Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes sieht
in den jüngsten Pisa-Ergebnissen ein Plädoyer für das dreigliedrige
Schulsystem. Mit ihm sprach Ralph Kohkemper.Frage: Wie beurteilen Sie die jüngsten Pisa-Ergebnisse?
Kraus:
Ich freue mich, dass auch in Deutschland erfolgreiche Schule möglich
ist. Wir müssen nicht mehr nach Finnland oder Südkorea schauen.
Frage: Sondern nach Bayern?
Kraus: Wir haben in Deutschland ein Süd-Nord-Gefälle, das eher noch steiler geworden ist.
Frage: Woran liegt das?
Kraus:
Erstens hat Bayern ein klar profiliertes Schulsystem mit markanten
Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien. NRW hat das nicht oder noch
nicht. In Bayern gibt es einen höheren Verbindlichkeitsgrad, was die
Lehrpläne betrifft. Drittens: Bei den Pisa-Siegern gibt es zentrale
Abschlussprüfungen in jeder Schullaufbahn. Und viertens hat Bayern ein
höheres Unterrichtskontingent. Ein 15-Jähriger in NRW hat etwa 1000
Stunden weniger als ein Gleichaltriger in Bayern.
Frage: Allein die Schulpolitik entscheidet also über das Abschneiden bei Pisa?
Kraus:
Nein, auch die Bevölkerungsstruktur spielt eine Rolle. Aber es
entscheiden ebenso das Engagement der Eltern und die
Anstrengungsbereitschaft der Schüler. Im Kern sind es stets so harte
Faktoren wie Unterrichtsausstattung, Lehrpläne und Prüfungssysteme.
Frage: Sie sind der Autor des Buches „Der Pisa-Schwindel“.
Kraus:
Ein provokanter Titel, der bewusst zweideutig formuliert ist. Schwindel
meint zum einen die hysterische Art, wie hier über Pisa diskutiert
wird. Schwindel heißt aber auch, das da einer trickst.
Frage: Wer trickst denn?
Kraus:
Die Parteipolitik und der eine oder andere Erziehungswissenschaftler,
der behauptet hat, Pisa sei ein Plädoyer für die Einheitsschule.
Frage: Tricksen die Gegner der Gesamtschule nicht?
Kraus:
Seriöse Pisa-Forscher sagen, dass Pisa weder in die eine noch in die
andere Richtung weist. Ich sage, der innerdeutsche Vergleich zeigt,
dass eine klare Schulform-Differenzierung erfolgreicher ist.
Frage: Ist die Gesamtschule nun endgültig am Ende?
Kraus: Wir sollten diesen Großversuch auslaufen lassen.
Frage: Manche sagen, das dreigliedrige Schulsystem gleicht soziale Nachteile nicht aus?
Kraus:
Die Beispiele deutscher Pisa-Sieger zeigen, dass auch so genannte
Risiko-Schüler oder Migranten-Kinder besser abschneiden. Es geht um
Qualität und nicht um Quote. Es hat ja keinen Zweck, alle mit Abitur
auszustatten, dann haben wir die Selektion später an der Uni.
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