DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 
Interview aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 5. Dezember
2007

  "Eine solche Pisa-Hysterie gibt es nur in Deutschland"

Der Präsident des Lehrerverbandes warnt davor, die Ergebnisse des Schülertests überzubewerten -
"Mehr Förderunterricht nötig"


Deutschland könne im Blick auf die Schülerleistung mit anderen Industriestaaten mithalten, meint der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus. Allerdings erfasse Pisa nur einen kleinen Teil der Bildung, sagte er zu Michael Trauthig.

STUTTGARTER ZEITUNG: Welche Noten geben Sie nach den Pisa-Ergebnissen den deutschen Lehrern?

KRAUS: Es geht darum, was Schüler, Eltern und Lehrer gemeinsam geleistet haben. Insgesamt würde ich eine gute Drei geben.

Eine gute Drei ist Mittelmaß. Reicht das für den Anspruch einer Hightechnation?

KRAUS: In den Naturwissenschaften kommen wir ja schon auf eine Zwei. Deutschland kann deshalb zufrieden sein, dass es deutliche Fortschritte gibt. Schließlich weist der Trend in der OECD sonst nach unten.

Sie sind rundum zufrieden?

KRAUS: Mich rüttelt am meisten auf, dass nur 18 Prozent unserer Schüler sich einen naturwissenschaftlichen Beruf vorstellen können. In den USA und in Kanada sind es doppelt so viele. So wird sich der Fachkräftemangel in der Wirtschaft noch verschärfen.

Was ist die Ursache dafür?

KRAUS: Neben schulischen Faktoren schlägt hier die breit angelegte Technikfeindlichkeit - ich denke etwa an die Skepsis gegenüber der Gentechnik - durch. Die Schulen können zwar das Interesse stärker fördern, gerade auch bei den Mädchen. Insgesamt handelt es sich aber um eine gesellschaftliche Aufgabe.

Sie haben auf die Verbesserungen gegenüber den anderen Pisa-Tests abgehoben. Sind die Resultate denn vergleichbar?

KRAUS:  Wir beobachten einen merkwürdigen Streit. Die OECD spricht von fehlender Vergleichbarkeit. Das deutsche Pisa-Konsortium widerspricht. Die OECD ist verantwortlich für die Konstruktion der Tests. Sollten die über Jahre nicht vergleichbar sein, hätte die OECD versagt. Pisa wäre nur die Hälfte wert.

Manche zweifeln auch an der Aussagekraft der Resultate, weil Schüler in anderen Ländern mit Prämien gelockt wurden.

KRAUS: Es ist gut, wenn der Test relativiert wird. Seit der Veröffentlichung der ersten Ergebnisse im Jahr 2001 hatte man den Eindruck, als sei Pisa für manche das schulpolitische Evangelium. Gerade die Deutschen sind in eine Pisa-Hysterie verfallen. So etwas gab es weder in Finnland, England, Italien oder den USA. Dort ist Pisa eine interessante Studie, aber keine Diagnose, die die ganze Nation betrifft. Auch wir sollten gelassener mit Pisa umgehen. Der Test spiegelt nur einen kleinen Teil des Bildungsgeschehens. Er sagt nichts über Fremdspachen, die politische, geschichtliche, sportliche oder die ethische Bildung.

Am Befund, dass es keine Chancengleichheit gibt, kommt man aber kaum vorbei.

KRAUS: Selbst die OECD bescheinigt uns, dass die Chancen eines Arbeiterkindes auf eine Gymnasialempfehlung zuletzt gestiegen sind. Sie übersieht aber die Durchlässigkeit des deutschen Bildungswesens nach oben. Pisa ist nur eine Momentaufnahme für den Gymnasiastenanteil bei 15-Jährigen. Dass in manchen Bundesländern rund die Hälfte der Studienanfänger nicht von der Oberschule kommt, wird nicht berücksichtigt.

Stellt die mangelhafte Förderung von Kindern aus Einwandererfamilien nicht das dreigliedrige Schulsystem infrage?

KRAUS: Nein. Migrantenkinder aus den süddeutschen Bundesländern, deren Schulsystem am stärksten gegliedert ist, schneiden schließlich mindestens so gut ab wie deutsche Schüler in anderen Bundesländern. Gleichwohl muss die Integration von Migranten verbessert werden. Auch die Schule muss mehr tun, zum Beispiel die Eltern über den Wert von Bildung aufklären. Sie kann aber nicht allein die Defizite der Migrationspolitik beheben.

Wie werden die deutschen Schulen spitze?

KRAUS: Wir dürfen uns nicht mit denen vergleichen, die nicht vergleichbar sind. Finnland ist kein Maßstab. Eine finnische Schule hat im Durchschnitt 120 Schüler, einen Migrantenanteil von 1,2 Prozent und Klassen mit nur 18 Schülern. Wir müssen uns an unseren ökonomischen Konkurrenten messen. Da stehen wir nicht schlecht da. Wir sind auf dem richtigen Weg. Allerdings brauchen die Schulen mehr Möglichkeiten, auf den Einzelnen einzugehen. Jede Schule sollte mit einer Unterrichtsversorgung von 105 Prozent ausgestattet werden. Dann könnten wir spezielle Fördergruppen einrichten.

Was erwarten Sie für Pisa IV?

KRAUS: Dann wird wieder das Lesen im Mittelpunkt stehen. Auf diesem Gebiet gibt es noch viel zu tun. So ist eine Offensive für das Buch und für den Deutschunterricht dringend. Mancherorts haben wir nur drei Wochenstunden Deutsch. Das ist viel zu wenig.


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