Josef Kraus im Gespräch mit Jürgen Liminski
Die vergleichsweise schlechte Lesekompetenz deutscher Schüler habe auch mit "Sünden der Schulpädagogik" zu tun, räumt Josef Kraus ein. Die Bedeutung des Elternhauses für die Lesekompetenz könne jedoch nicht hoch genug eingeschätzt werden, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.
Jürgen Liminski: Mittelmaß in
der Schule und Hartz IV-Trostpflaster in Form kleiner Sozialpakete. Ob
die gestern veröffentlichte PISA-Studie, oder die am Montag im Bundestag
beschlossene Änderung des Regelbedarfs für Hartz IV-Empfänger, Kinder
sorgen auch derzeit wieder für Negativschlagzeilen, wie fast immer
unverschuldet. Da lässt eine Studie aufmerken, die heute in Berlin von
der UN-Kinderhilfsorganisation UNICEF und einer Kinderzeitschrift
vorgestellt wird und sicher für durchweg positive Schlagzeilen sorgen
wird. Im August und September wurden insgesamt 1.500 Kinder im Alter
von 6 bis 14 Jahren zu ihren Wertvorstellungen und Einstellungen
befragt, auch nach Ängsten oder dem Interesse an sozialem Engagement
und der Zeit, die die Eltern für sie aufbringen können.
Die zentrale Botschaft der diesjährigen PISA-Studie lautet nach den
Worten der OECD, in Naturwissenschaften und Mathematik gehört
Deutschland nun zum ersten Drittel der 65 teilnehmenden Staaten, bei
der Lesekompetenz aber müssen sich die Schüler und das Land noch mit
einem Platz im Mittelfeld begnügen. Die meisten Probleme haben deutsche
Schüler beim Reflektieren und Bewerten der Lektüre. Sind das Probleme
mit der Sprache insgesamt? Woran liegt das, an Herkunft, Elternhaus,
Umgang? - Am Telefon begrüße ich Josef Kraus, er ist Gymnasialdirektor
in Bayern und jetzt um 6:50 Uhr schon in der Schule. Guten Morgen, Herr
Kraus.
Josef Kraus:
Guten Morgen, Herr Liminski.
Liminski: Herr
Kraus, Sie sind nicht nur Lehrer, sondern auch Präsident des Deutschen
Lehrerverbandes. Der deutsche Koordinator der PISA-Studie, Andreas
Schleicher, ein Physiker, meinte gestern bei der Vorstellung der
Studie, Deutschland brauche bessere Lehrer. Fühlen Sie sich auf den
Schlips getreten?
Kraus: Also bei
manchen Dingen, die aus Paris kommen, kriege ich das Schmunzeln, früher
habe ich einen dicken Hals gekriegt, aber da liegt man schon manchmal
daneben. Der Quoten-Fetischismus aus Paris geht mir auf die Nerven, und
das ist jetzt eine dümmliche Lehrerbeschimpfung. Das Problem, das wir
in Deutschland haben, ist, dass wir in vielen Fachbereichen zu wenig
Lehrer bekommen, und durch solche Sprüche werden junge Leute, junge
engagierte Leute, die Lehrer werden wollten, vielleicht eher sogar noch
abgeschreckt.
Liminski: Bei
aller Kritik an den Methoden der PISA-Studie und der Begrifflichkeit,
eines scheint aber doch eine Tatsache zu sein: Die Schüler in
Deutschland lesen vergleichsweise schlecht und begreifen nicht so
recht, was sie lesen. Sind die Schulen, in diesem Fall die Grundschulen
so schlecht?
Kraus: Da gibt
es viele Gründe. Das hat mit den medialen Einflüssen zu tun, das hat -
vielleicht kommen wir noch darauf - auch mit einer gewissen
Zurückhaltung der Elternhäuser, was sprachliche Prägung betrifft, zu
tun. Das hat aber schon auch mit hausgemachten Sünden der
Schulpädagogik zu tun, wenn ich mir vorstelle, dass gerade auch im
Bereich der Sprachschulung immer mehr die Erleichterungspädagogik
Einzug gehalten hat, der Grundwortschatz in den Grundschulen wurde
reduziert, das Lesen von Ganzschriften wurde zurückgefahren, das
Schreiben von Texten wurde zurückgefahren und es geht nur noch um das
Zustöpseln von Lückentexten, es geht nicht mehr um das Schreiben von
nachvollziehbaren Gedankengängen, sondern um eine Multiple Choice
Ankreuzmethode. Also da müssen wir auch in der Schulpädagogik ein
bisschen zurückschrauben wieder. Das gilt für alle Schulformen, das
gilt für die Grundschule wie auch für die weiterführenden Schulen.
Liminski: Da
ist also Reformbedarf in den Schulen. Aber welche Bedeutung hat das
Elternhaus für die Lesekompetenz?
Kraus: Eine
Bedeutung, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann, denn das
wissen wir seit Jahrzehnten aus der Pädagogik und aus der Psychologie,
dazu brauchten wir gar keine moderne Gehirnforschung, dass eben die
entscheidenden, auch die entscheidenden kognitiven Prägungen halt im
Vorschulalter stattfinden. Und wenn hier nicht die entsprechende
Neugier geweckt wird, wenn hier kein umfassender Wortschatz vermittelt
wird, wenn hier nicht Dialogfähigkeit in der Familie praktiziert wird,
vorbildlich praktiziert wird, wenn die Eltern keine Vorbilder beim
Lesen von Büchern, von Zeitschriften sind, dann werden sie natürlich
auch kaum Kinder haben, die lesen. Verkürzt gesagt, so hat es mal ein
kluger Mann ausgedrückt: Das Erzählen und das Vorlesen zu Hause im
Vorschulalter, das sind die klugen Mütter und Tanten des Lesens.
Liminski: Aus
Ihrer eigenen Erfahrung, aus Gesprächen mit Kollegen in der Schule oder
im Verband, Herr Kraus, nehmen sich die Eltern hier zu wenig Zeit, um
mit ihren Kindern zu lesen?
Kraus: Sie
nehmen sich immer weniger Zeit. Natürlich haben wir hier auch ein
Schichtgefälle, das ist ganz klar, aber auch nicht in allen sogenannten
bürgerlichen und bildungsnahen Häusern wird das noch vernünftig
praktiziert. Der Fernseher wird zum Teil als Baby-Sitter benutzt und
die Kinder bekommen sehr früh ins eigene Kinderzimmer einen Fernseher.
Der Trend geht leider, was die Kinderzimmer betrifft, nicht unbedingt
zum Zweit- und zum Drittbuch. Also hier muss man umdenken. Hier reicht
es nicht aus, dass man nur in der Schule sich mehr anstrengt, da gibt
es sehr kreative Leseförderprojekte, sondern das muss im Vorschulalter
an Prägung stattfinden.
Liminski: Was
empfehlen Sie den Eltern, wenn Sie bei einem Schüler deutliche Mängel
bei der Lesekompetenz feststellen?
Kraus: Am
besten, zunächst mal sich mit dem Deutschlehrer, mit dem Klassenleiter
unterhalten, mit den Kindern in eine Bibliothek gehen, sich beraten
lassen, was es an attraktiver Jugendliteratur gibt, bei Buben, bei
Jungen vielleicht auch im Bereich Sachbuch - das wissen wir, da haben
wir ein gewisses Problem, was die Nähe der männlichen Jugend zu
Literatur, zu fiktionaler Literatur betrifft -, und ansonsten Vorbild
sein, Vorbild sein, Vorbild sein, den Kindern was vorlesen, gemeinsam
was lesen, darüber diskutieren, sodass die Kinder merken, ach das ist
interessant und da kann ich mit meinen Eltern diskutieren,
möglicherweise
sogar diskutierend streiten.
Liminski: Vor
allem die Jungen sind leseunlustig, wie wir jetzt gelernt haben.
Überrascht Sie das?
Kraus: Nein,
das überrascht mich nicht. Da kann man noch so viel Gender-Ideologie
verbreiten, es bleiben halt Unterschiede da, woher auch immer. Das hat
natürlich mit der Prägung im Elternhaus durch Vater beziehungsweise
Mutter zu tun, das hat natürlich auch damit zu tun, dass halt die Buben
eher Interesse finden an Basteleien, an technischen Dingen, an medialen
Dingen, die Mädchen lesen viel eifriger und der Erfolg gibt ihnen
recht. Sie sind unter den Durchfallern weniger stark repräsentiert, sie
haben die besseren Abitur- und Schulabschlussnoten und sie sind weitaus
seltener unter Schulversagern.
Liminski: Kann
die Lesekompetenz auch verloren gehen durch ein sprachlich mangelhaftes
soziales Umfeld, also konkret durch die sogenannte Peer Group und indem
man schlicht nicht mehr liest?
Kraus: Nicht
nur durch die Peer Group, sondern auch durch die mediale Beeinflussung.
Man kennt ja seit Jahrzehnten den Begriff des sekundären
Analphabetismus. Das sind junge Leute, die sagen wir mal mit
vergleichsweise ausgeprägten Lese- und Schreibfertigkeiten aus der
Schule herausgehen, die das aber wieder verlieren, weil sie es nicht
mehr praktizieren, in einem Beruf zum Beispiel nicht mehr praktizieren
müssen, oder halt aus Bequemlichkeit sich lieber der medialen
Rundum-Berieselung aussetzen.
Liminski: Wie
die Lesekompetenz zu verbessern ist, das sagt uns hier im
Deutschlandfunk Josef Kraus, der Präsident des Deutschen
Lehrerverbands. Besten Dank für das Gespräch, Herr Kraus.
Kraus: Danke
auch, Herr Liminski.
