DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der BAYERISCHEN STAATSZEITUNG vom 18. März 2005

Personalplanung mangelhaft!

Von Josef   K r a u s

 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

„Landvermesser und Förster werden Lehrer“ – „Eltern unterrichten“: Schlagzeilen dieser Art wollen nicht mehr abreißen. Tatsächlich wächst hier ein Problem heran, das die Nation in Kürze mehr beschäftigen dürfte als das Abschneiden unserer Schüler bei internationalen Tests. Faktum ist: Die vorhandenen Bewerber reichen nicht mehr aus, um den Lehrerbedarf in allen Bereichen abzudecken.

Der Lehrerbedarf ist zunächst eine Abhängige der Zahl der Schüler, sodann abhängig von politisch-administrativen Setzungen, das heißt von der Zahl der Unterrichtsstunden pro Woche und Klasse, von der Größe der Klassen und von den Arbeitszeitregelungen für Lehrer. An der Stundenzahl, an der Klassengröße und an der Lehrerarbeitszeit kann man herummanipulieren: Senkt man die Zahl der Unterrichtsstunden pro Woche um eine, erhöht man die durchschnittliche Klassengröße um nur einen Schüler oder verpflichtet man die Lehrer zu einer Wochenstunde Unterricht mehr, so reduziert man den Lehrerbedarf mit jeder einzelnen dieser Maßnahmen um drei bis fünf Prozent. In der Vergangenheit ist man in den meisten Bundesländern so vorgegangen und hat sich damit bis an das Ende der jeweiligen Legislaturperiode gerettet.

Aus dem Blickfeld ist geraten, dass der Bedarf an nachrückenden Lehrern auch von der Altersstruktur der aktiven Lehrerschaft abhängt. Je mehr Lehrer aber aus dem Dienst ausscheiden, desto größer der Ersatzbedarf. Das ist das Problem der kommenden Jahre. Die aktive Lehrerschaft in Deutschland hat mittlerweile in den weiterführenden Schulen ein Durchschnittsalter von annähernd 50 Jahren erreicht. Bei einem belastungsbedingt durchschnittlichen Ruhestandsalter von 60 Jahren heißt das: Vierzig Prozent der 800.000 deutschen Lehrer (Bayern: 105.000) werden in den kommenden zwölf Jahren in den Ruhestand treten. Das heißt auch: Bis 2017 sind – selbst bei leicht rückläufigen Schülerzahlen – mindestens 300.000 Lehrer (Bayern: fast 40.000) aus Altersgründen zu ersetzen.

Die für diesen Ersatz notwendigen Bewerber wird es nicht geben. Ein wichtiger Grund ist: Der Lehrerberuf ist nicht mehr attraktiv für karriereorientierte junge Leute. Materiell ist er - abgesehen von der Arbeitsplatzsicherheit - nicht attraktiv, weil er wenig Leistungsanreize bietet. Man steigt in Besoldungsgruppe A12 ein und bleibt Jahrzehnte dort; oder man steigt in A13 ein und schließt allenfalls in A14 ab. Damit hat sich’s. Noch weniger attraktiv ist die Perspektive, als Referendar im Lebensalter von knapp 30 Jahren mit monatlich eintausend Euro zurechtkommen zu müssen; das Ganze womöglich mit der Perspektive, dann einen befristeten Aushilfsvertrag zu ergattern.

Auch sonst muss man sich nicht wundern, wenn weniger junge Leute Lehrer werden wollen. Abiturienten, die als Lehramtsaspiranten in Frage kämen, wissen, was Lehrer zu sein heute bedeutet. Angesprochen, ob sie sich vorstellen könnten, „auf Lehrer“ zu studieren, kommt es schon vor, dass sie sich selbst den „Vogel“ zeigen und antworten: Ich will mich doch nicht mit einem Volk herumschlagen, wie wir das dreizehn Jahre lang waren. Bei potentiellen Anwärtern ist zudem bekannt, dass ein wachsender Teil der Elternschaft nicht nur berechtigte Ansprüche an die Benotung ihrer Kinder stellt, sondern Noten oder erzieherische Maßnahmen der Schule in manchmal blindem Glauben an Begabung, Fleiß und Rechtschaffenheit ihrer Kinder anficht oder mit dem Anwalt droht. Es kommt hinzu, dass Politik und Gesellschaft, wenn sie meinen, irgendwelche Missstände ausgemacht zu haben, vor allem an Schule denken, um von ihr noch eine und noch eine pädagogische Maßnahme mehr zu verlangen.

Die wohl größten Barrieren für potentielle Bewerber zum Lehrerberuf sind mentale, ideelle – und typisch deutsche. In Deutschland ist es üblich, dass sich bald jeder, der einmal Schule besucht hat oder zumindest einen kennt, der Schule besucht hat, über Lehrer auslässt. Beispiele: Am 29. März 1995 gibt der damalige niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder der Schülerzeitung „Die Wühlmaus“ des Zevener St.-Vit-Gymnasiums ein Interview. Von Lehrern meint er zu wissen, „dass sie lieber alle Fünfe gerade sein lassen, was ihre eigenen Dienstleistungen angeht.“ In diesem Kontext kommt dann der berühmte Satz: „Also Freunde, Ihr wisst doch ganz genau, was das für faule Säcke sind.“ Ähnliche Kalauer sind verbürgt von Kurt Beck, dem Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, und von Günther Oettinger, dem designierten Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Oder: Im Frühjahr 2002 antwortete ein Abgeordneter in einem Untersuchungsausschuss auf die Frage, warum er bestimmte Spendenpraktiken nicht mit seinem Schatzmeister besprochen habe: „Das konnte man nicht. Das war kein Mensch, das war ein Lehrer.“ Volkes Stimme schließt sich solchen Urteilen an. Unter 17 untersuchten Berufen rangieren laut Institut für Demoskopie Allensbach (1996 bzw. 2001) die Grundschullehrer gerade noch auf Rang 11 bzw. 6 und die Studienräte auf Rang 13 bzw. 14. Schlechter stehen nur noch Politiker, Gewerkschaftsführer und Buchhändler da.

Insgesamt wäre - anders als in der freien Wirtschaft - der Personalbedarf der Schulen gut prognostizierbar. Die entscheidenden Variablen sind auf Jahrzehnte hinaus bekannt (Altersstruktur der Lehrerschaft), zumindest aber auf zehn Jahre hinaus (Zahl der Schüler und Lehramtsstudenten). Die freie Wirtschaft hat Planzahlen dieser Zuverlässigkeit nicht. Hätten Siemens und Daimler-Chrysler mit in der Summe ebenfalls rund 800.000 Beschäftigten eine vergleichbar mangelhafte Personalpolitik betrieben, sie wären keine Weltfirmen mehr.


© 2005 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24  DL-Home Seitenanfang