Bildung
ist mehr als das, was messbar ist
Der
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, mahnt angesichts
des PISA-Hypes zu mehr Gelassenheit -
Schuldrill wie in Hongkong nicht wünschenswert
Von Georg Soller
Am
Tag eins nach der Veröffentlichung der PISA-Studie stand gestern bei
Josef Kraus das Telefon kaum still: Die ZDF-Heute-Redaktion, stern-TV,
verschiedene Radio-Sender und Zeitungsredaktionen wollten seine Meinung
zur vierten Auflage des internationalen Schultests hören. Der
wortgewaltige Direktor des MontgelasGymnasiums in Vilsbiburg, der
zugleich Präsident des Deutschen Lehrerverbandes ist, hat schon vor
fünf Jahren mit seinem Buch "Der PISA-Schwindel - Unsere Kinder sind
besser als ihr Ruf" kund getan, dass er den politischen Hype um die
Studie für übertrieben hält.
"Man sollte PISA gelassen als das
sehen, was es ist: ein Test, der einen kleinen Ausschnitt aus dem
schulischen Lerngeschehen misst", sagte er. Eben das, was messbar ist.
Unberücksichtigt bleiben zentrale Lerninhalte wie die historische,
geographische, ethische oder ästhetische Grundbildung. "Für mich sind
die PISA-Tests näher am Intelligenztest. Als Schulleistungstest oder
Bildungstest sind sie weniger geeignet", sagte er, weshalb die Rankings
auch wenig Aussagekraft hätten. Die Persönlichkeit und die
Allgemeinbildung seien nicht so einfach messbar.
Und trotzdem
beherrscht das Thema seit Dienstag den Nachrichtenmarkt. "Die
Kultusminister sind ein bisschen von den Rankingplätzen und Quoten
besoffen, obwohl uns das nicht weiterbringt", sagte Kraus. Eher im
Gegenteil: Als Folge des sogenannten PISA-Schocks aus dem Jahr 2001 -
das Land der Dichter und Denker lag damals im internationalen Vergleich
auf Rang 21 von 32 - wurden viele Prüfungsmethoden "PISA-konform"
umgestellt, was bis heute zu einem mehr oder weniger verarmten
Bildungsverständnis führte, wie Kraus meint. Er bezeichnet dies als
"Kollateralschaden durch die PISA-Debatte" und macht dies am Fach
Deutsch beispielhaft fest. Früher mussten die Schüler die Sprache
selbst anwenden, Aufsätze, Textanalysen oder Zusammenfassungen
schreiben. Durch PISA und das dort angewandte Literacy-Konzept genüge
es, wenn die Kinder "Lückentexte zustöpseln können". Das sei deshalb
so, weil die aktive Nutzung der Sprache wissenschaftlich schwer messbar
sei.
Kraus räumte ein, dass die Lesefähigkeit auch bei
Realschülern und Gymnasiasten im Durchschnitt tatsächlich mittelmäßig
sei, "das wüsste ich aber auch ohne PISA". Dass dies so ist, führt er
auf einige "schulpolitische Sünden" zurück wie etwa den Umstand, dass
der Grundwortschatz an den Grundschulen auf 700 Wörter reduziert wurde
(1285 Wörter sind erforderlich, um zwischen 85 und 90 Prozent der
normalen Texte lesen zu können), und dass auf viele Pflichtlektüren
verzichtet wurde und statt dessen im Unterricht nur noch mit
fotokopierten Textauszügen gearbeitet werde. Er sehe ein, dass eine
moderne Schule mit Computern ausgestattet werden müsse, sagte er, "aber
ich würde mir wünschen, dass mit dem gleichen Elan die
Schulbibliotheken ausgestattet würden". Das Montgelas-Gymnasium zum
Beispiel stehe mit der von ihm betreuten Stadt- und Kreisbibliothek auf
dem Schulgelände sehr gut da, und er sei stolz auf das, was hausintern
für die Leseförderung gemacht werde: "In manchen anderen Schulen stehen
ein paar Hundert Bücher in einem fensterlosen Raum." Doch wenn
Bundesbildungsministerin Annette Schavan jetzt 26 Millionen Euro für
Schulbibliotheken in Aussicht stellt, dann bleiben, so klagt Kraus, für
jede Schule wieder nur ein paar Tausend Euro. Dabei sei die
Lesefähigkeit nachgewiesenermaßen entscheidend für den Schulerfolg.
"Kinder, die viel lesen, sind in der Schule erfolgreicher. Kinder, die
viel glotzen, sind weniger erfolgreich." Die Grundlagen dafür würden
bereits im Vorschulalter gelegt, wenn den Kindern durch Vorlesen die
Lust an den Geschichten und damit der Sprache geweckt wird. "Da würde
ich die Eltern gerne in die Pflicht nehmen."
In einem Punkt
wirft Kraus den PISA-Verantwortlichen vor, unsauber zu arbeiten. Er
hält es für eine unzulässige Interpretation, aus den Test-Ergebnissen
von 15-Jährigen einen Zusammenhang von Abstammung und Bildungserfolg
herzustellen: 15-Jährige stecken in Deutschland mitten in ihrer
Bildungslaufbahn. Die PISA-Forscher hätten seit Jahren "eine eklatante
Ignoranz gegenüber der erfolgreichen vertikalen Durchlässigkeit des
deutschen Bildungswesens" an den Tag gelegt. Denn immerhin 43 Prozent
der Studienberechtigten in Deutschland hätten nie ein Gymnasium
besucht, sondern über M-Zug oder Berufsausbildung und Fachoberschule
ihre Hochschulreife erlangt. Gerade diese Möglichkeiten würden Kinder
mir Migrationshintergrund oder sogenannte Spätstarter häufig nutzen:
"Aber durch PISA wird das Gymnasium zum Maß aller Dinge gemacht."
Dies
alles erinnere ihn fatal an die bis 1999 überwiegend ideologisch
geführte Debatte um Schulgerechtigkeit, meinte Kraus. Damals hätten die
Wortführer der linken Schulideologien auch zu verhindern versucht, dass
Vergleichstests wie PISA durchgeführt wurden: "Die wollten die Wahrheit
nicht wissen", sagte er. Diese sei durch den mit PISA-E möglichen
Bundesländervergleich im Jahr 2002 nachweisbar geworden: "Es gab in
Deutschland ein Süd-Nord-Gefälle in Sachen Bildung mit einem
Wissensunterschied von bis zu zwei Jahrgangsstufen." Und der Umstand,
dass der nach Leistungsfähigkeit der Schüler differenzierte Unterricht
den Kindern in ihrer Individualität auch helfen könne, werde durch den
Vorwurf mangelnder Bildungsgerechtigkeit diffamiert. "Eine moderne
bayerische Hauptschule ist in sich ein viergliedriges Schulsystem
zwischen M-Zug und Praxisklasse."
Die Hauptschulen hätten
natürlich das sozial schwierigste Schülerklientel, sagte Kraus, aber
sie seien derzeit am besten mit Lehrerstunden und Sozialpädagogen
ausgestattet. Dass die von der Schröder-Regierung für die Einrichtung
von Ganztagsklassen an Hauptschulen zur Verfügung gestellten 600
Millionen Euro in Bayern vor allem zum Bau der Mensen für das G8
verwendet wurde, hält Kraus deshalb für einen Fehler:
"Gesellschaftspolitisch hätten das die Hauptschulen nötiger gehabt."
Auf
den internationalen Vergleich angesprochen sagte Kraus, dass man sich
bei der Bewertung die unterschiedlichen Rahmenbedingungen ansehen
müsse. Mit Norwegen, Schweden und Dänemark könnten die deutschen
Ergebnisse mithalten. Den Drill, wie er an den Schulen der
topplatzierten Länder Schanghai, Südkorea oder Hongkong herrsche,
würde er sich für Deutschland nicht wünschen: "Da würden unsere
Pädagogen aber aufschreien." Auch die Umstände der oft als vorbildlich
bezeichneten Finnen seien nur schwer mit deutschen Verhältnissen zu
vergleichen - Klassenstärken mit 18 Schülern und 1,2 Prozent
Ausländeranteil, damit falle der Unterricht schon leichter.
Überraschenderweise beklagen die Finnen eine Jugendarbeitslosigkeit von
22 Prozent und Probleme mit Jugendalkoholismus: "So toll kann das nicht
sein".