| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
Die hohe Politik der hohlen Phrasen
Von Josef Kraus
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes
(DL)
Gottlob hat Deutschland die cleversten Manager und die kreativsten Politiker! Und gottlob werden in Deutschland wenigstens Wirtschafts- und Finanzpolitik nicht so dilettantisch betrieben wie Schule. Sonst sähe es ja schlimm aus mit dem Standort Deutschland. Sonst hätten wir mit Sicherheit noch mehr als läppische vier Millionen Arbeitslose, noch weniger Ausbildungsplätze für junge Leute, noch mehr als mickrige 50 Prozent Staatsquote und noch mehr als lumpige zwei Peanuts-Billionen Verschuldung der öffentlichen Haushalte. Und gottlob verstehen wenigstens unsere Generalisten aus Politik, Wirtschaft und Publizistik eine Un-Menge von Schule, sonst sähe es auch mit Schule noch schlimmer aus. Dann wäre unser Standort den Herausforderungen der Globalisierung überhaupt nicht mehr gewachsen. Dann müßten noch mehr Arbeitsplätze exportiert und noch mehr soziale Umbaumaßnahmen ein- geleitet werden.
Also, laßt es euch sagen, ihr Pauker, Eltern und Schüler: Jetzt sind Lean Management, Lean Production, Lean Administration und Lean Evaluation angesagt. Schule muß abspecken. Wer nicht "lean" ist, ist nicht "in". Sonst wird das nichts mit dem Rohstoff "Geist". Dementsprechend "lean" - vulgo: dünn - sind die Analysen und Programme unserer schulpolitischen Generalisten.
Bei einem Bildungsminister, dessen Kompetenzen freilich auch reichlich "lean" sind, hört sich das seit Herbst 1996 verstärkt so an: Die Schule sei schuld daran, daß Deutschland zu wenig Ingenieure habe. Oder: Der Berufsschulunterricht sei ein Ausbildungshemmnis; er sei zu lang und schuld an der Lehrstellenmisere. Also weg mit der Hälfte des Berufsschulunterrichts! Aber: Jedes Jahr verließen zehn Prozent der Schüler ihre Schule ohne Abschluß und ohne Ausbildungsreife.
Eine weitgereiste Parlamentspräsidentin tauscht im Oktober 1996 souverän Ursache und Wirkung aus: Die Schule heute sei eines der großen Problemfelder der Gesellschaft, und das gegenwärtige schulische Klima habe dazu geführt, daß jeder auf seine Rechte poche, von Pflichten aber nichts wissen wolle.
Zwei Beispiele für das "Haltet-den-Dieb!"-Muster hoher Politik! Die Magazine und Gazetten machen das mit: Da ist mit der Regelmäßigkeit und Suggestivkraft von Litaneien die Rede vom "Tollhaus Schule", vom "Kampfplatz Schule", vom "Alptraum Schule", von "Nie wieder Schule!", von schulischem "Pauk- und Wegwerfwissen".
Und da sind auch noch die Lehrer: "Lehrer- Leistung: Mangelhaft", "Freizeitpark Schule", "Deutschlands faulster Lehrer ", "Die Paradiesvögel der Nation", "Lehrer - satt und festgefahren" - so heißt die unendliche Fortsetzungsgeschichte.
Als müßte er gekrampft noch mehr Schlagzeilen produzieren, erklärt ein norddeutscher Ministerpräsident mit automobilem Durchblick im Juni 1996 in einem Gespräch mit einer Schülerzeitung Lehrer zu "faulen Säcken": "Also Freunde, Ihr wißt doch ganz genau, was das für faule Säcke sind. Die lassen lieber alle Fünfe gerade sein, was ihre eigenen Dienstleistungen angeht."
Der Generalsekretär einer 3-Pünktchen- und 5-Prozent-Partei macht auf witzig: "Es gibt schon einen Grund, warum immer weniger Jugendliche zu den Veranstaltungen der Grünen gehen: Die möchten nicht auch noch die Abende mit ihren Lehrern verbringen."
Ein gequälter Fernseh-Kabarettist ist besorgt um die theologischen Kenntnisse junger Leute. Er versucht zu eruieren, was Schüler denn vom Karfreitag wüßten. Antwort: "Daß Lehrer an diesem Tag Ferien haben."
Am letzten Tag der Sommerferien 1996 übertrifft sich eine große süddeutsche Zeitung in einem "Streiflicht" selbst: "Gisela, Heiner, Sepp und Christl fahren gern durch die Welt, mindestens einmal pro Jahr. Sie haben Zeit, und sie können es sich leisten. Sie sind nämlich Lehrer....Und dann stellen sich auch noch so diffizile Fragen: Kann man in den Weihnachtsferien vom Klima her nach Irian Jaya fahren? Muß man zu Ostern die Fähre nach Korfu reservieren? Reichen vier Wochen im Sommer für Tansania und Simbabwe aus? Kein Zuckerlecken dieser Beruf, wahrlich."
Kein Kalauer ist der Politik und der Publizistik abgegriffen genug, um nicht noch weiter abgelutscht zu werden.
Da könnte man, hielte einen nicht die Ehrfurcht vor unseren Staats- und Meinungslenkern zurück, glatt auf die Idee kommen zu vermuten, es könnte auch unter Ministerpräsidenten und Publizisten "faule Säcke" geben, die ihre Hausaufgaben nicht immer und nicht immer zur vollen Zufriedenheit erledigen.
Sagt ein Ministerpräsident tatsächlich einmal etwas Positives über Lehrer, so ist das keiner Zeitung eine Meldung wert. Oder hat jemand gelesen, was der Bayer Stoiber im November 1996 besorgt äußerte: Angesichts der enormen Leistungen, die der Lehrerberuf abverlange, stimme nachdenklich, wie leichtfertig und abfällig häufig in der Öffentlichkeit über die Arbeit der Lehrer geurteilt werde?
Woher kommt es, daß jeder über Schule und Lehrerberuf mitredet? Der Lehrerberuf ist wie kaum ein zweiter ein öffentlicher Beruf. Was ein einziger Lehrer an einem einzigen Vormittag tut, kann an 200 Mittags- oder Abendtischen Thema sein. Und wenn man keine eigenen Kinder in der Schule hat, dann kennt man sicher einen, der ein "typisches" Exemplar der Spezies Lehrer kennt. Da läßt man sich nichts vormachen. Und deshalb "weiß" man auch, was in Schule so läuft: Da werden ein paar 45-Minuten-Stunden heruntergerissen, dann gehen die mit 4.000 bis 9.000 Mark brutto bestbezahlten und mit 12 Wochen Ferien bestbehüteten Halbtagsjobber und baldigen Frühpensionisten um 12.00 Uhr oder spätestens um 13.00 Uhr in den Feier- abend, um Tennis zu spielen - vorausgesetzt, man hat nicht ohnehin schon wieder einmal Ferien; in diesem Fall jagt man, nachdem man sich über die "ärmlichen" Bezüge auf dem jüngsten Besoldungzettel ausgelassen hat, dem weißen Ball schon um 10 Uhr vormittags nach, und das, während andere bereits drei Stunden Maloche am Fließband oder im Büro hinter sich haben.
Noch besser informiert sind manche Politiker, verfügen sie doch vor allem als Ex-Schüler von Amts wegen über schulisches Insiderwissen. Da kann man dann schon mitschwadronieren, wenn es um Bildungs- und Erziehungsziele, um Lernmethoden und Fachfragen, um Lehrerbelastungen und Lehrerbesoldung geht.
Vor allem sollen die Lehrer
doch bitte endlich einmal auslöffeln, worum sich die Politik nun tatsächlich
nicht auch noch kümmern kann. Als Entsorger oder als Müllkippe
für alle möglichen gesellschaftlichen und familiären Probleme
taugt Schule allemal. Schließlich müssen sich Lehrer ja den
akuten Herausforderungen stellen: der geistigen Umweltverschmutzung des
Fernseh- und Videoangebots als Medienerzieher; der Langeweile als Freizeitanimateure;
dem Rauchen, Trinken und Kiffen als Gesundheitserzieher; dem Ozonloch als
Umwelterzieher; der Ausländerfeindlichkeit und den globalen Konflikten
als Friedenspädagogen; den seelenfangenden Sekten als Warner; dem
HIV-Virus als AIDS-Aufklärer. Dafür zahlt man ja üppige
Steuern und daraus nicht minder üppige Lehrergehälter!
Und weil alle Lehrer Tausendsassas
sind, erlaubt sich die Politik nahezu tagtäglich, noch einen draufzusetzen.
Unterrichten und erziehen, das soll ab sofort mit immer schwieriger gewordenen
Schülern, in Klassen mit immer mehr Schülern, in immer kürzerer
Wochenunterrichtszeit, in immer weniger Schuljahren, mit immer mehr Pflichtstunden
pro Einzellehrer zu immer höherer, "europatauglicher" Qualifikation
führen. Schön verpackt ist das alles in "neue" Arbeitszeitmodelle,
die Zeitsouveränität
vortäuschen, tatsächlich Ausbeutung von gutem Willen und von
Gesundheit bedeuten.
Daß Lehrer auch noch Beamte sind, kommt besonders gelegen: Altersgrenze rauf! Altersermäßigung runter! A 10 reicht für Lehrer! Fachhochschulstudium auch! Und Beamte brauchen Lehrer schon gar nicht zu sein! Und das mit den Regelbeförderungen alle zwei Jahre ist auch ein Saustall!
Mit zwei Dritteln A 12 läßt sich ordentlich leben. Das meint schon mal ein Ministerpräsident eines besonders kleinen Flächenlandes. Also her mit der Einstellungs- und Zwangsteilzeit, meint er, dem übrigens nicht aufgefallen war, daß er neben seinem MP-Gehalt rund 100.000 Mark aus seiner früheren OB-Tätigkeit zu Unrecht erhalten hatte.
Plumper Populismus, wohin man sieht! Fast so plump wie die Behauptung, eine übervolle Schulklasse sei anstrengender als ein leeres Parlamentsplenum!
Hier von Stammtischniveau zu sprechen, wäre Beleidigung für Stammtische. Dort wird Schule oft differenzierter und ehrlicher diskutiert als in den Interview- und Meinungsspalten der Zeitungen.
Ist das Motiv für all die Besserwisserei und Diffamierung vielleicht ein Rachemotiv? Laut ALLENSBACH von 1996 jedenfalls hat die Bevölkerung vor einem Studienrat und vor einem Journalisten mit 17 Prozent Achtung, vor einem Politiker 12 Prozent.
Was bleibt? Gottlob würden
80 Prozent der Lehrer diesen Beruf dennoch wieder ergreifen. Und merke:
Schule ist gottlob besser, als es so manche Politik überhaupt zuläßt!
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