Der Präsident des Lehrerverbandes warnt davor, die Ergebnisse
des Schülertests überzubewerten -
"Mehr Förderunterricht nötig"
Deutschland könne im Blick auf die Schülerleistung mit
anderen Industriestaaten mithalten, meint der Präsident des Deutschen
Lehrerverbandes, Josef Kraus. Allerdings erfasse Pisa nur einen kleinen Teil der
Bildung, sagte er zu Michael Trauthig.
STUTTGARTER ZEITUNG: Welche Noten geben Sie nach den
Pisa-Ergebnissen den deutschen Lehrern?KRAUS: Es geht darum, was Schüler,
Eltern und Lehrer gemeinsam geleistet haben. Insgesamt würde ich eine gute Drei
geben.Eine gute Drei ist Mittelmaß. Reicht das für den Anspruch einer
Hightechnation?
KRAUS: In den Naturwissenschaften kommen wir ja schon auf eine
Zwei. Deutschland kann deshalb zufrieden sein, dass es deutliche Fortschritte
gibt. Schließlich weist der Trend in der OECD sonst nach unten.
Sie sind
rundum zufrieden?
KRAUS: Mich rüttelt am meisten auf, dass nur 18 Prozent
unserer Schüler sich einen naturwissenschaftlichen Beruf vorstellen können. In
den USA und in Kanada sind es doppelt so viele. So wird sich der
Fachkräftemangel in der Wirtschaft noch verschärfen.
Was ist die Ursache
dafür?
KRAUS: Neben schulischen Faktoren schlägt hier die breit angelegte
Technikfeindlichkeit - ich denke etwa an die Skepsis gegenüber der Gentechnik -
durch. Die Schulen können zwar das Interesse stärker fördern, gerade auch bei
den Mädchen. Insgesamt handelt es sich aber um eine gesellschaftliche
Aufgabe.Sie haben auf die Verbesserungen gegenüber den anderen
Pisa-Tests abgehoben. Sind die Resultate denn vergleichbar?KRAUS: Wir
beobachten einen merkwürdigen Streit. Die OECD spricht von fehlender
Vergleichbarkeit. Das deutsche Pisa-Konsortium widerspricht. Die OECD ist
verantwortlich für die Konstruktion der Tests. Sollten die über Jahre nicht
vergleichbar sein, hätte die OECD versagt. Pisa wäre nur die Hälfte
wert.
Manche zweifeln auch an der Aussagekraft der Resultate, weil
Schüler in anderen Ländern mit Prämien gelockt wurden.
KRAUS: Es ist gut, wenn
der Test relativiert wird. Seit der Veröffentlichung der ersten Ergebnisse im
Jahr 2001 hatte man den Eindruck, als sei Pisa für manche das schulpolitische
Evangelium. Gerade die Deutschen sind in eine Pisa-Hysterie verfallen. So etwas
gab es weder in Finnland, England, Italien oder den USA. Dort ist Pisa eine
interessante Studie, aber keine Diagnose, die die ganze Nation betrifft. Auch
wir sollten gelassener mit Pisa umgehen. Der Test spiegelt nur einen kleinen
Teil des Bildungsgeschehens. Er sagt nichts über Fremdspachen, die politische,
geschichtliche, sportliche oder die ethische Bildung.
Am Befund, dass es
keine Chancengleichheit gibt, kommt man aber kaum vorbei.
KRAUS: Selbst die OECD
bescheinigt uns, dass die Chancen eines Arbeiterkindes auf eine
Gymnasialempfehlung zuletzt gestiegen sind. Sie übersieht aber die
Durchlässigkeit des deutschen Bildungswesens nach oben. Pisa ist nur eine
Momentaufnahme für den Gymnasiastenanteil bei 15-Jährigen. Dass in manchen
Bundesländern rund die Hälfte der Studienanfänger nicht von der Oberschule
kommt, wird nicht berücksichtigt.
Stellt die mangelhafte Förderung von
Kindern aus Einwandererfamilien nicht das dreigliedrige Schulsystem
infrage?KRAUS: Nein. Migrantenkinder aus den süddeutschen Bundesländern, deren
Schulsystem am stärksten gegliedert ist, schneiden schließlich mindestens so gut
ab wie deutsche Schüler in anderen Bundesländern. Gleichwohl muss die
Integration von Migranten verbessert werden. Auch die Schule muss mehr tun, zum
Beispiel die Eltern über den Wert von Bildung aufklären. Sie kann aber nicht
allein die Defizite der Migrationspolitik beheben.
Wie werden die
deutschen Schulen spitze?KRAUS: Wir dürfen uns nicht mit denen vergleichen, die
nicht vergleichbar sind. Finnland ist kein Maßstab. Eine finnische Schule hat im
Durchschnitt 120 Schüler, einen Migrantenanteil von 1,2 Prozent und Klassen mit
nur 18 Schülern. Wir müssen uns an unseren ökonomischen Konkurrenten messen. Da
stehen wir nicht schlecht da. Wir sind auf dem richtigen Weg. Allerdings
brauchen die Schulen mehr Möglichkeiten, auf den Einzelnen einzugehen. Jede
Schule sollte mit einer Unterrichtsversorgung von 105 Prozent ausgestattet
werden. Dann könnten wir spezielle Fördergruppen einrichten.
Was erwarten
Sie für Pisa IV?KRAUS: Dann wird wieder das Lesen im Mittelpunkt stehen. Auf
diesem Gebiet gibt es noch viel zu tun. So ist eine Offensive für das Buch und
für den Deutschunterricht dringend. Mancherorts haben wir nur drei Wochenstunden
Deutsch. Das ist viel zu wenig.
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