DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

  Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 10. November 2005

PISA II Mit dem Schlagwort soziale Ungleichheit" werden die Fortschritte schlecht gemacht

Das Haar in der neuen Test-Suppe

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)



Jede neue PISA-Auswertung stürzt selbst bildungspolitisch Abgebrühte in ein Wechselbad aus Weinkrampf, Lachkrampf und Wutattacke. Da verbessern sich die deutschen Schulen doch tatsächlich in kurzer Zeit signifikant; einzelne deutsche Länder, voran Bayern, schließen zur internationalen Spitze auf; andere Länder, etwa Sachsen-Anhalt, machen einen großen Schritt nach vorn; die Kultusministerkonferenz bringt mit Bildungsstandards erstmals wieder etwas Hilfreiches auf den Weg ... Trotzdem finden progressiv bewegte Publizisten und Politiker ein Haar in der PISA-Suppe. Es heißt „soziale Ungleichheit“, und es schien manchen willkommen, um eine neue, maßlose PISA-Alarm-Debatte anzufachen. Ein öffentlich-rechtlicher Nachrichtenmoderator etwa assoziiert diese „Ungleichheit“ gar mit den aktuellen Jugendkrawallen in den Vororten von Paris; sie seien schließlich das Ergebnis sozialer Ungleichheiten.

Faktum ist: Weltweit gelangen Kinder aus bildungsbürgerlichen Häusern häufiger in ein Hochschulstudium als Kinder aus bildungsfernen Schichten. Das ist nun einmal so – auch in Deutschland. Jeder Staat, der dies zu verhindern trachtete, endete im Modell des deutschen „Arbeiter- und Bauernstaates“, wo man Kinder aus bürgerlichen Familien bevorzugt vom Abitur fern hielt.
 
Tatsächlich sind es sehr konkrete Gründe, warum viele Eltern – rund zwei Drittel – ihr Kind nicht ins Gymnasium schicken. Es ist keine soziale Selektivität, die sie daran hindert. Die gibt es eher in Frankreich, den USA, in England und Japan, denn dort ist der Besuch einer renommierten Schule mit Jahreskosten von 15.000 Euro und mehr verbunden. Nein, der Besuch eines der mehr als 2.500 öffentlichen - oft hervorragenden - Gymnasien in Deutschland kostet nichts, außer einem Stück Leistungsfähigkeit und Lernbereitschaft.
 
Sicherlich könnten in einigen deutschen Ländern mehr Kinder das Gymnasium besuchen als bislang. Andererseits haben wir auch Länder, an deren Gymnasien Schüler sind, für die diese Schulform nicht die individuell richtige ist. Hanebüchen aber ist es, zu behaupten, Brandenburg etwa sei ein positives Beispiel für soziale Durchlässigkeit und der innerdeutsche PISA-Spitzenreiter Bayern sei ein negatives Beispiel.

Vergleichen wir das „gerechte“ Brandenburg mit dem „ungerechten“ Bayern: Auf dem Papier ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Facharbeiterkind in Brandenburg ein Gymnasium besucht, nur 2,38-mal geringer als bei einem Akademikerkind, in Bayern liegt diese Quote bei  6,65, ist also deutlich schlechter.
 
Dazu ist festzuhalten: Erstens ist der Preis für diese vermeintlich günstige Durchlässigkeit des Schulwesens in Brandenburg ein ausgesprochen niedriges Niveau. Brandenburgs Gymnasien rangieren mit 571 PISA-Punkten gut ein Jahr hinter den bayerischen (613); Brandenburgs  Realschulen (484) übertreffen nur knapp die Leistungen der bayerischen Hauptschulen (462); die wiederum liegen sogar leicht vor den brandenburgischen Gesamtschulen (458).

Zweitens ist der höhere Anteil der Gymnasiasten an der gesamten Schülerschaft Brandenburgs auch das Ergebnis einer Abstimmung mit den Füßen, nämlich einer Abstimmung gegen die Gesamtschule, die von vielen Eltern als zu wenig anspruchsvoll beurteilt wird. Drittens haben Brandenburgs Schulen einen sehr geringen Anteil an Migranten (zirka 1,5 Prozent; in Bayern sind es 20,5 Prozent).Bei so wenigen Schülern gibt es kaum Integrations- und Durchstiegsprobleme.

Und viertens ist der Zulauf zum Gymnasium in Brandenburg ein Reflex auf den dortigen Arbeitsmarkt. In Bayern finden junge Menschen einen erheblich günstigeren Arbeitsmarkt vor, auch Absolventen der Hauptschule und ganz besonders der Realschule. In Brandenburg ist das anders. Angesichts hoher Arbeitslosigkeit neigen Eltern zwangsläufig dazu, ihrem Kind zu sagen: Geh aufs Gymnasium und schließe ein Studium an, dann hast du wenigstens fünf bis acht weitere Bildungsjahre.

So komplex sind die Hintergründe. Nicht jeder Publizist und Politiker versteht das oder will es verstehen.


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