DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der BAYERISCHEN STAATSZEITUNG vom 28. Juni 2002

PISA, Bayern und deutsche Befindlichkeiten

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Frage: Was ist der Unterschied zwischen Bildungsdeutschland und einer Schulklasse? Antwort: Es gibt keinen Unterschied, aber manche Gemeinsamkeiten. Beispiele: In einer Klasse sitzen lernwillige Leistungsfähige, lernunwillige Leistungsfähige, lernwillige Leistungsschwache und lernunwillige Leistungsschwache; unter den 16 Bundesländern ist es in Sachen Schulpolitik kaum anders. Oder: In manchen Klassen gibt es Leistungsverweigerer; unter den 16 Bundesländern gibt es ebenfalls zwei (Hamburg und Berlin), die in die PISA-Gesamtauswertung nicht einbezogen werden konnten, weil - zum Teil wegen Boykotten von Eltern - zu wenig Schüler als Testanden teilnahmen. Und: In vielen Klassen gibt es Musterschüler, denen die „Anstrengungsvermeider“ gerne Streberei vorhalten oder auch offen Missgunst bekunden; unter manchen politisch Verantwortlichen der 16 Bundesländer scheint es nicht anders zu sein.

Anders denn als Missgunst ist es jedenfalls nicht zu erklären, wie interessierte Kreise nunmehr versuchen, das ordentliche bayerische PISA-Ergebnis schlechtzurechnen. Dabei kommt bei PISA-E („E“ für innerdeutsche Erweiterungsstudie) eigentlich nichts Überraschendes heraus - nämlich ein erhebliches Süd-Nord-Gefälle in Sachen Schulleistung. Namhafte Kräfte der „Linken“ haben dies geahnt, weshalb sie bereits im August 1999 alles versuchten, eine innerdeutsche Schulleistungsstudie mit Länder- und Schulartenauswertung zu verhindern. Jüngstes Kind dieser Angst vor der Wahrheit ist der Versuch, die Veröffentlichung von PISA-E oder zumindest von wichtigen Teilen auf die Zeit nach dem 22. September 2002 zu verschieben. Bei so viel Taktiererei ist es kein Wunder, dass selbst bei sehr konkreten Fakten sehr unterschiedliche Lesarten oder sogar Methoden der Realitätsverweigerung herauskommen.

Der niedersächsische Ministerpräsident Gabriel glaubt in der jüngsten Bildungsdebatte vom 13. Juni im Bundestag zu wissen, dass alle, inklusive Bayern, in Sachen PISA unter Wasser schwämmen - die einen drei Meter, die anderen vielleicht nur zwei oder einen Meter. Bundesbildungsministerin Bulmahn verliebt sich in das Bild, den Nichtbayern stehe das Wasser fünf Zentimeter, den Bayern immerhin auch zehn bis zum Hals. Andere namhafte „Bildungsexperten“ gefallen sich in der Behauptung, dass der deutsche PISA-Sieger Bayern allenfalls erster in der zweiten Liga sei. SPD-Bundesgeneral Müntefering wirft den Bayern wider besseres Wissen soziale Selektion der Schule vor und tadelt die vermeintlich miserabel niedrige Abiturientenquote des Freistaates von 18 Prozent. Und Bayerns SPD-Chef Hoderlein verkündet gallig, dass ihn nicht wundere, wenn die Bayern gut abgeschnitten hätten, schließlich würden die bayerischen Schüler ja mit einer Unmenge an „Kreuzworträtselwissen“ vollgestopft.

Gegen so viel Unsinn helfen nur Fakten: Die Süddeutschen, die Bayern und die Baden-Württemberger also, sind eindeutig die deutschen PISA-Sieger. Deutschland hätte in der internationalen PISA-Studie sogar noch um einige Rangplätze schlechter abgeschnitten und wäre hinter die erreichten Plätze 21 und 22 gerutscht, wenn die „Südlichter“ nicht mit von der Party gewesen wären.

Überhaupt schneiden nicht ganz zufällig die sog. A-Länder (SPD-regiert) erheblich schwächer ab als die sog. B-Länder (unionsregiert). Legt man nur einmal alle Länder zu Grunde, die seit der Wiedervereinigung überwiegend von der SPD bzw. von der CDU/CSU regiert wurden, so ergibt das für die SPD-Länder in PISA-E einen durchschnittlichen innerdeutschen Rangplatz von 8,7 und für die CDU/CSU-Länder einen von 2,6.

Bayern steht national in mehrfacher Hinsicht ganz oben: mit jeweils Platz 1 und entsprechenden Punktewerten im Lesen (510 PISA-Punkte), in der Mathematik (516) und in den Naturwissenschaften (508), im innerdeutschen Gymnasialvergleich jeweils mit Platz 1 im Lesen (593) und in der Mathematik (599) sowie Platz 3 (587) in den Naturwissenschaften. Nur in der letzteren Skala werden Bayerns Gymnasien „getoppt“ von Schleswig-Holstein (595), das sich wegen seines deutlichen Vorsprungs an naturwissenschaftlichen Unterrichtsstunden hier knapp an die Spitze vor Baden-Württemberg (588) und Bayern (587) setzen konnte.

Wäre Bayern ein eigenständiger nationaler PISA-Teilnehmer, dann wären die Leistungen - je nach Testbereich Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften - vergleichbar mit internationalen Rangplätzen zwischen 4 und 10. Bayern kann international also sehr wohl mithalten. Spitze in Deutschland sind jedoch auch die bayerischen Haupt- und Realschüler. Das steht zwar nicht explizit in der aktuellen Studie und wird weiteren Auswertungen vorbehalten sein. Aber sicher ist eines jetzt schon: Die Bayern haben nicht allein deshalb so gut abgeschnitten, weil sie gute, angeblich „selektierte“ Gymnasiasten haben, sondern weil sogar Bayerns Hauptschüler und Realschüler ausgesprochen gut dastehen. Der innerdeutsche Vorsprung der Bayern reicht sogar so weit, dass Bayern ohne (!) seine - fiktiv aus PISA herausgerechneten - Gymnasiasten bundesweit zumindest in der Mitte stünde (mit 480 PISA-Punkten). Es rangierte nämlich ohne Gymnasiasten vor sieben anderen Bundesländern inklusive (!) deren Gymnasiasten - etwa auf der Höhe von NRW inkl. dessen Gymnasiasten (482 Punkte).

Viele Details kommen hinzu:
Reichlich hanebüchen ist die Behauptung, Bayern solle sich nicht rühmen, denn es habe zu wenig Abiturienten. Wer so argumentiert, der meint wohl, Höherqualifizierung erreiche man, indem man inflationär die Noten-, sprich: Abiturzeugnispresse anschmeißt. Anscheinend ist manchem sog. Bildungspolitiker ein Mensch mit dünnem Abiturzeugnis wichtiger als ein Mensch mit solidem Hauptschul- oder Realschulabschluss. Nicht wenige Bundesländer aber belegen, dass sich gerade in Sachen Bildungsabschluss Quantität und Qualität reziprok verhalten. In Bayern beginnt der Mensch eben nicht erst beim Abitur, sondern in Bayern haben auch Hauptschüler und Realschüler beste Aussichten, sie sind attraktiv auf dem Lehrstellenmarkt. Dass immer mehr Fachkräfte nach Bayern gehen, hat nichts mit einer zu geringen Abiturientenquote oder einem Akademikermangel, sondern mit der Attraktivität Bayerns als Wirtschaftsstandort und als Bildungsstandort für die eigenen Kinder zu tun.

In der Summe sind es wohl vier Faktoren, die den Vorsprung der Süddeutschen innerhalb Deutschlands ausmachen:
Eines jedenfalls macht den Vorsprung der Bayern nicht aus: die Ganztagsbetreuung bzw. die Ganztagsschule, denn diese haben die Bayern mit am wenigsten von allen Bundesländern. Das sollte vor allem die Bundesregierung zur Kenntnis nehmen, wenn sie jetzt meint, mit vier Milliarden Euro Ganztagsschule fördern zu müssen.

Eine weitere Schlussfolgerung aus PISA-E kann nur heißen, dass alles daran gesetzt werden muss, die doppelte Gerechtigkeitslücke zu schließen, die sich hinter dem innerdeutschen Leistungsgefälle verbirgt. Es ist nicht mehr einzusehen, warum die jungen Süddeutschen offenbar mehr leisten, aber dennoch in erheblich geringerem Umfang formal höhere Bildungsabschlüsse erhalten. Umgekehrt ist es nicht mehr zu akzeptieren, dass Schüler in Nord- oder Westdeutschland offenbar erheblich schlechter auf ihren nachfolgenden Weg in Berufsbildung oder Studium vorbereitet werden.


Welche Konsequenzen sind aus dem erheblichen innerdeutschen Leistungsgefälle sonst zu ziehen? Zunächst dieselben wie aus PISA-International: Deutschland muss mehr in die Bildung investieren, und es muss vor allem die Bildung in der Mutter- und Landessprache erheblich verbessern. Der in Bayern jetzt eingeschlagene Weg, Deutschstunden in den Schulen zu streichen, ist gewiss der falsche Weg; und falsch ist es auch, einem Zehnjährigen, wie derzeit bereits curricular vorgegeben, nur einen 700 Wörter umfassenden Grundwortschatz abzuverlangen. Sodann zeigt PISA-E, dass man auch in Deutschland - zumindest zwischen München, Würzburg und Stuttgart - weiß, wie man leistungsfähigere Schule macht.


Was die Bundesbildungsministerin jetzt meint verbreiten zu müssen, dass nämlich in Deutschland mehr Bildungszentralismus notwendig sei, geht völlig in die Irre. Wäre ein solcher Zentralismus etwa 1969 etabliert worden, dann rangierten jetzt alle deutschen Länder auf PISA-Rängen wie Bremen. Föderalismus bedeutet Wettbewerb und Ringen um die besten Lösungen. Mehr wettbewerbfördernder Föderalismus ist also gefragt und nicht weniger. Allerdings ist dafür eine Kultusministerkonferenz notwendig, die Vereinbarungen über schulische Anforderungen nicht immer als Kompromiss eines Kompromisses, also auf dem untersten Anspruchslevel, festklopft.


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