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Lehrervertreter
rügen die OECD heftig. Deren Bildungsstudie vergleiche Äpfel mit Birnen,
sagt der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, im Gespräch
mit Michael Trauthig.
Getroffene Hunde bellen. Folgen Sie bei Ihrer Kritik an der OECD-Studie nicht schlicht diesem Motto?
Wir Lehrer fühlen uns persönlich nicht geprügelt. Vielmehr stellt die
OECD unser Schulsystem unter Wert da, besonders unser Berufsschulsystem.
Laut der OECD sind deutsche Lehrer zu alt.
Man kann nicht den Lehrern die Schuld dafür geben, dass sie im Durchschnitt
wesentlich älter sind als in anderen Ländern. Dies zeigt vielmehr, dass die
deutsche Politik versagt hat. Seit Jahren beklagen wir, dass alle Bundesländer
eine miserable Personalpolitik betreiben. In den nächsten zehn Jahren werden
mehr als 300 000 Lehrer in den Ruhestand gehen. Diese werden wir vermutlich
nicht komplett ersetzen können. Die Politik hat es versäumt, den Beruf des
Pädagogen für Abiturienten attraktiv zu machen.
Attraktiv könnte aber der von der OECD thematisierte gute Verdienst erscheinen.
Das ist sehr verkürzt. Zunächst gilt im internationalen Vergleich, dass
nicht nur deutsche Lehrer relativ gut abschneiden, sondern alle anderen Berufe
- vom Pastor bis zum Industriearbeiter. Überdies sind Lehramtsanwärter schlecht
bezahlt. Sie verdienen zwischen 950 und 1000 Euro im Monat. Ein Hochschulabsolvent
bekommt also weniger als ein Lehrling am Bau im dritten Lehrjahr.
Dafür winkt aber relativ viel Freizeit.
Dieses Vorurteil wird auch nicht richtiger dadurch, dass es immer wieder
gepflegt wird. Laut der OECD-Studie sind deutsche Lehrer überdurchschnittlich
stark belastet. Ein Gymnasiallehrer muss etwa 750 Vollzeitstunden jährlich
unterrichten. Dazu kommen bis zu 1000 Stunden für Korrekturen und Prüfungen,
Vorbereitungs- und Konferenzzeiten nicht mitberechnet. Diese Zusatzarbeit
blieb bei der OECD-Studie außen vor.
Auch in anderen Ländern sind Arbeiten zu korrigieren.
Dennoch fällt der Aufwand völlig unterschiedlich aus. Das Prüfungssystem
ist in Deutschland hoch differenziert. So gibt es bei uns mit dem Abitur
Schulabschlussprüfungen. In anderen Ländern fehlt eine solche Prüfung vielfach,
stattdessen testen die Hochschulen selber ihre Bewerber.
Finnische Lehrer erhalten laut OECD weniger Geld, die Schüler sind laut Pisa besser.
Auch hier hinkt der direkte Vergleich. Finnische Lehrer können sich
viel intensiver um den einzelnen Schüler kümmern, weil es Hilfspersonal gibt:
Schulpsychologen, Sozialpädagogen, Förderlehrer. Die Finnen geben wesentlich
mehr Geld für Bildung aus und haben weniger Migranten zu integrieren.
Wir brauchen an deutschen Schulen also weniger Prüfungen und mehr Personal?
Wir brauchen in jedem Fall zusätzliches Personal, um den schwächeren
Schülern zu helfen. Insgesamt müsste mehr Geld in das Bildungssystem fließen.
Mit diesem frommen Wunsch angesichts der leeren Kassen liegen Sie ganz auf OECD-Linie. Warum dann die Kritik?
Die OECD empfiehlt, die Studier- und die Abiturientenquote anzuheben.
Dabei kann sie sich aber nicht auf aussagekräftige Daten beziehen. Sie vergleicht
Äpfel mit Birnen. Wir haben in Ausbildungsgängen des beruflichen Bildungswesens
Qualifikationen, die andernorts als Hochschulabschluss gelten.
Zum Beispiel?
In Finnland und den Vereinigten Staaten gilt die Ausbildung zur Krankenschwester
als Hochschulabschluss. Kein Wunder, dass diese Länder auf höhere Studierquoten
kommen. Hierfür trägt auch die Politik Verantwortung. Sie tritt nicht energisch
genug dafür ein, dass deutsche Abschlüsse international entsprechend anerkannt
werden.
Deutschland ist international aber
auch zurückgefallen, wenn man Abiturienten und die Absolventen einer
Lehre mitzählt?
Die sinkende Ausbildungsquote kann man nicht der Schule anlasten. Für
den Lehrstellenmangel ist die Wirtschaft verantwortlich. Ich wehre mich nur
gegen den von der OECD behaupteten Zusammenhang zwischen Wirtschaftskraft
und Studierquote.
Fehlen in Deutschland keine Fachkräfte, Ingenieure, Informatiker?
Doch, aber gleichzeitig haben die Bundesländer mit den niedrigsten Abiturienten-
und Studierquoten - Bayern und Baden-Württemberg - wirtschaftlich die Nase
vorn.
Zumindest Baden-Württemberg klagt aber auch über Rezession.
Dabei fließen viele Faktoren zusammen. Dennoch behaupte ich, dass junge
Menschen, die in den Südländern Haupt- oder Realschulabschluss oder eine
berufliche Bildung haben manchmal besser qualifiziert sind als Gymnasiasten
in anderen Bundesländern. In Süddeutschland haben wir nicht nur die niedrigste
Abiturientenquote, sondern auch die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit.
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