DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Interview aus der "Kölnischen Rundschau" vom 15. Juli 2005

Experiment in NRW gescheitert


Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes sieht in den jüngsten Pisa-Ergebnissen ein Plädoyer für das dreigliedrige Schulsystem. Mit ihm sprach Ralph Kohkemper.

Frage: Wie beurteilen Sie die jüngsten Pisa-Ergebnisse?

Kraus: Ich freue mich, dass auch in Deutschland erfolgreiche Schule möglich ist. Wir müssen nicht mehr nach Finnland oder Südkorea schauen.

Frage: Sondern nach Bayern?

Kraus: Wir haben in Deutschland ein Süd-Nord-Gefälle, das eher noch steiler geworden ist.

Frage: Woran liegt das?

Kraus: Erstens hat Bayern ein klar profiliertes Schulsystem mit markanten Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien. NRW hat das nicht oder noch nicht. In Bayern gibt es einen höheren Verbindlichkeitsgrad, was die Lehrpläne betrifft. Drittens: Bei den Pisa-Siegern gibt es zentrale Abschlussprüfungen in jeder Schullaufbahn. Und viertens hat Bayern ein höheres Unterrichtskontingent. Ein 15-Jähriger in NRW hat etwa 1000 Stunden weniger als ein Gleichaltriger in Bayern.

Frage: Allein die Schulpolitik entscheidet also über das Abschneiden bei Pisa?

Kraus: Nein, auch die Bevölkerungsstruktur spielt eine Rolle. Aber es entscheiden ebenso das Engagement der Eltern und die Anstrengungsbereitschaft der Schüler. Im Kern sind es stets so harte Faktoren wie Unterrichtsausstattung, Lehrpläne und Prüfungssysteme.

Frage: Sie sind der Autor des Buches „Der Pisa-Schwindel“.

Kraus: Ein provokanter Titel, der bewusst zweideutig formuliert ist. Schwindel meint zum einen die hysterische Art, wie hier über Pisa diskutiert wird. Schwindel heißt aber auch, das da einer trickst.

Frage: Wer trickst denn?

Kraus: Die Parteipolitik und der eine oder andere Erziehungswissenschaftler, der behauptet hat, Pisa sei ein Plädoyer für die Einheitsschule.

Frage: Tricksen die Gegner der Gesamtschule nicht?

Kraus: Seriöse Pisa-Forscher sagen, dass Pisa weder in die eine noch in die andere Richtung weist. Ich sage, der innerdeutsche Vergleich zeigt, dass eine klare Schulform-Differenzierung erfolgreicher ist.

Frage: Ist die Gesamtschule nun endgültig am Ende?

Kraus: Wir sollten diesen Großversuch auslaufen lassen.

Frage: Manche sagen, das dreigliedrige Schulsystem gleicht soziale Nachteile nicht aus?

Kraus: Die Beispiele deutscher Pisa-Sieger zeigen, dass auch so genannte Risiko-Schüler oder Migranten-Kinder besser abschneiden. Es geht um Qualität und nicht um Quote. Es hat ja keinen Zweck, alle mit Abitur auszustatten, dann haben wir die Selektion später an der Uni.


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