KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Kraus, freuen Sie sich über die bessere Platzierung Deutschlands im PISA-Test?
JOSEF
KRAUS: Das Ergebnis ist ein kleiner Grund zur Freude, ja. Vor allem
freue ich mich für unsere Schüler, die langsam nicht mehr hören
konnten, dass sie so schlecht sind und dass die Finnen oder die Russen
sehr viel besser sind als sie. Als Pädagoge würde ich darunter-
schreiben: Weiter so! Es ist kein Grund, sich zurückzulehnen, aber ein
Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Welche Maßnahmen haben denn Ihrer Meinung nach zu einer Verbesserung geführt?
KRAUS:
Zunächst haben die Kultusminister sich endlich auf einheitliche
Bildungsstandards geeinigt. Das hatte wohl motivierenden Charakter für
die schlechteren Bundesländer. Da gab es ja Bundesländer, die nach eher
beliebigen Rahmenplänen unterrichtet haben. Die haben sich durch die
einheitlichen Standards jetzt nach der Decke gestreckt. Außerdem haben
wir unsere Schüler in den vergangenen Jahren daran gewöhnt, nicht nur
Detailfragen zu beantworten, sondern komplexe Probleme zu bearbeiten.
Glauben Sie, dass der Streit um die Frage des richtigen Schulsystems nun abebbt?
KRAUS:
Für mich war diese Frage immer zweitrangig. Die deutsche Gesamtschule
ist nicht leistungsfähig. Da ist es mir egal, ob die finnische
Gesamtschule funktioniert oder nicht. Deren Rahmenbedingungen, etwa
zwei Prozent Migrantenkinder, sind so weit von unserer Wirklichkeit
entfernt, dass sich ein Vergleich diesbezüglich gar nicht ziehen lässt.
Der
OECD-Bildungskoordinator Andreas Schleicher meint, man könne nicht von
einem positiven Trend sprechen, weil die Pisa-Tests gar nicht
vergleichbar seien.
KRAUS: Was der sich erlaubt, ist hanebüchen.
Scheinbar sind für Herrn Schleicher nur schlechte deutsche Ergebnisse
gute Ergebnisse. Manche fordern ja jetzt schon seinen Rücktritt. Das
lese ich gerne. Die OECD müsste doch dafür sorgen, dass der Test eine
Längsschnittanalyse erlaubt. Schließlich macht er doch nur dann Sinn,
wenn ich sehe, wie sich ein Land entwickelt.
Das Gespräch führte
Claudia Lehnen