"Schluss
mit Kuschelpädagogik"
Nach der Kritik an deutschen Lehrern wegen des Pisa-Resultats bezieht
Lehrer-Präsident Josef Kraus im FNP-Interview Stellung
Haben die deutschen Lehrer nichts drauf?
JOSEF KRAUS:
Das ist Stammtischgerede. Am Bildungserfolg sind viele beteiligt, und
wenn es nicht klappt, sind viele schuld. Das gilt für das Elternhaus.
Wir bekommen keine Bildungsoffensive ohne Erziehungsoffensive. Das gilt
auch für die Anstrengungsbereitschaft und die Eigenverantwortung der
Schüler. Das gilt für die Bildungspolitik. Und das gilt
selbstverständlich auch für die Lehrer. Aber eine einseitige
Schuldzuweisung an die Lehrer, wie wir sie aus der Ecke der OECD (die
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung führt
die Pisa-Studie durch, Anm. d. Red.) wieder hören, ist unseriös.
Was halten Sie denn von der Kritik aus
Reihen der Politiker? Der sächsische Kultusminister Roland Wöller (CDU)
sagte beispielsweise, dass nicht nur genügend Lehrer, sondern auch
richtige Lehrer gebraucht würden?
KRAUS: 800 000
Lehrer in Deutschland können nicht alle Helden und Heilige sein. Das
ist in jedem Berufsstand so. Mein Problem ist zunächst mal, dass es uns
an der Zahl an Lehrern in bestimmten Fachbereichen fehlt. Das wirkt
sich natürlich auch in der Schule aus. Sie fehlen uns in Mathematik,
den Naturwissenschaften, in beruflichen Schulen in Elektro- und
Informationstechnik, in kaufmännischen Fächern. Das ist zunächst ein
Zahlenproblem. Wenn ich nicht genügend Bewerber habe, dann kann ich
auch keine Bestenauslese mehr betreiben. Der Lehrerberuf muss ideell
als auch materiell wieder attraktiver werden. Das heißt, der Beruf muss
in Deutschland auch mal in ein positives Licht gerückt werden, mehr
Ansehen genießen, wie in anderen Ländern. Und es muss mal Schluss sein
mit den Diskriminierungen von Lehrern, wie wir es aus dem Munde von
Gerhard Schröder und anderen Spitzenpolitikern gehört haben. Wir müssen
den Lehrerberuf auch materiell so ausstatten, dass 28-jährige Leute
sagen: Ich gehe in die Schule und nicht in die Wirtschaft. Viele
unserer jungen Lehrer müssen sich als Referendare mit 900 oder 950 Euro
durchschlagen, die als Mathe- oder Physiklehrer in der Wirtschaft ein
Einstiegsjahresgehalt von 40 000 oder 42 000 Euro geboten bekommen. Die
sind für die Schule verloren.
Wir müssen
außerdem eine gezielte Personalplanung bekommen. Da haben unsere
Bundesländer faktisch versagt. Es muss klipp- und klar gesagt werden,
wo Lehrer gebraucht werden und wo nicht. Wir müssen überdies eine
konkrete Werbung bei unseren Abiturienten machen. Das ist die Aufgabe
von Schulleitern. Ich mache das als Leiter eines Gymnasiums. Aber da
kriege ich manchmal die Antwort: «Ich schlage mich nicht so lange mit
einem Volk herum, wie wir es waren.»
Liegt nicht im Hochschulsystem der Hund
begraben? Ist das Lehramtstudium nicht die letzte Rettung für alle, die
nach der Schule nicht wissen, wo ihre berufliche Zukunft liegt?
KRAUS: Ich würde mir
wünschen, dass für einen Lehramtsstudenten vor Beginn des Studiums oder
spätestens nach dem zweiten Semester eine Eignungsberatung gemacht
wird. Ich kann mir als diplomierter Psychologe zwar schlecht einen
Eignungstest vorstellen. Da ist der Lehrerberuf viel zu komplex. Aber
ich würde mir eine Pflichtberatung mit Schulpraktika wünschen – so,
dass der Student reflektiert bekommt, ob er geeignet ist oder nicht.
Das wäre schon mal ein großer Fortschritt. Die Praktika müssen
intensiviert werden, dass Leute nicht für 35 Jahre in den falschen
Beruf stolpern.
Natürlich
ist die Hochschule als erste Phase der Ausbildung eher wissenschaftlich
und theoretisch orientiert. Dafür haben wir auch für die praktische
Ausbildung das Referendariat. Aber ich wünsche mir an den Hochschulen
Dozenten in den Bildungswissenschaften, die ein bisschen mehr Ahnung
von Schulpraxis haben, als das im Moment der Fall ist. Dazu erhebe ich
die Forderung, dass in der Ausbildung mehr der Praktiker als Dozent mit
eingebunden sein muss.
Fehlt es nicht ohnehin an
Praxiserfahrung für die Studenten?
KRAUS: Das hat damit
zu tun, dass ein angehender Gymnasial- oder Berufsschullehrer erst
einmal ein ganz solides fachwissenschaftliches Studium braucht. Wir
haben die zweiphasige Ausbildung mit dem anschließenden Referendariat
über zwei Jahre. Das sind vernünftige Strukturen, die stimmen, auch
wenn man natürlich immer noch etwas verbessern kann.
Was halten Sie davon, dass Dieter
Lenzen, Präsident der Universität in Hamburg, den deutschen
Bildungsföderalismus als «unglaubliche Leistungsbremse» bezeichnet?
KRAUS: Das ist keine
Leistungsbremse. Ich bin überzeugter Föderalist. Auch deshalb, weil der
Föderalismus wenigstens ein Minimum an Wettbewerb zwischen den 16
Bundesländern garantiert. Mal anders ausgedrückt: Hätten wir
Bildungszentralismus, dann hätten wir bei Pisa überall Ergebnisse wie
in Bremen, Hamburg und Berlin. So hat immerhin der Bildungsföderalismus
erreicht, dass wir in Deutschland in einer stattlichen Anzahl an
Bundesländern wie Baden-Württemberg, Bayern oder Sachsen wenigstens
noch wissen, wo es langgehen muss.
Sie haben in einem Interview von
«hausgemachten Sünden der Schulpädagogik gesprochen». Was meinen Sie
genau damit?
KRAUS: Damit meine
ich insbesondere den Sprachunterricht in Deutsch. Wir haben, was die
Sprachschulung betrifft, das Anspruchsniveau heruntergefahren. Wir
begnügen uns am Ende der Grundschule, dass wir nur 700 Wörter an
Grundwortschatz haben. Wir begnügen uns an weiterführenden Schulen mit
zum Teil nur drei Stunden Deutschunterricht pro Woche. Wir begnügen uns
damit, dass unsere Schüler bei Sprachtests zum Teil nur Lückenteste
ausfüllen müssen oder Multiple-Choice-Antworten ankreuzen müssen. Das
ist mir im Sinne einer soliden muttersprachlichen Bildung einfach zu
mickrig.
Was muss in politischer Hinsicht
passieren, dass die deutschen Schüler im internationalen Vergleich noch
besser werden?
KRAUS: Ich wünsche
mir, dass man zu einem umfassenden Bildungsverständnis kommt. Bildung
ist gleich Pisa – das ist mir ein zu ärmliches Bildungsverständnis.
Pisa erfasst nur einen kleinen Teil von Allgemein- und
Persönlichkeitsbildung. Unsere Schüler werden in vielen Bereichen
geschult, die mit Pisa nicht erfasst werden. In Fremdsprachen, in
geografischer, historischer, ästhetischer, religionstheoretischer
Grundbildung. Nach dem Bildungsverständnis müssen die Schüler auch ein
gewisses Können haben und nicht nur über vage Kompetenzen verfügen.
Als Zweites
wünsche ich mir, dass man eine gezielte, differenzierte Personalplanung
hat und Werbung dafür macht, so dass wir in allen Fachbereichen
genügend Lehrer haben.
Und das
Dritte ist, dass man den Schulen mehr als 100 Prozent, am besten 110
Prozent an Lehrerversorgung gibt. Dann könnten die Schulen
Unterrichtsausfall in Zeiten von Klassenfahrten oder Krankheiten
reduzieren und zusätzliche Förderkurse für schwächere Schüler
einrichten, aber auch für Spitzenschüler, die auch ein Anrecht auf
entsprechende Förderung haben.
Mit dem grauen Pisa-Mittelmaß der
deutschen Schüler als Maßstab: Wer ist denn eher der Sündenbock? Die
Pädagogen oder die Politiker? <
KRAUS: Ich will da
keine eindeutigen Sündenbock-Zuweisungen vornehmen. Es müssen alle an
einem Strang ziehen. Die Schulpolitik, wie ich es schon gesagt habe.
Die Eltern müssen wieder mehr in die Pflicht genommen werden. Es gibt
keine Bildungsoffensive ohne häusliche Erziehungsoffensive. Die Lehrer
müssen aus einer hoffentlich gestärkten Autorität heraus sagen:
Kuschelschule, Erleichterungspädagogik bringt nichts. Es ist den
Kindern nicht geholfen, wenn man nur künstlich Quote erhöht. Wenn man
ihnen nur Noten hinterherschmeißt. Schule darf auch anstrengend sein.
Da müssen die Lehrer den Rückhalt in der ganzen Gesellschaft haben.
Denn mit Kuschelpädagogik kommen wir nicht voran.