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Interview aus dem "Münchner Merkur" vom 13. Juli 2005 "Diese Studie ist nicht das Evangelium"
Morgen kommen neue Pisa-Resultate - Kritiker Josef Kraus über verbreitete Testeritis
Wenn am morgigen
Donnerstag die Ergebnisse des Pisa-Tests 2003 mit einer
Bundesländer-Rangliste vorgestellt werden, gibt es einen
scharfzüngigen Kritiker des ganzen Verfahrens: Josef Kraus (55),
Leiter des Gymnasiums im niederbayerischen Vilsbiburg und Chef des
Deutschen Lehrerverbands, hat seinen aufgestauten Ärger über
die "Testeritis" in einem Buch verarbeitet. "Der Pisa-Schwindel. Unsere
Kinder sind besser als ihr Ruf" (Signum Verlag, Wien 2005, 16,90 Euro)
hat "meiner Familie, meinen Freunden und allen, denen Pisa auf den
Geist geht", gewidmet. Ein Interview mit dem Fundamentalkritiker.
Sie behaupten, mit Pisa werde geschwindelt. Woran machen Sie das fest?
Kraus: Mit den
Pisa-Studien wird gern getrickst, denn bestimmte Politiker und
Erziehungswissenschaftler picken sich nur Details heraus.
Beispielsweise sagen die Studien nichts über die Schulstruktur
aus, obwohl das immer wieder behauptet wird. Schon gar nicht wird von
Pisa die Gesamtschule favorisiert.
Sie sagen auch, dass die Anlage des Pisa-Tests einseitig ist.
Kraus: Stimmt.
Pisa behauptet hochtrabend, in 120 Minuten könne man herausfinden,
wie gut junge Menschen auf die Wissensgesellschaft vorbereitet sind.
Dabei wird nur ein Ausschnitt gemessen. Erstens, weil nur Elemente
weniger Unterrichtsfächer geprüft werden - Deutsch, Mathe und
Naturwissenschaften. Zweitens sind die Prüfungsaufgaben sehr
einseitig.
Was meinen Sie damit?
Kraus: Nehmen
Sie zum Beispiel Deutsch. Hier wird nur das Leseverständnis
geprüft. Sprachlich formale Qualifikationen wie Rechtschreibung,
Grammatik oder Satzbau bleiben außer Acht. Es wird nicht
verlangt, Aufsätze zu schreiben, und auch das literarische
Verständnis bleibt ungeprüft.
Im Gegensatz dazu wollen Sie
die Leistungsschraube anziehen. In Mathematik verlangen Sie mehr
Hausaufgaben, mehr Tests, mehr straffen Unterricht und spätere
Verwendung von Taschenrechnern. Das klingt altmodisch.
Kraus: Ich
bin nicht altmodisch, sondern setze mich für zeitlose Prinzipien
ein. Ohne Anstrengungsbereitschaft geht nichts, Schüler
müssen Zeit und Energie investieren. In der Pädagogik haben
zuletzt Spaß- und Unterhaltungselemente dominiert, jetzt fordert
sogar die Konferenz der Kultusminister eine neue Anstrengungskultur.
Auch in Bayern gibt es aber
gegenläufige Signale. Beim achtjährigen Gymnasium etwa wurden
die Vorrückregeln entschärft, die Lehrpläne gekürzt
und zum Beispiel in Englisch die Zahl der Fremdwörter, die ein
Schüler können muss, reduziert.
Kraus: Wenn
Bayern wie allgemein erwartet am Donnerstag beim
Pisa-Bundesländervergleich sehr gut abschneidet, fürchte ich
in der Tat, dass dann nur das große Schulterklopfen einsetzt. Die
Bayern werden den Spitzenplatz aber nicht halten können, wenn so
weitergewurschtelt wird wie in den letzten zwei Jahren. Die
Lehrerknappheit ist ja mit Händen zu greifen, und auch die von
Ihnen genannten Liberalisierungstendenzen greifen um sich.
Sie zweifeln auch am Pisa-Siegerland Finnland. Waren Sie schon einmal dort?
Kraus: Nein,
aber ich komme auf internationalen Kongressen immer wieder mit
finnischen +Lehrern zusammen. Ich meine: Wenn es in Deutschland die
Umstände des finnischen Schulsystems geben würde, wären
wir auch so gut. Die Finnen haben zum Beipiel eine historisch
gewachsene engagierte Sprach- und Lesekultur, während man bei uns
die deutsche Sprache vergammeln lässt. Die durchschnittliche
Klassengröße liegt nur bei 18 Schülern, es gibt viele
Förderlehrer, die den Regelunterricht flankieren. Allerdings
beträgt die Migrantenquote auch nur 1,2 Prozent, bei uns hingegen
15 Prozent.
2006 kommt Pisa mit Schwerpunkt Naturwissenschaften. Ist der Test überhaupt noch notwendig?
Kraus: Ich
bin durchaus ein Anhänger seriöser Leistungstests. Nur sollte
man mit den Ergebnissen gelassen umgehen, und nicht hysterisch. Bei
Pisa wird nur ein kleiner Ausschnitt des Schülerwissens
geprüft, Pisa ist nicht das Evangelium der Schulpolitik.
Das Gespräch führte Dirk Walter.
2005 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher
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