DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - PRESSEERKLÄRUNG
Bonn, 23. April 2003
Zum Jahrestag von "Erfurt"
Lehrer veröffentlichen Denkschrift zur Jugendgewalt
- "Schulen dürfen in Sachen Gewalt nicht alleine gelassen werden."
- "Gemischte Bilanz zwölf Monate danach"
- "Jungen Menschen berufliche Perspektiven eröffnen!"
Zum ersten Jahrestag
des Massenmordes, dem am 26. April 2002 am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt
16 Menschen zum Opfer fielen, hat der Deutsche Lehrerverband (DL) eine Denkschrift
veröffentlicht; sie trägt den Titel „Gewalt unter Heranwachsenden
- Der präventive Beitrag von Erziehung und Bildung“ und ist unter der
Internetadresse www.lehrerverband.de
allgemein zugänglich. In der zwölfseitigen Schrift betonen der
DL und seine vier Mitgliedsverbände der Philologen, der Realschullehrer
sowie der Lehrer an beruflichen und an Wirtschaftsschulen, dass der Gewaltbereitschaft
junger Menschen nur dann wirksam begegnet werden könne, wenn Politik,
Medien, Jugendarbeit und Elternhäuser an einem Strang zögen und
die Schulen bei diesem Problem nicht allein gelassen würden. Zugleich
weisen die Lehrer mit Nachdruck darauf hin, dass es absolute Sicherheit nicht
geben könne und dass es die wirksamste Maßnahme gegen Gewalt sei,
wenn in der Gesellschaft eine „Kultur des Hinhörens“ und ein „soziales
Frühwarnsystem“ entstünden.
Verbandspräsident
Josef Kraus zieht ansonsten zwölf Monate nach „Erfurt“ eine „gemischte
Bilanz“: „Auf der einen Seite hat sich manches getan. Die meisten der 40.000
Schulen in Deutschland haben in enger Abstimmung mit der Polizei Sicherheitskonzepte
entwickelt und beispielsweise Evakuierungspläne für den Fall eines
Terroranschlages oder eines Amoklaufes erarbeitet. Erfreulich ist auch die
seit 1. April 2003 wirksame Verschärfung des Waffenrechts; danach sind
jetzt unter anderem auch Butterflymesser, Wurfsterne und Faustmesser verboten.
Auf der anderen Seite hat sich bei der Gewaltdarstellung in den Medien nichts
getan. Unsere Heranwachsenden sind in Videos, in Computerspielen und auch
im Fernsehen nach wie vor einem Bombardement an Gewalt ausgesetzt; die Wirkungen
dieses Bombardements werden nach wie vor unterschätzt.“
Die Stimmung in den
Lehrerzimmern schätzt Kraus so ein: „Viele Lehrer sind ängstlicher
geworden. Es fehlt ihnen mehr und mehr an der Unbefangenheit, die für
Bildung und Erziehung eigentlich notwendig wäre. Zur Sorge um die Sicherheit
in der Schule kommt die Verärgerung über die ungebrochene Neigung
großer Teile der Politik und der Öffentlichkeit, Lösungen
für alle möglichen gesamtgesellschaftlichen Probleme immer nur
von den Schulen zu erwarten und Schule allein für schlechte Leistungsbilanzen
verantwortlich zu machen.“
Mit Blick auf die
bevorstehende Lehrstellenmisere des Jahres 2003 appelliert Kraus auch an
die Wirtschaft: „Ein maßgeblicher Auslöser jugendlicher Gewalt
kann eine fehlende berufliche Perspektive sein. Deshalb bedarf es noch großer
Anstrengungen auf dem Lehrstellenmarkt, damit Jugendliche nicht das Gefühl
vermittelt bekommen, dass diese Gesellschaft sie nicht haben wolle und es
deshalb zulässig sei, auf diese Gesellschaft draufzuschlagen.“
_________________________________________
Für den Inhalt verantwortlich: Waltraud Fuchs (DL)
|
Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn -
Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24 |   |