"Deutschland wird weiter aufholen" Interview mit Josef Kraus, Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Aus Sicht der Lehrer
Deutschland ist bei PISA II wieder nur Mittelmaß. Hat Sie der Befund
überrascht? Josef Kraus: Nein. Die Ergebnisse waren zu erwarten. Sie sind
etwas besser als bei PISA I. Ich warne davor, diesen leichten Aufwärtstrend
jetzt boshaft schlechtzurechnen.
Es gibt also keinen Grund für einen zweiten PISA-Schock? Kraus: Nein, denn viele Bildungsreformen wurden erst nach dem
Herbst 2002 - als der Ländervergleich von PISA I vorlag - umgesetzt.
Die Tests für PISA II liefen aber schon im darauf folgenden Frühjahr.
Es wäre utopisch gewesen, einen großen Sprung nach vorne zu erwarten.
Die Bildungslandschaft wandelt sich momentan grundlegend, es wird aber noch
dauern, bis sich dies auch messen lässt.
Die jüngste Studie stellt den Lehrern kein schmeichelhaftes Zeugnis
aus. Kraus: Der PISA-Test ist kein Test für Lehrer, sondern
für die Gesellschaft. Es kommt auch auf das Interesse der Eltern an ihren
Kindern an. Nach der neuesten Untersuchung sind die Probleme vor allem an
den Hauptschulen groß. Dort, wie aber auch an den Grundschulen, machen
wir die Erfahrung, dass Sprach- und Förderkurse nicht angenommen werden.
Warum nicht? Kraus: Offensichtlich empfinden es manche Familien als diskriminierend,
ihre Kinder in diese Kurse schicken zu müssen. Gerade bei der zweiten
Generation von Einwanderern ist es uns nicht gelungen, eine ausreichende Sprachkenntnis
zu vermitteln. Dies zu ändern ist nicht nur Sache der Schule, sondern
auch der Integrationspolitik.
Welche Defizite sehen Sie bei den Schulen? Kraus: Die Situation stellt sich von Bundesland zu Bundesland
unterschiedlich dar. In jedem Fall ist es ein Fortschritt, dass man sich auf
bundesweit gemeinsame Bildungsstandards geeinigt hat. Mehrere Bundesländer
haben überdies landeseinheitliche Jahrgangsstufentests eingeführt.
Ebenso weisen die Reformen bei der Lehreraus- und fortbildung in die richtige
Richtung.
In kaum einem anderen Staat werden sozial Schwache so ausgesiebt wie
bei uns. Spricht das nicht für das Ende des dreigliedrigen Systems? Kraus:Nein, denn im innerdeutschen Vergleich waren die
Länder mit dem ausdifferenziertesten System wie Bayern und Baden-Württemberg
am erfolgreichsten.
Aber in Baden-Württemberg hat ein Kind aus einer Oberschichtsfamilie
eine vielfach höhere Chance, aufs Gymnasium zu gehen, als ein Kind aus
ärmeren Verhältnissen. Kraus: In Bayern und Baden-Württemberg erbringen Hauptschüler
aber höhere Leistungen als Realschüler aus anderen Bundesländern.
Das klingt, als sei trotz Pisa alles bestens. Kraus: Nein. Erstens habe ich gesagt, dass wir Kinder mit Migrationshintergrund
besser und früher fördern müssen. Zweitens haben wir ein Lehrernachwuchsproblem.
In den nächsten zwölf Jahren treten 350 000 Lehrer in den Ruhestand.
Ich habe die Sorge, dass wir sie nicht durch qualifizierte Nachfolger ersetzen
können. Zudem sind die Rahmenbedingungen für die Schulen nicht optimal.
Uns fehlen Möglichkeiten, schwache und starke Schüler zielgerichteter
zu unterstützen.
Was müsste geschehen? Kraus: Jede Schule bräuchte einen Stundenpool von mindestens
fünf Prozent zusätzlich. So ließe sich die Förderung
verbessern, der Unterrichtsausfall würde geringer.
Ein frommer Wunsch bei leeren Kassen. Kraus: Deutschland gibt nur 5,5 Prozent seines Bruttosozialprodukts
für Bildung aus. Beim PISA-Sieger Finnland sind es 7,8 Prozent. Diese
Differenz zeigt, dass die Politik ihre Lektion noch nicht gelernt hat.
Was erwarten Sie für PISA III? Kraus: Die Tests laufen in anderthalb Jahren. Ich bind Berufsoptimist.
Wir werden den Aufwärtstrend fortsetzen. Wenn sich das Reformtempo noch
etwas beschleunigt, landen wir bei PISA III zumindest in den Naturwissenschaften
im vorderen Drittel. Da gehört Deutschland auch hin.