondern sie erlaubt auch die Einrichtung von Förderkursen für
schwächere und
für besonders begabte Schüler. Nutznießer solcher Maßnahmen einer
stärkeren
individuellen Förderung wären vor allem Schüler aus Elternhäusern, die
in
Bildungsfragen weniger engagiert sind. Außerdem sind junge Lehrkräfte
vielfach
auch Multiplikatoren neuer Inhalte und Methoden sowie innovative
Potentiale in
den Schulen.
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Für den
Inhalt verantwortlich: Anne Schirrmacher, Karen Ullrich (DL)
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