DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

DeutschlandRadio Berlin - Politisches Feuilleton - 26. November 1999

Für einen europäischen Patriotismus

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Denkt der Normalbürger an Europa, so denkt er an Brüsseler Bürokratie, an Subventionsskandale, an Milchquoten, an genormte Traktorensitze und viele andere Ärgernisse mehr. Die Politik ist daran nicht unschuldig. Denn mit ihrem Handeln suggeriert sie, treibende Kraft der europäischen Einigung sei allein das Ökonomische.

Europäische Identität oder ein europäisches Wir-Gefühl stiftet solche Politik nicht, denn die rein wirtschaftliche Ausrichtung der europäischen Frage lässt vergessen, dass "Europa" als Idee kulturstiftend wirkte.

Um Europa als Idee, als Angebot bei der Identitätssuche, als Geschichts- und Kulturraum aber muss es gehen, wenn dieses Europa sich in den Köpfen und Herzen seiner Bürger verankern soll.

Leitidee kann hier ein Bekenntnis des spanischen Philosophen Ortega y Gasset sein. Dieser schrieb im Jahr 1929: "In uns allen überwiegt der Europäer bei weitem den Deutschen, Spanier, Franzosen ...; vier Fünftel unserer inneren Habe sind europäisches Gemeingut."
 

Europäisches Gemeingut, gibt es das? Falls ja, was ist das?

Natürlich gibt es europäisches Gemeingut.
 
Es ist dies das über Jahrtausende hinweg immer wieder erstarkte europäische Bewusstsein in Phasen äußerer Bedrohung.
>Es ist dies der gemeinsame Widerstand gegen Hegemoniebestrebungen aus dem  Kreis der europäischen Staaten.
>Es ist dies die führende Rolle von Städten und Bürgern.
>Es ist dies die hohe Wertschätzung von Arbeit und Leistung.
>Es ist dies die Verschmelzung von Antike, Judentum, Christentum und germanisch-keltisch-slawischen Kulturen.

Und dieses Europa hat identifizierbare, gemeinsame Wurzeln: in der Antike, im Mittelalter, in Renaissance und Humanismus, in Reformation und Gegenreformation, in der Aufklärung, in Europas großen Revolutionen.

Der griechische Staatspräsident Konstantinos Karamanlis bringt es anders auf einen Nenner: Europäische Zivilisation ist die Synthese des griechischen, römischen und christlichen Geistes. Zu dieser Synthese hat der griechische Geist die Idee der Freiheit, der Wahrheit und der Schönheit beigetragen; der römische Geist die Idee des Staates und des Rechts und das Christentum den Glauben und die Liebe.

Wer so denkt, dem liegt der Stolz auf das Europäische nicht fern. Wer so denkt, der wird auch bereit sein, sich als Europäer, als europäischer Patriot zu fühlen.
 

Was macht einen europäischen Patriotismus sonst noch aus?

Europäischer Patriotismus hat mit persönlichem Einsatz für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu tun, also auch mit antitotalitärem Grundkonsens.

Europäischer Patriotismus hat mit innerem Frieden zu tun. Was für zwischenmenschliche Beziehungen gilt, das gilt auch für internationale: Wer sich selbst nicht ausstehen kann, der ist sogar für andere unausstehlich und unberechenbar. Damit ist ein europäischer Patriotismus - entgegen der Attitüde von einer Festung Europa - auch die Voraussetzung eines ideellen Weltbürgertums der Offenheit und der Toleranz: einer Offenheit und einer Toleranz übrigens, die erst einmal einen eigenen Standpunkt, Identität und Selbstbewusstsein voraussetzen.

Wie wirksam diese Ideale sind, bewiesen gerade vor exakt zehn Jahren die mittelost-europäischen Länder des ehemaligen Ostblocks. Die geistige Zugehörigkeit des östlichen Europas zur Idee Europa und zur gemeinsamen Geschichte Europas hat Vàclav Havel anlässlich der Verleihung des Karlspreises am 9. Mai 1991 in Aachen treffend zum Ausdruck gebracht, als er sagte: "Indem wir uns heute zum Westen bekennen, bekennen wir uns vor allem zu einer bestimmten Zivilisation, zu einer bestimmten politischen Kultur, zu bestimmten geistigen Werten und universellen Prinzipien. Dabei geht es um eine Zivilisation, um eine Kultur und um Werte, die wir als die unseren empfinden, weil wir lange Jahrhunderte hindurch an ihrer Schaffung beteiligt waren ... Es geht ... um unsere Sehnsucht, nach Jahrzehnten auf den Weg zurückzukehren, der einst auch der unsere war."
 

Was muss geschehen?

Kluge Politik täte gut daran, nichtmaterielle, nichtökonomische Elemente zum Bestandteil eines breiten gemeinsamen europäischen Zusammenhalts zu machen. Denn: Europa ist auch bislang nicht gewachsen durch bürokratische Akte, sondern es ist in historischen Prozessen gewachsen. Das gilt auch für die Zukunft: "Europa kann man nicht bauen, wie man ein Haus baut. Europa muss wachsen wie ein Baum." So hat es Konrad Adenauer einmal zum Ausdruck gebracht. Dabei spielen Kultur, Bildung und Erziehung eine maßgebliche Rolle. Dies meinte ein anderer großer Europäer, Jean Monet, als er Bilanz zog: "Wenn ich heute den Aufbau Europas in Angriff nähme, würde ich mit der Kultur beginnen."

"Europa" ist also vor allem eine Aufgabe von Bildung und Erziehung, denn nachwachsende Generationen brauchen stets Impulse zur Entwicklung von Identität. Dazu gehört es, dass die Jugend europäische Identität einerseits sowie nationale Identität und heimatliche Verbundenheit andererseits nicht als Gegensätze, sondern als Ergänzung sieht und erlebt. Das gilt zumal für Deutschland, dem Land mit der besonderen Rolle in der Mitte Europas. Kurz: Die Jugend sollte die "Sprache" der europäischen Kultur vermittelt bekommen.

Bislang jedoch hat das Thema "Europa" trotz einer Empfehlung der Ständigen Konferenz der Europäischen Erziehungsminister "Die europäische Dimension im Bildungswesen" vom 17. Oktober 1991 immer noch zu wenig Eingang in Bildungspläne gefunden. Zwar weisen die Fächer Geschichte, Politik/Sozialkunde, Erdkunde/Geografie oder Ökonomie/Wirtschaft das Thema "Europa" aus; es überwiegt dabei aber die europäische Einigung nach 1945, und die Kulturgeschichte der Nachbarländer sowie die Behandlung des historisch-kulturellen Europas sind unterbelichtet. Schulbücher in modernen Fremdsprachen beinhalten zu wenig den Vergleich mit anderen europäischen Sprachen sowie landes- und europakundliche Themen.

Hier gibt es viel zu tun. Im Besonderen ist eine stärkere europäische Ausrichtung des Geschichtsunterrichts erforderlich. Auch wenn das inzwischen in 23 Sprachen übersetzte "Europäische Geschichtsbuch" Maßgebliches geleistet hat, ist das Thema "Europa" im Geschichtsunterricht jedoch nach wie vor überwiegend nationalgeschichtlich, zeitgeschichtlich sowie geografisch und zuletzt teilweise zu sehr auf Spezialthemen wie Technik-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte verengt worden. Ähnliches gilt für den Literaturunterricht, der etwa die große Literatur europäischer Nachbarkulturen weitgehend ausblendet. Eine solche Betrachtung aber fördert geistigen Provinzialismus und Partikularismus. Damit aber wird Europa nicht eins.

Europa aber kann eins werden, wenn es uns gelingt, uns und unseren jungen Leuten deutlich zu machen, dass Zukunft Herkunft ist und dass sich europäische Zukunft vor allem aus dem Wissen und dem Spüren um europäische Herkunft nährt.


© 1999 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24DL-HomeSeitenanfang