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(DL) - AKTUELL |
Aus der BAYERISCHEN
STAATSZEITUNG vom 24. September 2004
Die OECD und ihre schulpolitischen Ladenhüter
Das Schlechtreden von Schule wird zum Kern des Bildungsproblems
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen
Lehrerverbandes (DL)
„Bildung auf einen Blick“
– so heißt eine mit gut 500 Seiten erneut aufgelegte und in Buchform
49 Euro teure Statistik der OECD, also der Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung. Ob Bildung bzw. das, was OECD-Leute dafür
halten, auf „einen Blick“ erfassbar ist, mag man bezweifeln. So jedoch,
wie die OECD-„Experten“ hingeschaut haben, ist es ein reichlich flüchtiger
Blick.
Vor allem die schier rituelle Art und Weise, wie die OECD erneut Halbwahrheiten
über das deutsche Bildungswesen verbreitet und daraus auch noch weitreichende
Schlüsse zieht, ist skandalös. Jedes Jahr legt die OECD diese
einseitigen Statistiken auf; sie bleibt lernresistent, sonst könnte
sie etwa nicht immer wieder international Zahlen vergleichen, die nicht
vergleichbar sind. Dies betrifft insbesondere die Angaben über Studentenanteile
und Akademikerquoten. In Deutschland gelangen siebzig Prozent der jungen
Leute über eine weltweit anerkannte und hochgeschätzte berufliche
Bildung in den Beruf. Dieses Qualifikationssystem ist unter anderem der
Grund dafür, dass die Quote arbeitsloser Jugendlicher in Deutschland
deutlich niedriger ist als in anderen Ländern. Deren Quote liegt oft
weit, zum Teil um das Zwei- und Dreifache über der Quote in Deutschland.
Das hindert die OECD nicht daran, den Deutschen ein selektives Schulwesen
vorzuhalten und eine dramatische Steigerung der Abiturienten- und Studierquote
zu empfehlen. Die in Deutschland über die duale oder über eine
vollzeitschulische Berufsbildung erworbene Qualifikation braucht den Vergleich
mit einer Hochschulbildung vieler anderer Länder aber nicht zu scheuen.
Während etwa die Ausbildung zur Krankenschwester oder zur Erzieherin
in Deutschland auf dem Weg der Berufsbildung stattfindet, gilt diese Ausbildung
in vielen anderen Ländern als Hochschulausbildung.
Die OECD sollte diese Fakten endlich berücksichtigen und nicht ständig
gebetsmühlenhaft die seit den 80er Jahren längst überholte
Ideologie aufwärmen, als beginne der Mensch erst mit Abitur und Studium.
OECD-Mann Andreas Schleicher meint bei der Vorstellung seiner Statistiken
gleichwohl so tun zu müssen, als sei bei einer „internationalen“ Abiturquote
von 51 Prozent Abitur gleich Abitur und als bilde Deutschland mit
35 Prozent eines Jahrganges zu wenig Abiturienten aus. Und weiter: Ursache
für die angebliche Schwäche des deutschen Schulwesens sei sein
mehrgliedriges Schulsystem, das „im internationalen Diskurs nicht mehr vermittelbar“
sei, so Schleicher. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) greift
all dies begierig auf und verbreitet, in PISA erzielten jene Länder
bessere Ergebnisse, in denen alle Schüler mindestens acht oder neun
Jahre Gesamtschule hätten. NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück
(SPD) gefällt sich ebenfalls in einer Attacke gegen das gegliederte
Schulwesen; er hält dem Gymnasium (wohlgemerkt des Jahres 2004) gar
„wilhelminischen Stil“ vor. Für Thüringens SPD-Chef Christoph
Matschie ist das gegliederte Schulsystem ein Relikt der mittelalterlichen
Ständeordnung; er verrennt sich sogar in die Nostalgie, dass man außer
von Skandinavien von der Einheitsschule der DDR lernen könne.
Ein kafkaeskes Kartell, was sich da zusammentut! Wer aber aus den endlosen
OECD-Zahlenkolonnen die Forderung nach Abschaffung des gegliederten Schulsystems
ableitet, fällt in die Ideologie der 70er Jahre zurück, der will
ein Geschäft mit Ladenhütern machen. Statt dessen sollte man endlich
die innerdeutsche PISA-Studie des Jahres 2002 zur Kenntnis nehmen; dort
schneiden gerade diejenigen deutschen Länder am besten ab, die das
gegliederte, differenzierte Schulsystem am ausgeprägtesten haben, nämlich
Baden-Württemberg und Bayern. Diese beiden können auch mit vielgerühmten
Ländern wie Schweden mithalten. Die Gesamtschule dagegen hat in Deutschland
pädagogisch versagt, wiewohl sie personell und sächlich um rund
30 Prozent besser ausgestattet war und ist als Hauptschule, Realschule und
Gymnasium zusammen. Dieses Versagen bestätigen unzählige Studien,
zuletzt beispielsweise die Studie „Bildungsverläufe und psychosoziale
Entwicklung im Jugendalter“ (BIJU) des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung
in Berlin: NRW-Gesamtschüler etwa liegen hier am Ende der 10. Klasse
rund zwei Jahre hinter NRW-Realschülern. Sodann sollte man endlich
wahrnehmen, dass deutsche Bundesländer mit weitgehend vereinheitlichten
Schulsystemen in der internationalen Rangskala ganz weit hinten liegen.
Das gilt im besonderen für das deutsche PISA-Schlusslicht Bremen, das
sich auf der internationalen PISA-Skala zwischen Brasilien und Mexiko wiederfindet.
Beide übrigens Gesamtschulländer!
Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU) meinte denn auch, Herr Schleicher
müsse sich fragen lassen, für welche Fachkompetenz er eigentlich
bezahlt werde. Dem Vernehmen nach und ganz ins Bild passend werden Schleicher
in Kreisen der KMK Ambitionen auf einen Posten als Staatssekretär nachgesagt.
Als willkommener Stichwortgeber jedenfalls hat er sich bewährt. Brandenburgs
Schulminister Steffen Reiche (SPD) gibt denn auch zu, von dem OECD-Mann
zur jüngsten OECD-Statistik ein Wort zur „frühen Auslese“ im deutschen
Schulsystem erbeten zu haben. Oder liegt womöglich die „Frankfurter
Allgemeine“ richtig, die Schleicher jüngst abwechselnd einen „Miesmacher“
und „selbsternannten Superminister“ nennt und dessen Ausfälle gegen
das deutsche Schulwesen in Zusammenhang bringt mit der Zurückweisung
des damals zehnjährigen Andreas Schleicher durch ein Gymnasium in Hamburg.
Jürgen Baumert, der führende Wissenschaftler und Koordinator der
PISA-Studien der Jahre 2000 bis 2002 hält jedenfalls fest: Die OECD-Daten
seien zum einen überholt, und zum zweiten untermauerten sie ebenso wenig
wie die PISA-Studie die Forderung nach einem Gesamtschulwesen.
Gleichwohl wird weiter an der rot-grünen Legende um die Einheits-,
Gesamt- und Gemeinschaftsschule gestrickt. Und erneut muss Finnland dafür
herhalten – ohne Rücksicht auf so manche Unstimmigkeit. So heißt
es in internationalen Vergleichstudien im Zusammenhang mit PISA einmal, die
Finnen gäben für ihr Bildungswesen in der Relation - also gemessen
am Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) – mit 7,8 Prozent
BIP-Anteil fast die Hälfte mehr aus als die Deutschen (5,6 Prozent);
diesmal aber heißt es bei der OECD, die Finnen lägen im unteren
Drittel mit Bildungsausgaben pro Schüler von rund 4.800 US-Dollar nur
knapp vor den Deutschen mit deren rund 4.400 US-Dollar pro Schüler. Oder:
Niemand will registrieren, was die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Frühsommer
2004 in einer Studie veröffentlichte: Von dort wurde nämlich im
Rahmen einer Studie über das Gesundheitsverhalten Elf- bis Fünfzehnjähriger
in 31 Ländern Nordamerikas und Europas auch die Freude der jungen Leute
an ihrer Schule untersucht. Und siehe da, Finnland liegt hier an hinterster
Stelle: Nur acht Prozent etwa der Elfjährigen gefiel es in den finnischen
Schulen „sehr gut“, der europäische Durchschnitt lag bei 30 Prozent.
Finnische Schulräume und Schulhöfe seien wenig attraktiv, die Bibliotheken
selten geöffnet, und Schüler glaubten, sie hätten wenig Einfluss
auf das Schulgeschehen.
Was für den OECD-Band „Bildung auf einen Blick“ gilt, gilt auch für
den OECD-Band „Attracting, Developing and Retaining Effective Teachers“,
der nun nach wenigen Tagen folgte und einmal mehr so tat, als seien die deutschen
Lehrer zu alt und zu sehr gehandikapt durch den Beamtenstatus. Auch hier
muss man sich auf Details eigentlich gar nicht einlassen, denn auch diese
sog. Studie der OECD ist in hohem Maße unseriös; allein schon
die Datenerhebung kam in wissenschaftlich untragbarer Weise zustande: Das
internationale Expertenteam zur Begutachtung der deutschen Lehrerschaft bestand
hier aus einem Spanier, einem Ungarn, einem Schweden und einem Engländer
– vier Leuten also, die in ihren Herkunftsländern nur einheitliche Schulsysteme
kennen. Das Team hat zudem von 42.000 deutschen Schulen in gerade eben zehn
Schultagen ganze acht Schulen in vier von sechzehn Bundesländern (Hamburg,
Brandenburg, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen) besucht. Das
Team hat darüber hinaus bereits im September 2003 bei Round-Table-Befragungen
deutscher Experten den Eindruck vermittelt, dass es die Vielfalt des deutschen
Bildungswesens weder durchschauen könne noch durchschauen wolle. Die
Art und Weise, wie das deutsche Schulwesen zudem bereits im Dezember 2003
vorab und öffentlich abgekanzelt werde (deutsche Schüler und Lehrer
als „Marionetten“), hat mit Wissenschaft nichts mehr zu tun.
Ungutes Resümee: Nachdem wir in den vergangenen drei Jahren in Deutschland
mit in der Summe mittlerweile weit über dreitausend Seiten an so genannten
Bildungsgutachten zugeschüttet worden sind, ist der hauptsächliche
Effekt solcher inszenierten Horrormeldungen, dass man sie nicht mehr ernst
nimmt. Das dämpft auch dort die Reformbereitschaft, wo sie notwendig
wäre. Generell aber ist in Deutschland jetzt ein Zustand erreicht,
wo das Schlechtreden von Schule und Lehrerberuf zum Kern des Bildungsproblems
wurde.
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