DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

  Aus "Die Tagespost" vom 8. September 2010

Das Bildungswesen nicht verstanden

Die OECD heizt erneut ein Wettrüsten um die Studierquoten an

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat soeben ihren Bericht „Bildung auf einen Blick“ für Deutschland vorgelegt. Auf 530 Seiten – nachzulesen für 69 Euro in der Printausgabe – werden Deutschland dort wieder diverse Spiegel vorgehalten und Ratschläge erteilt. Dieses Ritual wiederholt sich jedes Jahr im Spätsommer. Das zentrale Ergebnis all dieser OECD-„Blicke“ auf Deutschland lautet nämlich: „Die Deutschen produzieren zu wenig Akademiker.“ Auch wenn diese Aussage durch ständiges Wiederholen nicht richtiger wird, folgt dieser Sichtweise ein erheblicher Teil der deutschen Presse. Munter titeln deshalb viele Zeitungen: „OECD rügt Deutschland“; „Deutschland verliert bei der Bildung Anschluss“; „Deutschland hinkt bei Bildung hinterher“ und ähnliches.

Aber zunächst zu den anderen Kernaussagen der OECD-Studie. Neben dem Generalvorwurf, Deutschland habe zu wenig junge Leute im Studium, finden sich in dem OECD-Band unter anderem folgende Diagnosen und Thesen: Hohe Bildung bringe wirtschaftlich etwas. Die Arbeitslosigkeit von Hochschulabsolventen sei geringer als unter Nicht-Studierten. Hochschulabsolventen bekämen für ihre Arbeit mehr Gehalt, der Staat habe damit qua Steuern ebenfalls mehr Einnahmen.

Ein Abitur „light“ ist kein Attest für Studierfähigkeit

Deutschland habe mit seinem System der beruflichen Bildung günstige Voraussetzungen; in den Abschlusszeugnissen der beruflichen Bildung vermisse man aber die berufsschulischen Leistungen. Außerdem gebe Deutschland zu wenig Geld für Bildung aus. So weit, so gut – so weit, so schlecht Aber das ist Gemeingut.

Überlagert wird all dies freilich erneut von der OECD-Behauptung, Deutschland habe im internationalen Vergleich eine viel zu niedrige Abiturienten- und Studierquote. Das aber ist falsch. Vielmehr sollte zu denken geben, dass Staaten mit höchsten Studierquoten teilweise zugleich die höchsten Quoten arbeitsloser Jugendlicher haben. Man darf außerdem annehmen, dass das, was andere Länder als „Abitur“ oder als „Studium“ deklarieren, in Deutschland nicht einmal einer Fachschulausbildung entspräche. In Finnland und in den USA etwa sind auch Krankenschwestern und Kindergartenerzieherinnen „Akademikerinnen“.

Die OECD scheint das deutsche Bildungswesen also immer noch nicht verstanden zu haben. Sonst würde sie nicht ständig dem Fetisch Studierquote hinterherjagen und ein Wettrüsten um formale Quoten anfeuern. Die OECD begeht also erneut den Fehler, Qualifikation nur an formellen Kriterien festzumachen, zum Beispiel an einem Studium. Deutsche Länder wie Bayern, ferner Österreich und die Schweiz belegen aber eindrucksvoll, dass wirtschaftliche Prosperität keineswegs mit einer hohen Studierquote einhergehen muss. Im Gegenteil: Diese drei Länder haben innerhalb Europas mit die besten Wirtschaftsdaten, die niedrigsten Arbeitslosenquoten und zugleich geringe Studierquoten.

Die Bedingungen für die wirtschaftliche Stärke eines Landes sind außerdem hochkomplex, sie können nicht monokausal auf eine einzige Größe, hier die Studierquote, zurückgeführt werden. Zu den Bedingungen wirtschaftlicher Prosperität gehören schließlich der Reichtum eines Landes an natürlichen Ressourcen, seine Infrastruktur, sein Engagement in Forschung und Entwicklung, seine demographische Struktur, seine Wirtschafts-, Steuer- und Tarifpolitik, die Preisstabilität, das Zinsniveau und anderes mehr.

Alison Wolf, Professorin für Management am Kings College London, schrieb dazu in einem Gastkommentar „Mythos Bildung“ in der Tageszeitung „Die Welt“ vom 16. September 2004 einen interessanten Beitrag. Alle Studien, so Wolf, stimmen darin überein, dass viele der heute von Hochschulabsolventen ausgeübten Berufe keine größeren Anforderungen stellen als in Zeiten, wo Nichtakademiker sie zur vollsten Zufriedenheit ausfüllten. Insofern seien viele Gesellschaften formal „überausgebildet“.

Auch innerdeutsch gibt es keinerlei positiven Zusammenhang zwischen Wirtschaftskraft und Studierberechtigtenquote. Spitzenreiter bei der Studierberechtigtenquote mit jeweils mehr als 50 Prozent sind Nordrhein-Westfalen und das Saarland. Die Stadtstaaten liegen hier zwischen 46 Prozent (Berlin) und 49,6 Prozent (Hamburg). Die niedrigste Studierberechtigtenquote neben Mecklenburg-Vorpommmern (33,4 Prozent) hat Bayern mit 35,2 Prozent. Was Bayern betrifft, wird niemand bezweifeln können, dass dieses Bundesland beste Wirtschaftsdaten und übrigens – ausgewiesen in allen PISA-Studien – beste Schulleistungsergebnisse hat. Von Nordrhein-Westfalen und vom Saarland kann man beides nicht sagen.

Also gilt vielfach: Bei der Studierquote verhalten sich Quantität und Qualität reziprok. Ein Abitur „light“ ist kein Attest für Studierfähigkeit. Eine „Verhochschulung“ unserer Gesellschaft wird der Forderung nach Höherqualifizierung nicht gerecht. Auch in Zukunft werden zwei Drittel der jungen Menschen über die berufliche Bildung den Einstieg in einen Beruf finden. Diese jungen Menschen dürfen nicht als Außenseiter betrachtet und bildungspolitisch vernachlässigt werden.

Arbeitslosigkeit wirkt nicht motivierend zum Studium

Das von der OECD angesagte Wettrüsten um Studierquoten mutet ansonsten schier planwirtschaftlich an. Planwirtschaften wiederum haben es an sich, dass sie ihre Ziele nie wirklich erreichen, für die Öffentlichkeit aber die Bilanzen so hintrimmen, als wären die Ziele erreicht. Diese Vermutung drängt sich auch für Deutschland auf. Wenn sich Bundesbildungsministerin Annette Schavan aktuell rühmt, dass sich die Studierquote in Deutschland von 26 Prozent im Jahr 1995 auf aktuell 43 Prozent erhöht habe, dann muss man fragen, ob erstens die Statistik stimmt oder ob zweitens nicht doch arg inflationär Berechtigungen ausgegeben wurden. Dass fast die Hälfte der jungen Leute in Deutschland fähig seien, ein nach herkömmlichen Maßstäben anspruchsvolles Studium zu absolvieren, mag doch bezweifelt werden.

Eine Abitur-Vollkasko-Politik und eine „Verhochschulung“ unserer Gesellschaft nach der Methode „Bologna“ oder „Bachelor“ helfen nicht weiter. Gut ist dergleichen nur für die Statistik der Quotentreiber. Deshalb wird es Zeit, die Gymnasial- und Akademisierungseuphorie zu überwinden und mehr dafür zu tun, dass die berufliche Bildung im öffentlichen Bewusstsein den gleichen Rang bekommt wie der allgemeinbildende und der akademische Bereich.

Bedenken sollte man bei allen Schwächen im deutschen Bildungswesen, etwa der rund zehn Prozent junger Leute ohne Abschluss, auch, dass der Anteil der Bevölkerung im Alter von 25 bis 64 Jahren mit mindestens einem Abschluss des Sekundarbereichs II (Abitur, Lehrabschluss oder Berufsfachschulabschluss, Fachhochschul- oder Hochschulabschluss) nach wie vor kontinuierlich ansteigt. Er lag 2008 in allen Bundesländern deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 72 Prozent, für Deutschland insgesamt ergab sich ein Wert von 85 Prozent. Und bei aller Akademisierungseuphorie sollte man nicht vergessen, dass es in Deutschland auch Ende 2009 insgesamt 167 000 arbeitslose Akademiker gab. Dabei sind noch nicht einmal die jungen Hochschulabsolventen erfasst, die ohne Stelle sind, als Arbeitsuchende aber nicht in der Arbeitslosenstatistik geführt werden. Wenn junge Menschen sehen, dass selbst Ingenieure und Informatiker arbeitslos sind, kann man sie schwerlich in größerer Zahl zu einem entsprechenden Studium motivieren.


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