DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

  Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 27. Juni 2002

STREIT UM PISA-E

DIE LAGE VON LAND ZU LAND  / Die unterschiedlichen PISA-Daten haben konkrete Ursachen

Rezepte für gute Ränge

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Nun ist die Katze aus dem Sack: Innerhalb Deutschlands gibt es ein erhebliches Süd-Nord-Bildungsgefälle. Gleichwohl hält sich die Überraschung zumindest bei den Kennern jüngster deutscher Bildungsgeschichte in Grenzen. Dieses Gefälle war spätestens seit den 70er Jahren erkennbar, und zwar oft allein schon an den Schülern, die als „Preußen“ in eine Schule nach Bayern oder zu den „Schwaben“ wechselten.

Ansonsten gab es nicht viele, aber doch etliche Untersuchungen, die den Vorsprung Süddeutschlands in der Schulbildung immer wieder dokumentierten, zuletzt 1996 und 1997 die Third International Mathematics and Science Study (TIMSS). Diejenigen, die dies nicht wussten, wollten es zumeist aus Angst vor der Wahrheit nicht wissen. Einige von ihnen versuchten sogar die Durchführung dieser innerdeutschen PISA-Studie zu verhindern - wohl weil sie wussten, was dabei „herauskommt“.

Dass die innerdeutschen Ergebnisse endlich auf dem Tisch sind, ist gut so. Besser wäre es gewesen, sie wären bereits Anfang Dezember 2001 zusammen mit den internationalen Vergleichsdaten aufgelegt worden. Dann hätte sich niemand mit so manch schiefem oder gar verkrampftem Vergleich mit Finnland, Schweden oder Japan abmühen müssen.

Die süddeutschen Schülerinnen und Schüler, also die Bayern und die Baden-Württemberger, sind eindeutig die innerdeutschen PISA-Sieger. Wären sie nicht mit von der Partie gewesen, hätte Deutschland insgesamt in der internationalen PISA-Studie sogar noch um einige Rangplätze schlechter abgeschnitten;  doch auch so sind Platz 20 und 21 kein Ruhmesblatt.

Bayern steht gleich mehrfach national ganz oben: mit jeweils Platz 1 und entsprechenden Punktewerten im Lesen (510), in der Mathematik (516) und in den Naturwissenschaften (508) und im innerdeutschen Gymnasialvergleich jeweils mit Platz 1 im Lesen (593) und in der Mathematik (599) sowie Platz 3 (587) in den Naturwissenschaften. Nur im Vergleich der Neuntklässler an Gymnasien konnte Schleswig-Holstein (595) und Baden-Württemberg (588) besser punkten. Wäre Bayern ein eigenständiger nationaler PISA-Teilnehmer, dann hätte es im internationalen Vergleich je nach Testbereich - Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften - Rangplätze von 6 bis 9 errungen. Bayern kann also international sehr wohl mithalten.

Doch kaum ist die Katze aus dem Sack, beginnt der Katzenjammer. Das große Miau-Mio sozialdemokratischer und grüner Bildungspolitiker ist indes völlig fehl am Platze: Die Behauptung etwa des niedersächsischen Ministerpräsidenten Gabriel, alle deutschen Länder inklusive Bayern würden unter Wasser schwimmen, ist kaum mehr als Wahlkampfgeklingel. Das gilt auch für das Bild, das Bildungsministerin Edelgard Bulmahn bemüht: den Nichtbayern stehe das Wasser fünf Zentimeter bis zum Hals, den Bayern zehn Zentimeter. Und auch die dritte Metapher, dass Bayern allenfalls Erster in der zweiten Liga sei, lügt.


Kiel mit kleinem Plus

Innerhalb Deutschlands weit vorn sind insbesondere die süddeutschen Gymnasien. Nur in den Naturwissenschaften werden sie von den Neuntklässlern in Schleswig-Holstein übertroffen, die sich vor ihre Mitschüler in Baden-Württemberg und Bayern platzieren konnten.

Eine Auswahl durchaus signifikanter Details: In Süddeutschland lesen die 15-Jährigen mehr und lieber als Gleichaltrige andernorts, die Leistungsunterschiede zwischen den Gymnasien und den nichtgymnasialen Schulformen sind auf der „Südschiene“ geringer als in vielen anderen Bundesländern; auch beim Anteil der Schüler, die im Lesen die oberste Kompetenzstufe erreichen, halten die Bayern mit rund 11 Prozent international gut mit.

Sogar die schulische Integration von Kindern mit Migrationshintergrund, also mit zumindest einem ausländischen Elternteil, scheint in Bayern erheblich besser zu gelingen als etwa in NRW. Bayerische Gymnasiasten mit Migrationshintergrund erreichen auch  bessere Ergebnisse als brandenburgische Gymnasiasten mit in Deutschland geborenen Eltern.

Man muss all diese und viele andere Details nicht einmal kennen, um Debattenbeiträge zum ordentlichen Abschneiden der Bayern bewerten zu können. Es zielt an der Sache vorbei, wenn jemand behauptet, Bayern habe zwar vielleicht den höchsten deutschen PISA-Wert, aber gewiss die niedrigste Abiturientenquote. Also tauge das System nicht. Aber erstens geht es bei PISA nicht allein um Gymnasiasten und überhaupt nicht um Abiturienten. Die PISA-Studie hat 15-jährige Schüler aller Schulformen getestet, für den innerdeutschen Vergleich wurden auch noch Neuntklässler, ebenfalls von allen Schulformen, herangezogen.

Zweitens hat Bayern nicht deshalb gut abgeschnitten, weil es gute, "selektierte" Gymnasiasten hat, sondern weil sogar seine Haupt- und Realschüler gut dastehen. Ein Beispiel: Der innerdeutsche Vorsprung Bayerns ist so groß, dass es sogar ohne seine - fiktiv aus PISA herausgerechneten - Gymnasiasten bundesweit zumindest einen mittleren Platz einnähme. Bayern rangierte ohne seine Gymnasiasten immer noch vor sieben anderen Bundesländern einschließlich deren Gymnasiasten. Auf etwa gleicher Höhe stünden dann Bayern ohne und NRW inklusive Gymnasiasten.

Bayern hat nicht zu wenig Abiturienten, und Höherqualifizierung erreicht man nicht, indem man die Noten-, sprich: Abiturzeugnispresse anwirft. In Bayern haben Hauptschüler und Realschüler beste Aussichten, sie sind attraktiv auf dem Lehrstellenmarkt. Dass immer mehr Fachkräfte nach Bayern gehen, hat nichts mit der zu geringen Abiturientenquote zu tun, sondern mit der Attraktivität Bayerns als Wirtschafts- und Bildungsstandort.

In der Summe sind es wohl vier Faktoren, die den Vorsprung der bayerischen und baden-württembergischen Kinder erklären:  Sie erhalten um bis zu zehn Prozent mehr Unterricht als nord- oder westdeutsche; die Lehrpläne sind in den Kernfächern und in den Kernbereichen recht verbindlich; ihr Beherrschen wird in anspruchsvollen Prüfungen (am Ende der Schullaufbahn zentral) examiniert. Außerdem hat das Leistungsprinzip bis in die Notengebung hinein einen nach wie vor hohen Stellenwert.

Eines jedenfalls macht den Vorsprung der Bayern nicht aus: die Ganztagsbetreuung bzw. die Ganztagsschule. Bayern gehört hier zur Schlussgruppe der Bundesländer. Das sollte vor allem die Bundesregierung zur Kenntnis nehmen, wenn sie jetzt meint, mit vier Milliarden Euro Ganztagsschule fördern zu müssen.


Worauf des jetzt ankommt

Eine weitere Folgerung aus PISA-E kann nur heißen, dass alles darangesetzt werden muss, die doppelte Gerechtigkeitslücke zu schließen, die sich hinter dem innerdeutschen Leistungsgefälle verbirgt. Es ist nicht mehr einzusehen, warum die jungen Süddeutschen offenbar mehr leisten, aber dennoch erheblich viel weniger formal höhere Bildungsabschlüsse erhalten. Umgekehrt ist es nicht mehr zu akzeptieren, dass Schüler in Nord- oder Westdeutschland offenbar viel schlechter auf ihren Weg in Berufsbildung oder Studium vorbereitet werden.

Welche Konsequenzen sind aus dem erheblichen innerdeutschen Leistungsgefälle noch zu ziehen? Zunächst dieselben wie aus PISA-International: Deutschland muss mehr in die Bildung investieren, und es muss die Bildung in der Mutter- und Landessprache erheblich verbessern. Sodann zeigt PISA-E, dass man auch in Deutschland weiß, wie man leistungsfähige Schule macht.

PISA lehrt uns mit allem Nachdruck, dass es ohne ein praktiziertes Leistungsprinzip und ohne verbindliche Standards etwa für Curricula und Prüfungsverfahren nicht geht. Nicht zuletzt lehrt PISA uns, dass der Mensch nicht erst mit dem Abitur beginnt.

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