DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - PRESSEERKLÄRUNG
Bonn, 9. April 2003
Deutscher Lehrerverband (DL):
"IGLU taugt nicht für die Neuauflage von schulpolitischen Ladenhütern"
- "IGLU-Ergebnis nicht schönreden und PISA-Ergebnis nicht schlechtrechnen!"
Der Deutsche Lehrerverband (DL), dem über vier Fachverbände 160.000
Lehrer der Gymnasien, Realschulen und beruflichen Schulen angehören,
hat davor gewarnt, die internationale Grundschulstudie IGLU für die
Neuauflage von schulpolitischen Ladenhütern zu missbrauchen. In einer
ersten Analyse der IGLU-Ergebnisse und der jüngsten politischen Stellungnahmen
erklärte Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes:
„1. Die IGLU-Ränge und die PISA-Ränge sind nicht miteinander vergleichbar.
Es hat keinen Sinn, das deutsche IGLU-Ergebnis schönzureden. Insgesamt
waren nur 15 Nationen zugleich an PISA und an IGLU beteiligt; das ist jeweils
weniger als die Hälfte der einzeln an einer der Studien beteiligten
Länder. Allein dies ergibt Verzerrungen beim Vergleich von Rangplätzen.
Zudem stehen mehrere PISA-Länder auf der IGLU-Skala um bis zu elf Rangplätze
schlechter bzw. um bis zu 23 Rangplätze besser da. Bei PISA wurden ferner
Fünfzehnjährige unabhängig von der besuchten Klasse getestet,
bei IGLU Viertklässler unabhängig vom Lebensalter. Da deutsche
Schüler im internationalen Vergleich deutlich später eingeschult
werden, hängen die bei PISA getesteten deutschen Schüler schulisch
hinterher, während die bei IGLU Getesteten älter sind als ihre
Klassenkollegen in anderen Ländern. Wäre bei PISA ebenfalls nach
Klassen getestet worden, hätten die Deutschen besser, und wäre
bei IGLU nach Alter getestet worden, hätten die Deutschen schlechter
abgeschnitten. Aus den unterschiedlichen deutschen PISA- bzw. IGLU-Rängen
Schlussfolgerungen zu ziehen, ist, zumal sich die mittleren Rangplätze
in ihren Leistungswerten kaum voneinander unterscheiden, absolut unwissenschaftlich
und naiv.
2. IGLU ändert
nichts an der Tatsache, dass das nach vier Grundschuljahren differenzierende
gegliederte Schulsystem in Deutschland eindeutig das gegenüber integrativen
Ansätzen überlegene ist. Aus der Luft gegriffen ist deshalb eine
mit IGLU begründete Forderung nach einer Verlängerung der Grundschulzeit.
Gegen diese schulpolitischen Vorstellungen sprechen eindeutige Fakten: Erstens
sind alle deutschen Modelle einer verlängerten Grundschule, einer integrierten
Orientierungsstufe und einer Gesamtschule gescheitert; die nationale empirische
Schulforschung bestätigt dies seit Jahrzehnten einhellig. Zweitens haben
in PISA mit Bayern und Baden-Württemberg diejenigen Bundesländer
im innerdeutschen Vergleich am besten abgeschnitten, die nach vier Grundschuljahren
eine klare Schuldifferenzierung praktizieren.
3. Enttäuschend
ist, dass bei IGLU ähnlich wie bei PISA erneut nicht alle Ergebnisse
sofort auf den Tisch gelegt werden. Dass es innerdeutsch auch bei IGLU ein
erhebliches Leistungsgefälle gibt, ist zu erwarten. Die wissenschaftliche
und politische Transparenz hätte es geboten, dass klipp und klar gesagt
wird, welche Bundesländer bei IGLU vorne und welche hinten liegen. Da
dies nicht geschah, ist zu vermuten, dass sich in IGLU die Ergebnisse der
letzten größeren innerdeutschen Grundschulstudie von 1992 bestätigten,
nämlich dass es bei IGLU innerdeutsch - wie bei PISA - ein eindeutiges
Süd-Nord-Gefälle gibt.“
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Für den Inhalt verantwortlich: Waltraud Fuchs, DL
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