DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der PASSAUER NEUEN PRESSE vom 14. Juli 2005


"Schüler können mehr, als PISA messen kann"

Lehrerpräsident räumt in seinem Buch mit dem Mythos der Studie auf - "Allgemeinbildung wird gar nicht erfasst"

Von Isabel Metzger



Josef Kraus ist seit jeher ein Mann der markigen Worte. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes ist bekannt für seine harten verbalen Bandagen, wenn es um die Darstellung seiner schulpolitischen und pädagogischen Ansichten geht. Mit dem Mainstream ist der Vilsbiburger Gymnasialdirektor noch nie geschwommen - weder bei der Realisierung des umstrittenen verkürzten Gymnasiums in Bayern und schon gar nicht bei der Beurteilung der PISA-Studie.

Die vier Buchstaben - sie stehen für Programme for International Student Assessment - stoßen Kraus inzwischen so sauer auf, dass nun auf 248 Seiten alle, die mit PISA zu tun haben, ihr Fett abbekommen: „Der PISA-Schwindel - Unsere Kinder sind besser als ihr Ruf“ lautet der Titel des Buches, das Kraus rechtzeitig vor der Veröffentlichung der neuesten Schüler-Studie auf den Markt brachte. Heute gibt das „Kieler Institut für Pädagogik der Naturwissenschaft“ den aktuellen nationalen Ländervergleich offiziell bekannt. Gestern Abend berichtete die Deutsche Presse Agentur (dpa) vorab über die wichtigsten Ergebnisse.


Überraschungen hat sich Kraus von PISA-E schon zuvor nicht erwartet. Süddeutschland werde den Abstand zum Sieger-Land Finnland deutlich verringern. Das innerdeutsche Süd-Nord-Gefälle werde noch steiler, prophezeit er. Doch Freude darüber will bei dem bayerischen Pädagogen nicht aufkommen. Im Gegenteil: Die PISA-Studien würden seit ihrer ersten Veröffentlichung im Dezember 2001 „in einem Maße missbraucht, dass dies die eigentliche Katastrophe des deutschen Bildungswesens zu werden droht“. Kraus zweifelt vor allem die Aussagekraft der Tests an. „Reichlich hochtrabend geben manche ,Pisaner‘ vor, mit einem 120-Minuten-Test untersuchen zu können, wie gut die jungen Menschen auf Herausforderungen der Wissensgesellschaft vorbereitet sind“, beklagt der Autor und wettert: „Es geht dabei doch nur um Informationsentnahme.“ Es werde weder die Allgemein- noch die Persönlichkeits- und Fremdsprachenbildung erfasst. Von einer „musischen Grundbildung oder literarischem Verständnis“ ganz zu schweigen. „Unsere Kinder können also viel mehr, als PISA messen kann.“
 
Ein eigenes Kapitel widmet Kraus dem vermeintlichen Bildungs-Mythos Skandinavien. Der PISA-Sieger Finnland sei geradezu zum „Pilgerland hochstilisiert“ worden. Ein wirkliches Ärgernis für Kraus, denn: „Manche ,Bildungsexperten‘ aus Deutschland versteigen sich in schierer DDR-Nostalgie gar zur Behauptung, das finnische Schulsystem sei deshalb so erfolgreich, weil es in den 70er Jahren nach dem Vorbild der DDR durchkonstruiert worden sei.“ Dabei sind für den Bayern die finnischen Verhältnisse in keiner Weise mit den deutschen zu vergleichen. Der Ausländeranteil liege dort bei minimalen 1,2 Prozent, die Klassenstärken seien mit durchschnittlich 18,2 Schülern nahezu paradiesisch. Kraus’ Schlussfolgerung: „Hätten die Finnen unsere Rahmenbedingungen, dann wären sie genauso mittelprächtig wie wir.“

Um herauszufinden, dass es innerhalb Deutschlands ein erhebliches schulisches Leistungsgefälle gibt, hätte man PISA ohnehin nicht gebraucht. Das war schon lange vorher bekannt, betont Kraus und zitiert den früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Glogowski (SPD), der bereits 1998 die krassen Unterschiede auf folgenden Nenner brachte: „Zieht ein bayerisches Kind hierher, muss es sich erst mal zwei Jahre hängen lassen, damit es das niedrige niedersächsische Niveau erreicht.“

Freilich hat der Lehrerpräsident auf seine mitunter polemische Abrechnung mit PISA nicht nur positive Reaktionen erhalten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft übertitelte vor kurzem nicht ohne Hintergedanken eine Veranstaltung mit „PISA richtig verstehen“. Doch solche Seitenhiebe nimmt Josef Kraus gelassen. Genauso unaufgeregt sollte seiner Meinung nach auch in Deutschland der Umgang mit PISA sein. „Wer schließlich nimmt noch einen deutschen Absolventen, wenn dessen eigenes Land nicht von seiner Qualifikation überzeugt ist?“


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