DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der BAYERISCHEN STAATSZEITUNG vom 10. Oktober 2003


Wo die OECD-Bildungsstudie danebenliegt

Es geht um Qualität, nicht um Quote!

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Inhaltsübersicht

Tab 1:

Wirtschafts- und Bildungsdaten ausge-
wählter OECD-Länder


Tab 2:
Studierquoten und Wirtschaftsdaten der
16 Bundesländer


Tab 3:
Studierquoten und PISA-Werte der
16 Bundesländer


Interessante Details aus den Tabellen

Beginnt der Mensch erst beim Abitur?

Berufliche Bildung -  Waisenkind der Politik und der Publizistik









Bis Ende der 90er Jahre hatten die Deutschen mit Untersuchungen zum Bildungswesen wenig am Hut. An repräsentativen und vergleichenden Leistungserhebungen, wiewohl sie zahlreich vorlagen, hatte man kein Interesse; die Ergebnisse hätten ja der Theorie einer sich um jeden Preis reformerisch gebenden Schulpolitik und Schulpädagogik widersprechen können. Seit TIMSS (Third International Mathematics and Science Study, 1996/1997), PISA 2000 (Programme for International Students Assessment) und IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung, 2003) ist das anders. Sobald irgend jemand mit international vergleichender Bildungsstatistik winkt, reagiert die Nation hysterisch. Dabei ist es zumeist so, dass die Ergebnisse solcher Untersuchungen oft genug alte Hüte sind: Längst bekannte Leistungsstudien werden wieder aufgewärmt; neu sind in der Regel nur zahllose Tabellen, die gegenüber dem Vorjahr um ein Jahr fortgeschrieben wurden und mit denen nicht selten und unerschrocken Unvergleichbares miteinander verglichen wird.

So ist es auch geschehen im September 2003: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) hat ihren jährlich erscheinenden, diesmal 512 Seiten starken Jahresbericht mit dem Titel  „Bildung auf einen Blick – OECD-Indikatoren 2003“ auf den Markt gebracht. Viele Jahre lang haben sich um diesen Bericht allenfalls ein paar Insider gekümmert, ehe er dann auf Nimmerwiedersehen in den Aktenordnern der Schulpädagogik, Schulpolitik und Schuladministration verschwand. Jetzt aber, im krampfhaften Bemühen, den sog. PISA-Schock zu reanimieren, greift sich die „veröffentlichte“ Meinung ein paar Details heraus, um wieder so richtig auf Katastrophenstimmung machen zu können. Vor allem kaprizierte man sich darauf, dass es Deutschland angeblich deshalb so schlecht gehe, weil es zu wenig Akademiker habe.

Der auf die OECD-Studie 2003 folgende öffentliche Aufschrei hatte zwar in der Presse nur eine kurze Halbwertszeit. Aber laut genug war einmal mehr die jetzt vermeintliche OECD-amtliche statistische Untermauerung der Uralt-Klage um die angeblich zu geringe Abiturienten- und Studierquote in Deutschland. Hatten bislang vor allem sozialdemokratische Bildungspolitiker ihr Lamento um die zu wenigen Abiturienten allenfalls dogmatisch hinausposaunen können, so liefert ihnen die jüngste OECD-Studie vermeintliche statistische Argumentationshilfe.

Und so traten sie denn an: Für die Bundesregierung war die OECD-Studie erneut Anlass zum Appell, alles zu unternehmen, um die Studienanfängerquote in Deutschland zu steigern; Deutschland erreiche hier ja – bezogen auf alle Schulabsolventen - nur 32 Prozent gegenüber beispielsweise Finnland mit 72 und Schweden mit 69 Prozent. Für die Wirtschaftsverbände war der OECD-Vergleich 2003 erneut Gelegenheit, um über die nachlassende Qualität der deutschen Schulabsolventen und die zu niedrige Studierquote zu klagen; nicht die Rede war aus dieser Ecke vom Versagen der Wirtschaft bei der Bewältigung der Lehrstellenmisere mit ihren im Herbst 2003 über 100.000 noch stellensuchenden Jugendlichen. Gewerkschaften gefielen sich in der Forderung, die Studierquote in Deutschland müsse „in kürzester Zeit wenigstens verdoppelt“ werden. Und das Gros der Zeitungen betete all dies brav nach. Angeblich drücke die niedrige deutsche Studierquote das Wirtschaftswachstum, so war von Garmisch bis Flensburg, von Aachen bis Görlitz zu lesen. Gottlob – wenn auch zu wenig beachtet – hielten wenigstens die für Schule Verantwortlichen in Österreich, in der Schweiz sowie die Kultusministerien von Baden-Württemberg, Bayern und Hessen dagegen und warfen der OECD vor, keine Ahnung vom deutschen Bildungswesen zu haben.

Verantwortlich für die hanebüchenen Darstellungen ist zunächst die OECD selbst. Sie ist es, die Vergleiche anstellt, die jeder Seriosität spotten: Sie vergleicht nämlich quer durch die Staaten der OECD und darüber hinaus „Hochschule“ miteinander, wiewohl es kein Land mit vergleichbaren Hochschulsystemen gibt. Zudem vergleicht sie hochselektiv Bildungsstatistiken mit einseitigen Wirtschaftsparametern. Am Ende blieb leider nur die Aussage: Je höher der Studentenanteil, desto größer das Wirtschaftswachstum.

Dieser Zusammenhang wird aber in keinem Fall von der Statistik getragen. Kurz: Es gibt keinerlei signifikante Korrelation zwischen Studierquote und Wirtschaftskraft. International und innerdeutsch gibt es Länder mit höherer Studierquote und recht ungünstigen Wirtschaftsdaten, und es gibt international wie auch innerdeutsch Länder mit niedrigen Studierquoten und sehr guten Wirtschaftsdaten.

Die Bedingungen für die wirtschaftliche Stärke eines Landes sind außerdem hochkomplex, sie können nicht monokausal auf eine einzige bildungsökonomische Zahl, hier die Studierquote, zurückgeführt werden. Zu den Bedingungen wirtschaftlicher Prosperität gehören schließlich der Reichtum eines Landes an natürlichen Ressourcen, seine Infrastruktur, sein Engagement in Forschung und Entwicklung, seine demographische Struktur, seine Wirtschafts-, Steuer- und Tarifpolitik, die Preisstabilität, das Zinsniveau u.v.a.m. Die Qualifikation der Beschäftigten ist darunter ebenfalls eine feste Größe, aber die Frage nach dem Qualifikationsniveau wiederum darf nicht reduziert werden auf die Studierquote. Vielmehr muss die Frage nach der Qualifikation abseits eines jeden simplen Quotendenkens differenziert für jeden einzelnen Bildungsbereich gestellt werden.

Unergiebig ist auch der Versuch, einen Zusammenhang zwischen Bildungsstatistiken und dem Wirtschaftswachstum herzustellen. Das Wirtschaftswachstum ist für sich allein schon eine sehr relative Größe, die über die Stärke eines Wirtschaftsstandortes wenig aussagt, wenn man das Ausgangsniveau zuvor nicht anhand anderer Parameter (zum Beispiel Bruttoinlandsprodukt/BIP, Beschäftigungsstand, Außenhandelsbilanz) bestimmt. Beispiel Schweiz: Niemand wird bezweifeln, dass die Schweiz eine starke Volkswirtschaft hat; in puncto Wirtschaftswachstum aber liegt die Schweiz – bezogen auf die Jahre 1990 bis 2000 - bei weniger als 0,5 Prozent Wachstum pro Jahr. Umgekehrt hatte Irland zuletzt ein jährliches Wirtschaftswachstum von über 6 Prozent; das ist bei einem Land, das einst zu den Armenhäusern der EG bzw. EU gehörte, allerdings auch leichter zu erzielen als in Ländern, die schon früher ein hohes Niveau hatten.

Tab. 1

Tab. 2

Tab. 3


Interessante Details aus den Tabellen

Beobachtung 1 (siehe Tab. 1): Finnland und Schweden haben zwar Studierquoten von 72 bzw. 69 Prozent, beim BIP pro Kopf rangieren sie aber nur im Mittelbereich. Großbritannien, Italien und Spanien haben eine deutlich höhere Studierquote als Deutschland, gleichwohl aber ein zum Teil erheblich niedrigeres BIP pro Kopf. Zugleich haben Deutschland, Österreich und die Schweiz neben Belgien die niedrigsten Studierquoten, parallel dazu aber ordentlich bis sehr gute Daten beim BIP pro Kopf. Auch die PISA-Werte mehrerer Länder stehen in keinerlei Zusammenhang mit den Wirtschaftsdaten (siehe insbesondere Luxemburg!).

Beobachtung 2 (siehe Tab. 2): Bundesländer mit hoher Studierquote haben keineswegs die günstigsten Werte beim BIP pro Kopf. Bei dieser Betrachtung müssen die Ost-Länder und die Stadtstaaten aus unterschiedlichen Gründen zwar außen vor bleiben: die Ost-Länder aus den hinreichend bekannten Gründen; die Stadtstaaten, weil es in großen Städten wegen der dort konzentrierten Dienstleistungen und Industriebranchen sowie wegen der Einpendler zu Verdichtungsphänomenen kommt. Wie sehr sich freilich auch die Werte der Stadtstaaten relativieren, zeigt sich, wenn man Hamburg als dem Spitzenreiter unter den Bundesländern beim BIP pro Kopf München gegenüberstellt: München hatte im Jahr 2002 ein BIP pro Kopf von 53.800 EURO und damit fast ein Viertel mehr als Hamburg.

Beobachtung 3 (siehe Tab. 2 und 3): Die PISA-Werte der Bundesländer sind tendenziell proportional zu den niedrigen Studierquoten und reziprok zu den Wirtschaftsdaten. Das heißt mit Blick auf Bayern: Der Freistaat hat die innerdeutsch besten PISA-Werte, die niedrigste Studierquote und das unter den Flächenländern beste BIP pro Kopf.

Wer im Übrigen wiederkehrend meint, Deutschland müsse sich in Sachen Akademikerquote an den USA orientieren, der unterliegt der Illusion, diese erhöhte Akademisierung erfolge in den USA ausschließlich in Universitäten der Marke Harvard, Yale oder Princeton. Weit gefehlt! Diese drei Eliteuniversitäten sind höchst singulär. Die Realität der höchste Akademikerquoten produzierenden US-Hochschulbildung ist eine andere: Das Gros der US-Universitäten entlässt Absolventen, die zum Teil den Standard der beruflichen Schulen in Deutschland nicht erreichen.


Beginnt der Mensch erst beim Abitur?

Überhaupt sollte diese OECD-Studie einmal mehr Anlass sein zu fragen, ob der Mensch in Deutschland erst mit dem Abitur beginnt. Ein Abitur oder ein Hochschulstudium sind nicht Mindeststandard der Zukunft. Vielmehr sollte zu denken geben, dass Länder mit höchsten Abiturienten-Quoten teilweise kaum eine unseren Maßstäben entsprechende berufliche Bildung haben. Wir dürfen außerdem annehmen, dass das, was andere Länder als "Abitur" oder als Studium "verkaufen", in Deutschland vielfach nicht einmal einer Fachschulausbildung entspräche.

Eine Abitur-Vollkasko-Politik bzw. eine Verhochschulung unserer Gesellschaft wird der aktuellen Forderung nach Höherqualifizierung jedenfalls nicht gerecht. Auch in Zukunft werden mindestens zwei Drittel der jungen Menschen über die berufliche Bildung den Einstieg in einen Beruf finden. Deshalb wird es Zeit, die Akademisierungseuphorie zu überwinden und mehr dafür zu tun, dass die berufliche Bildung im öffentlichen Bewusstsein den gleichen Rang bekommt wie der gymnasiale und der akademische Bereich.

Eine forcierte Erhöhung der Studierquote hilft niemandem. Würde schier inflationär die Abitur-Notenpresse angeleiert, würden unsere Hochschulen noch mehr aus den Nähten platzen. Vor allem aber müssten die Ansprüche gesenkt werden, denn schließlich brechen jetzt schon rund 25 Prozent der universitären Studienanfänger ihr Studium ab. In vielen Fällen tun sie dies, weil sie einfach überfordert sind. In den Sozial-, Sprach- und Kulturwissenschaften sind es sogar über 40 Prozent, in der Informatik, der Geographie, dem Bauwesen und den Wirtschaftswissenschaften immerhin auch über 30 Prozent, die ihr Studium nicht beenden. Es sei auch nicht vergessen, dass die Arbeitslosigkeit unter Akademikern in Deutschland (hier: Absolventen von Universitäten und Fachhochschulen) zwar niedriger ist als die auf dem gesamten Arbeitsmarkt, dass sie aber dennoch vorhanden ist und zuletzt im Jahr 2002 mit einer Arbeitslosenquote von 5,7 Prozent immerhin 223.600 Akademiker betraf.


Berufliche Bildung - Waisenkind der Politik und der Publizistik

Die OECD-Statistiker und ihre Promoter zeichnen sich jedenfalls vor allem durch ihre Ahnungslosigkeit aus, mit der sie über die berufliche Bildung in Deutschland hinweggehen. Das gilt auch für den Koordinator der OECD-Studie, den Deutschen Andreas Schleicher. Allerdings ist die gesamte politische und publizistische, auch die wissenschaftliche Diskussion um Schule in Deutschland extrem kopflastig, das heißt, sie ist verkopft im Sinne einer monomanischen Ausrichtung auf alles, was mit Gymnasium, Abitur und Studium zu tun hat. Diese verengte Sichtweise hat vermutlich zwei Gründe: Erstens haben die maßgeblichen Politiker, Journalisten und Bildungswissenschaftler zum allergrößten Teil selbst eine Biographie, die sie über das Gymnasium und ein Studium in ihre spätere Tätigkeit führte; ihre eigenen Kinder treten diesbezüglich in ihre Fußstapfen, und auch in ihrem Bekanntenkreis haben sie in der Regel mit Leuten ähnlicher Biographie zu tun. Zweitens fehlt es den betreffenden Damen und Herren zumeist an differenziertem Wissen über die Bildungsbereiche außerhalb von Gymnasium und Studium und auch an der Bereitschaft, etwas gegen dieses Defizit zu tun. Die Bildungsstationen Gymnasium und Hochschule sind ja vergleichsweise überschaubar im Vergleich mit dem hoch komplexen und hoch differenzierten System der beruflichen Bildung.

Es kommt hinzu, dass noch jeder vergangene Zukunftsminister oder jede amtierende Bundesbildungsministerin meint, für eine Steigerung der Abiturientenquote und der Akademikerquote trommeln zu müssen. Der alte Georg Picht feiert offenbar seine Wiedergeburt mit seinem 1963 ausgesprochenen Diktum: „Wir brauchen mehr Abiturienten, auch wenn wir sie nicht brauchen.“ Gekleidet wird diese Forderung heute - wie damals - gerne in internationale Vergleichszahlen. Motto: Wenn die Amerikaner und die Finnen eine hohe Akademikerquote haben, dann braucht es uns nicht zu wundern, wenn wir abgehängt werden. Aber selbst dieses vermeintliche Argument ist nichts anderes als Symptom der Schieflage deutscher Bildungspolitik. Sie ist schier planwirtschaftlich auf Quantitäten, ja Quoten, statt auf Qualität fixiert. Sonst hätte sie endlich zur Kenntnis genommen, dass „Akademiker“ im internationalen Vergleich eben nicht „Akademiker“ ist. Beispiel: Die deutsche Krankenschwester oder Erzieherin ist sicher nicht schlechter qualifiziert als ihre Kollegin andernorts, aber andernorts (z.B. in Finnland und in den USA) gilt ihre Ausbildung jeweils als Hochschulausbildung und sie damit als „Akademikerin“.

Dass Deutschland ein sehr leistungsfähiges Berufsbildungssystem hat, bleibt damit weitgehend unbeachtet. Dabei wären viele Länder - nicht nur der zweiten und dritten Welt - froh, über Vergleichbares zu verfügen. Wenn der deutsche Wirtschaftsmotor derzeit stottert, dann hat das wenig mit dem Qualifikationssystem zu tun. Schließlich war und ist die berufliche Qualifikation von Millionen Beschäftigten eine maßgebliche Stütze des Exportweltmeisters Deutschland. Andere Länder kennen nur die totale Verschulung der beruflichen Bildung; oder sie machen den Berufseinstieg über ein bloßes „training on the job“. In Deutschland dagegen nehmen nach wie vor 70 Prozent der jungen Menschen ihren Weg in den Beruf über die berufliche Bildung im Dualen System oder im beruflichen Vollzeitschulwesen. Neben den betrieblichen Ausbildungsstätten tragen die Verantwortung hier vor allem die mehr als 8.000 berufsbildenden Schulen in Deutschland mit ihren rund 80.000 Lehrern.

Die nach wie vor mangelnde Bereitschaft, berufliche Bildung wahrzunehmen oder gar engagiert anzupacken, verwundert um so mehr, haben doch gerade die Deutschen hier eine lange Tradition. Deutschland – das ist nicht nur das Land der Dichter und Denker, sondern auch das Land der großen Pädagogen, auch der großen Berufspädagogen. Aber im Endeffekt besetzt immer wieder der deutsche Bildungsidealismus die Köpfe. Das Nützliche galt einem Schiller, Humboldt, Schleiermacher als etwas Verwerfliches, ja geradezu als das Gegenteil von Bildung. Beruf und Bildung, so meinte man, würden sich gegenseitig ausschließen wie Enge und Weite. Dagegen vermochte nicht einmal ein Kerschensteiner etwas auszurichten, selbst wenn er Goethes Wilhelm Meister im Jahr 1917 leidenschaftlich in einer seiner Schriften mit den Worten zitierte: „Narrenpossen sind eure allgemeine Bildung und alle Anstalten dazu. Daß der Mensch etwas ganz entschieden verstehe, vorzüglich leiste, wie nicht leicht ein anderer in der nächsten Umgebung, darauf kommt es an.“

Wie auch immer die Ignoranz der Politik, der Öffentlichkeit und der Wissenschaft gegenüber Fragen der beruflichen Bildung herzuleiten ist: Es ändert nichts an dem gewaltigen Handlungsbedarf, der sich hier aufgestaut hat. Die Politik muss hier endlich einen Zahn zulegen. Dies betrifft zunächst die Novellierung des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) des Bundes. Es betrifft sodann die Beseitigung des fast schon chronischen Lehrermangels an berufsbildenden Schulen. Es betrifft im europäischen Kontext sodann die Frage der Einstufung der deutschen Berufsbildungsabschlüsse in der EU-Skala. Völlig an der deutschen Öffentlichkeit vorbei kündigt sich hier erneut eine Ungleichbehandlung zu Ungunsten der deutschen Absolventen an. Die deutschen Berufsabschlüsse sollen nämlich auf einer ansteigenden 5er-Skala nur auf Rang 2 angesiedelt werden, während die Abschlüsse anderer Länder, bloß weil sie pro forma als Hochschulabschlüsse definiert sind und trotz zum Teil geringeren Qualitätsanspruchs, darüber eingestuft werden. Die Bundesregierung sollte sich hier in Brüssel auf die Hinterbeine stellen und für die deutschen Berufsabschlüsse Rang 3 sowie für Meisterabschlüsse Rang 4 reklamieren.

Nicht das Aufspringen der Deutschen auf den sog. Bologna-Prozess ist entscheidend für den Bildungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland. Hier mögen sich 29 Länder Mitte 2001 noch so euphorisch für die Jahre bis 2010 die Verwirklichung eines einheitlichen europäischen Hochschulraums vorgenommen haben. Die in „Bologna“ enthaltene und für alle Länder zur Nachahmung empfohlene Neustrukturierung des Studiums nach dem zweistufigen angelsächsischen Bachelor-Master-Modell (BA-/MA-Modell) ist für die deutsche Bildungslandschaft absolut schädlich. Sie gebiert einen die Studierstatistik beschönigenden Bachelor, der in mehreren Ländern, in denen er existiert, jetzt schon nicht einmal den Level qualifizierter beruflicher Abschlüsse deutscher Provenienz erreicht.

Was die OECD-Studien schließlich betrifft, so ist ernsthaft zu fragen, ob die Deutschen dieses Vergleichen von Äpfeln und Birnen zukünftig überhaupt noch mitmachen und mitfinanzieren sollen.

Datenquellen: OECD-Studie "Bildung auf einen Blick" 2003, Statistisches Bundesamt, Grund- und Strukturdaten des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, Jahresgutachten 2002/2003 des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung

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