DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 Aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 6. Dezember 2004

"Deutschland wird weiter aufholen"

Interview mit Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Aus Sicht der Lehrer


Deutschland ist bei PISA II wieder nur Mittelmaß. Hat Sie der Befund überrascht?
Josef Kraus: Nein. Die Ergebnisse waren zu erwarten. Sie sind etwas besser als bei PISA I. Ich warne davor, diesen leichten Aufwärtstrend jetzt boshaft schlechtzurechnen.

Es gibt also keinen Grund für einen zweiten PISA-Schock?
Kraus: Nein, denn viele Bildungsreformen wurden erst nach dem Herbst 2002 - als der Ländervergleich von PISA I vorlag - umgesetzt. Die Tests für PISA II liefen aber schon im darauf folgenden Frühjahr. Es wäre utopisch gewesen, einen großen Sprung nach vorne zu erwarten. Die Bildungslandschaft wandelt sich momentan grundlegend, es wird aber noch dauern, bis sich dies auch messen lässt.

Die jüngste Studie stellt den Lehrern kein schmeichelhaftes Zeugnis aus.
Kraus:  Der PISA-Test ist kein Test für Lehrer, sondern für die Gesellschaft. Es kommt auch auf das Interesse der Eltern an ihren Kindern an. Nach der neuesten Untersuchung sind die Probleme vor allem an den Hauptschulen groß. Dort, wie aber auch an den Grundschulen, machen wir die Erfahrung, dass Sprach- und Förderkurse nicht angenommen werden.

Warum nicht?
Kraus: Offensichtlich empfinden es manche Familien als diskriminierend, ihre Kinder in diese Kurse schicken zu müssen. Gerade bei der zweiten Generation von Einwanderern ist es uns nicht gelungen, eine ausreichende Sprachkenntnis zu vermitteln. Dies zu ändern ist nicht nur Sache der Schule, sondern auch der Integrationspolitik.

Welche Defizite sehen Sie bei den Schulen?
Kraus: Die Situation stellt sich von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich dar. In jedem Fall ist es ein Fortschritt, dass man sich auf bundesweit gemeinsame Bildungsstandards geeinigt hat. Mehrere Bundesländer haben überdies landeseinheitliche Jahrgangsstufentests eingeführt. Ebenso weisen die Reformen bei der Lehreraus- und fortbildung in die richtige Richtung.

In kaum einem anderen Staat werden sozial Schwache so ausgesiebt wie bei uns. Spricht das nicht für das Ende des dreigliedrigen Systems?
Kraus: Nein, denn im innerdeutschen Vergleich waren die Länder mit dem ausdifferenziertesten System wie Bayern und Baden-Württemberg am erfolgreichsten.

Aber in Baden-Württemberg hat ein Kind aus einer Oberschichtsfamilie eine vielfach höhere Chance, aufs Gymnasium zu gehen, als ein Kind aus ärmeren Verhältnissen.
Kraus: In Bayern und Baden-Württemberg erbringen Hauptschüler aber höhere Leistungen als Realschüler aus anderen Bundesländern.

Das klingt, als sei trotz Pisa alles bestens.
Kraus: Nein. Erstens habe ich gesagt, dass wir Kinder mit Migrationshintergrund besser und früher fördern müssen. Zweitens haben wir ein Lehrernachwuchsproblem. In den nächsten zwölf Jahren treten 350 000 Lehrer in den Ruhestand. Ich habe die Sorge, dass wir sie nicht durch qualifizierte Nachfolger ersetzen können. Zudem sind die Rahmenbedingungen für die Schulen nicht optimal. Uns fehlen Möglichkeiten, schwache und starke Schüler zielgerichteter zu unterstützen.

Was müsste geschehen?
Kraus: Jede Schule bräuchte einen Stundenpool von mindestens fünf Prozent zusätzlich. So ließe sich die Förderung verbessern, der Unterrichtsausfall würde geringer.

Ein frommer Wunsch bei leeren Kassen.
Kraus: Deutschland gibt nur 5,5 Prozent seines Bruttosozialprodukts für Bildung aus. Beim PISA-Sieger Finnland sind es 7,8 Prozent. Diese Differenz zeigt, dass die Politik ihre Lektion noch nicht gelernt hat.

Was erwarten Sie für PISA III?
Kraus: Die Tests laufen in anderthalb Jahren. Ich bind Berufsoptimist. Wir werden den Aufwärtstrend fortsetzen. Wenn sich das Reformtempo noch etwas beschleunigt, landen wir bei PISA III zumindest in den Naturwissenschaften im vorderen Drittel. Da gehört Deutschland auch hin.

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