Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes
(DL)
Die
Zahl der quasi-amtlichen „PISA“-Bände nähert sich mittlerweile den zwei
Dutzend. Sonderberichte einmal vernachlässigt, gab beziehungsweise gibt
es nunmehr sieben PISA-Studien: jeweils eine internationale und eine
innerdeutsche für die Testungen 2000 (Schwerpunkt: Leseverständnis),
2003 (Mathematik) und 2006 (Naturwissenschaften). Jetzt kamen exakt
zehn Jahre nach der Durchführung des ersten PISA-Tests die Ergebnisse
der 2009er Testung, erneut mit Schwerpunkt Leseverständnis, in die
Öffentlichkeit. Und siehe da: Es gab wieder eine – wenngleich gegenüber
früher – leicht abgeschwächte veröffentlichte beziehungsweise
öffentliche Hysterie. Bereits Tage vor dem 7. Dezember 2010, dem Termin
der offiziellen Bekanntgabe der Ergebnisse, brachten sich Medien,
Politiker und andere „Experten“ in Stellung. Während die einen noch
recht realistisch annahmen, dass sich Deutschland leicht verbessert
hätte, glaubten andere bereits zu wissen, dass Deutschland noch
meilenweit von der PISA-Spitze entfernt sei. So prasselten denn schon
vor dem 7. Dezember und vermehrt danach larmoyant-aggressive Diagnosen
typisch deutscher Selbstbezichtigung und gouvernantenhafte
Patentrezepte wie ein saurer PISA-Regen über das Land hernieder. Ein
„grüner“ Bundesvorsitzender etwa tönte, die aktuellen PISA-Ergebnisse
seien eine Ohrfeige für das gegliederte Schulwesen.
Links-Gewerkschaften hatten reflexhaft sofort den ach so rückständigen,
freilich in der Vergangenheit regelmäßig bestätigten innerdeutschen
PISA-Sieger Bayern im Visier. Der DGB-Vorsitzende war sich drei Tage
vor dem 7. Dezember bereits sicher, dass PISA beweise, wie überaus
unrecht Deutschland sei.
Das
Thema Migranten ist in Deutschland eigen gelagert
Gegen
all diese klassenkämpferischen Parolen scheint nicht einmal das Kraut
der Fakten gewachsen. Denn bei Ideologen triumphiert allemal die
Gesinnung über die Urteilskraft. Lassen wir dennoch Fakten sprechen.
Deutschland war bei PISA 2000 knapp im Mittelbereich gelandet. Bei PISA
2003 und 2006 machte Deutschland einen guten Schritt nach vorne; es
landete im oberen Mittelfeld und teilweise sogar im vorderen Viertel.
Selbst hochgerühmte Bildungsländer wie Schweden konnte Deutschland
damals bereits hinter sich lassen. Mit PISA 2009 nun setzte sich dieser
Trend fort. In der Mathematik und den Naturwissenschaften landeten die
Schüler in Deutschland jetzt im vorderen Viertel, im Test
Leseverständnis etwas schwächer, nämlich exakt in der Mitte.
Apropos
„deutsche Schüler“ versus „Schüler in Deutschland“: Es wird im Kontext
mit PISA üblicherweise vom Ergebnis der deutschen Schüler gesprochen.
Das ist nicht ganz korrekt. Richtig wäre es zu sagen: „Schüler in
Deutschland“ haben so oder so abgeschnitten. Warum? Weil von den
getesteten Schüler gut 20 Prozent einen Migrationshintergrund und oft
keine deutsche Staatsangehörigkeit haben. Wie auch immer, das ist
jedenfalls maßgeblich der Grund dafür, warum Deutschland nun aktuell
beim Leseverständnis ein nur mittleres Ergebnis und in den weniger
sprachgebundenen Testbereichen der Mathematik beziehungsweise der
Naturwissenschaften ein recht gutes Ergebnis erzielte.
Alles
in allem sind dies Ergebnisse, die weder zu kollektiver Depression noch
zu stolzem Klopfen auf die eigenen Schultern Anlass geben. Vielmehr
wären im Kontext mit PISA erneut – wie schon früher – Gelassenheit und
Rationalität angesagt. Letztere Haltungen sind dringend geboten, wie so
manche Ursachenanalyse und so mancher Therapievorschlag der letzten
Tage anzeigt. Sechs Schwerpunkte seien gesetzt. Erneut befleißigten
sich manche Interpreten der hartnäckigen Hinweise auf die sogenannten
Siegerländer im fernen Asien, auf Kanada und auf Finnland. Das hilft
nicht weiter, weil hier etwas zum Vergleich herangezogen wird, was
nicht vergleichbar ist oder was man in Deutschland kaum haben möchte.
Die „Sieger“ Südkorea, Japan, Singapur und Hongkong etwa praktizieren
eine Schule, die viel mit Drill, aber wenig mit modernen europäischen
Vorstellungen von Erziehung zu tun hat. Kanada hat Migranten, die mit
den Bildungsergebnissen der einheimischen Bevölkerung problemlos
mithalten können, weil es sich dabei um Familien handelt, die zu zwei
Dritteln aus der Business Class zugewandert sind. Finnland schließlich
hat überhaupt nur knapp zwei Prozent Migranten und zudem unter
Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine Arbeitslosenquote von mehr als
20 Prozent. Insofern gibt es gerade in diesen Ländern Umstände, die man
in Deutschland nicht hat oder aus gutem Grund nicht haben will. Das
heißt nicht, dass das deutsche Bildungswesen sich mit seinen
erschwerten Umständen abfinden sollte. Allerdings muss klar sein, dass
Schule restlos überfordert ist, allein als Schule eine in Teilen nicht
unproblematische Zuwanderungsklientel gesellschaftlich zu integrieren.
Abseits
dieser Migrationsprobleme bleibt zu kritisieren, dass deutsche
Schulpolitik und Schulpädagogik in den vergangenen Jahrzehnten
hinsichtlich Sprachschulung gravierende Sünden begangen hat. Der für
die Grundschule vorgegebene Grundwortschatz wurde in der Mehrzahl der
deutschen Länder minimalistisch auf nur noch 700 Wörter
heruntergefahren. An die Stelle der Aufgabe, Gedanken schriftlich zu
formulieren, traten mehr und mehr das Ankreuzen von
Multiple-Choice-Tests und das Zustöpseln von Lückentexten. Und
überhaupt wurden die Deutschstunden noch und noch abgebaut. In der
Folge haben wir etwa im Bereich der Mittelstufen weiterführender
Schulen oft nur noch drei Stunden Deutschunterricht pro Woche.
Es
fehlt nicht an Qualität, sondern an Lehrern
Dem
Leseverständnis und dem sprachlichen Ausdrucksvermögen ist damit
natürlich nicht gedient. Im Gegenteil! Diese beiden Seiten sprachlicher
Fertigkeiten können auch nicht allein von der Schule vermittelt werden.
Mehr noch, diese beiden Fertigkeiten erfahren ihre – positive oder
defizitäre – Grundlegung im Vorschulbereich, nämlich in der Familie
und/oder im Kindergarten. Nehmen wir den Kindergarten: Hier müssten wir
wegkommen von der Vorstellung, der Kindergarten habe eher Betreuungs-,
als Bildungs- und Lernaufgaben. Und wir müssen die Eltern in die
Pflicht nehmen. Schließlich gilt: Das Vorlesen und das Erzählen zu
Hause, das elterliche Vorbild – das sind bereits im Vorschulalter die
Mütter und Tanten der Leserziehung. Dass Bundesbildungsministerin
Schavan aktuell 26 Millionen für die schulische Leseförderung
angekündigt hat, setzt diese Notwendigkeit nicht außer Kraft, zumal bei
42 000 Schulen in Deutschland dann gerade eben durchschnittlich 600
Euro, also zum Beispiel rund 30 Bücher, ankämen.
Völlig
daneben ist die Instrumentalisierung von PISA für eine
klassenkämpferische Debatte um Bildungs-Ungerechtigkeiten. PISA testet
schließlich Fünfzehnjährige und stellt für dieses Alter einen
Zusammenhang zwischen Schulbesuch und sozialer Herkunft fest. Das ist
aber methodologisch völlig unsauber. Eine Bildungslaufbahn ist nämlich
mit 15 Jahren nicht abgeschlossen. Aufgrund der hochdifferenzierten
vertikalen Durchlässigkeit (Kein Bildungsabschluss ohne
Bildungsanschluss!) gibt es in Deutschland rund 50 Wege zu einer
Studierberechtigung. Und es sind je nach Bundesland zwischen 42 und 50
Prozent der Studierberechtigten, die nie ein Gymnasium besucht haben.
Darin wiederum finden sich Kinder aus bildungsfernen Schichten sehr
stark repräsentiert. PISA gibt all dies nicht wieder.
Eher
auf Stammtischebene bewegen sich die Attacken aus der Ecke OECD und
mancher Kultusminister, die die – aus ihrer Sicht – schwachen
Schulergebnisse Deutschlands in den deutschen Lehrern begründet sehen.
Am Bildungserfolg aber sind viele beteiligt. Das gilt für das
Elternhaus. Das heißt, wir bekommen keine Bildungsoffensive ohne
Erziehungsoffensive. Das gilt für die Anstrengungsbereitschaft der
Schüler. Das gilt für die Bildungspolitik. Und das gilt
selbstverständlich auch für die Lehrer. Klar: 800 000 Lehrer in
Deutschland können nicht alle Helden und Heilige sein. Das Problem aber
ist, dass es uns an der Zahl an Lehrern in bestimmten Fachbereichen
fehlt. Gewiss auch kann die Ausbildung der Lehrer verbessert werden. Zu
denken etwa ist an mehr Praxiserfahrung der im Lehramtsstudium tätigen
Professoren und Dozenten.
Wegkommen
müssen wir schließlich von der Vorstellung, Bildung sei das, was PISA
misst. Wir sollten uns von dem grassierenden Fetischismus der
PISA-Rangplätze verabschieden können. Bildung ist viel mehr als das,
was PISA misst. PISA erfasst nämlich nur einen kleinen Teil des
schulischen Lerngeschehens, keineswegs aber Allgemein- und
Persönlichkeitsbildung. Unsere Schüler in Deutschland werden aber in
vielen Bereichen geschult, die mit PISA nicht erfasst werden, zum
Beispiel in den Fremdsprachen, in geografischer, historischer,
ästhetischer, religionstheoretischer Grundbildung. Außerdem sollten
unsere Kinder nicht nur die „Literacy“-Kompetenz der
Informationsentnahme besitzen, sondern auch über konkretes Wissen und
Können verfügen.
Alles
in allem: Weitergebracht hat uns PISA bislang kaum, außer dass unsere
Schüler nun besser als vor zehn Jahren wissen, wie man einen PISA-Test
ausfüllt. Die wahren Probleme des deutschen Schulwesens aber, nämlich
die immer noch vielen Klassen mit mehr als 30 Schülern, der
Unterrichtsausfall und der Personalmangel in so manchen Fachbereichen
werden mit PISA nicht erfasst. Sie harren nach wie vor der Lösung. Mehr
noch, diese Probleme werden von PISA eher zugedeckt.