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Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 28. Januar 2000
POLITIK-AFFÄREN
Ein Bärendienst für die politische Bildung junger Leute
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Man kennt die Klagen zur Genüge: Unsere Jugend sei unpolitisch und rein erlebnisorientiert; Jungwähler gingen kaum zur Wahl; politische Interessen der Heranwachsenden rangierten weit hinter Konsum- und Freizeitinteressen; mit Fragen der Demokratie und des Rechtsstaates könnten sie überhaupt nichts anfangen usw. usw. Gleichwohl war dieses Lamento auch in jüngster Zeit zu erheblichen Teilen unberechtigt. Schließlich wurde von den „Alten“ stets übersehen, wie grundsätzlich zukunftsorientiert die Jugend zu großen Teilen ist. Ob trotz Politik oder wegen ihres Vertrauens in Demokratie und Rechtsstaat, sei dahingestellt.
Jetzt aber müssen die Alarmglocken schrillen bei jedem, dem politische Bildung und politisches Engagement Jugendlicher ein Anliegen sind. Denn: Auch wenn es nicht sofort in Zahlen nachweisbar ist, hinterlässt das aktuelle Affären-Panorama bei den politischen Haltungen junger Leute seine Spuren. Das ist zu spüren, wenn man mit jungen Leuten spricht; wenn sie sich äußern über die „Mafia da oben“ oder wenn sie „nie“ wählen gehen wollen.
Obendrein ist zu befürchten, dass es vor allem die politisch Aufgeweckten sind, denen Spenden-, Urlaubsreisen- und Flug-Skandale am meisten gegen den Strich gehen. Gerade sie wären in ihren Kreisen und später womöglich in Vereinen oder Parteien wichtige Multiplikatoren für Demokratie und Rechtsstaat.
Einen Bärendienst jedenfalls erweisen die nicht enden wollenden Affären allen, denen politische Bildung ein Anliegen ist. Es verlangt nämlich jetzt schon sehr viel Geschick und Überzeugungsvermögen, angehenden Volljährigen zu vermitteln, dass die Wahrnehmung des Wahlrechts oder gar die aktive Einmischung in Parteien ein besonders vornehmes Recht, ja eine staatsbürgerliche Verpflichtung ist.
Einen Bärendienst leistet eine Skandalpolitik auch allen Erziehern in Familie, Schule und Jugendarbeit, die ein sensibles Unrechtsbewusstsein einfordern. Wie sollen sie junge Menschen zur Ehrlichkeit erziehen, wenn Prominente in Staats- und Parteiämtern tricksen und lügen?
Da hilft – politisch und
pädagogisch betrachtet – nur eines: Die Schuldigen müssen sich
stellen und ihre Fehler eingestehen. Dann erleben die Jungen zumindest,
dass es sich gehört, für Fehler den Kopf hinzuhalten. Und dann
spüren die Jungen vielleicht einen Hauch davon, dass demokratische
Kontrolle funktioniert. Die Schuldigen könnten damit einmal wenigstens
zu einem Vorbild, diesmal einem positiven, werden.
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