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Aus dem
RHEINISCHEN MERKUR vom 15. Juli 2010
SCHULPOLITIK
Das teure Armutszeugnis
Länger gemeinsam
lernen, das ist das Mantra der neuen NRW-Regierung.
Viel Ideologie und keine
Fachkenntnis, kritisiert Lehrerverbandschef Josef Kraus.
In den 1970er- und 1980er-Jahren gehörte
Nordrhein-Westfalen zu den Frontländern der sogenannten Bildungsreform. Dem
gegliederten Schulwesen sollte im Egalisierungswahn der Garaus gemacht werden,
und die Lehrpläne der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer sollten in
ihrer marxistischen Grundierung den berühmt-berüchtigten hessischen Rahmenplänen
in nichts nachstehen. Die Riesenschlappe nach dem erfolgreichen Bürgerbegehren
von 1978 gegen die Kooperative Gesamtschule („Koop“) und einige besonnene
SPD-Schulminister sorgten später dafür, dass NRW bildungsideologisch zeitweise
aus den Schlagzeilen verschwand.
Im Jahr 2010 ist das Bundesland drauf
und dran, schulpolitisch an seine unrühmliche Vergangenheit anzuknüpfen. Wenn es
nach dem Willen der rot-grünen Minderheitskoalition geht, soll die
Grundschulzeit von vier auf sechs Jahre verlängert werden. Außerdem soll binnen
fünf Jahren „mindestens“ ein Drittel der Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien
(in der Summe sind dies 700 Schulen) in Gemeinschaftsschulen umgewandelt werden.
Die Minderheitsregierung wird dabei vermutlich auf die Unterstützung der
Linksfraktion rechnen können.
Begründet wird das Paket mit der Zukunftsfähigkeit
des Landes und selbstredend mit einem Zugewinn an Bildungsgerechtigkeit. Was
sich harmlos liest, wird aber einen Schul- und Kulturkampf ohnegleichen
anzetteln. Wenn die Presse in den letzten Tagen von einem NRW-„Reförmchen“ oder
allenfalls von einem „Schulkampf light“ schreibt, dann ermisst sie die Tragweite
der rot-(rot)-grünen Absichten nicht. Viel zu selten wird auch deutlich, dass
ein neues, rot-grün regiertes NRW schulpolitische Modelle zu reanimieren
versucht, die immer und immer wieder gescheitert sind.
Die Frage nach der sinnvollen Dauer der Grundschule
ist längst eindeutig beantwortet: In der vierten Grundschulklasse ist die
Eignung eines Kindes für eine weiterführende Schulform und – umgekehrt – die
Eignung einer Schulform für die Förderansprüche eines Kindes solide
einschätzbar. Diese Einschätzung gelingt zu keinem späteren Zeitpunkt besser –
schon gar nicht, wenn sich die Heranwachsenden in den Verwerfungen der
Vorpubertät befinden. Mehr noch: Ein um zwei Schuljahre verzögerter Übertritt
provoziert eine erhebliche Unterforderung Gymnasialgeeigneter in den
Jahrgangsstufen fünf und sechs sowie eine erhebliche Überforderung der für ein
Gymnasium nicht Geeigneten; damit leiden die Schulleistungen aller Schüler, wenn
zu spät differenziert wird.
Diese Nachteile sind seit vier Jahrzehnten bekannt.
Alle namhaften Studien sagen eindeutig aus: Sechsjährige Grundschule bringt
nichts. Länder wie Berlin und Brandenburg mit einer sechsjährigen Grundschule
gehören zu den innerdeutschen Pisa-Verlierern. 1970 bereits hatte das
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) festgestellt: „Bei einem
Vergleich der Schulleistungen in Mathematik, Englisch und Deutsch zeigten sich
hier beträchtliche Leistungsnachteile bei den Kindern, die eine sechsjährige
Grundschule besucht hatten, im Unterschied zu den Übergängen nach Klasse vier.“
Diese Urteile setzten sich fort. Peter Roeders
(MPIB, Berlin) Fazit lautet 1997: „Die Leistungen nach sechsjähriger Grundschule
liegen erheblich unter denen von Schülern, die den Wechsel aufs Gymnasium
bereits nach der vierten Grundschulklasse vollzogen haben. Für Englisch und
Mathematik beträgt der Unterschied etwa eine Standardabweichung“, also mehr als
ein Schuljahr. Kurt Heller von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität
stellt seit 1999 regelmäßig fest: „Eine Verlängerung der vierjährigen
Grundschule würde keine erkennbaren Vorteile, wohl aber mit Sicherheit Nachteile
für viele Grundschüler mit sich bringen. Diese betreffen nicht nur
Leistungsaspekte, sondern tangieren die gesamte Persönlichkeitsentwicklung.“
Die soziale Schere öffnet sich
Kaum anders die
„Element-Studie“ von Rainer Lehmann vom April 2008. Danach beträgt der Rückstand
im Vergleich mit Schülern, die nach der vierten Klasse in eine weiterführende
Schule gehen können am Ende der sechsten Grundschulklasse im Lesen eineinhalb
Jahre, in Mathematik und Englisch zwei Jahre. Zwei Extrajahre Grundschule
bringen zudem keinerlei Abbau sozialer Disparitäten. Die soziale Schere öffnet
sich sogar noch weiter. Selbst der Lehmann-Kritiker Jürgen Baumert – der
vormalige „Pisa-Papst“ – räumte zuletzt in mehreren Interviews ein: Es gibt
keine belastbare Studie, die bestätigen könne, dass ein längeres gemeinsames
Lernen sinnvoll sei.
Festzuhalten ist zudem: Eine verspätete
Differenzierung ist und bleibt ungerecht gegenüber begabten Kindern aus
sogenannten bildungsfernen Schichten. Während Eltern bildungsnaher Schichten
ihre Kinder bei einem späteren Übertritt an eine weiterführende Schule privat
fördern können, bleibt ihren Alterskollegen aus bildungsfernen Elternhäusern die
individuelle schulische Förderung, die sie in einer für sie passenden Schule
bereits in der fünften und sechsten Klasse erfahren könnten, versagt.
Nun soll in NRW an die verlängerte Grundschule zudem
eine Gemeinschaftsschule anschließen. Eine Schule dieser Art, die Gesamtschule,
hat in Deutschland Jahrzehnte durchschlagender Erfolglosigkeit hinter sich.
Die Empirie ist eindeutig. Bereits Untersuchungen
der 1970er- und 1980er-Jahre (Helmut Fend, Aloysius Regenbrecht, Kurt Aurin,
Heinrich Wottawa) haben gezeigt: Gesamtschule ist weit davon entfernt, einem
Vergleich mit dem gegliederten Schulsystem standhalten zu können. Regenbrecht
etwa stellte fest, „dass im Jahr 1980 an den niedersächsischen Gesamtschulen 20
Prozent mehr weiterführende Abschlüsse als im gegliederten Schulwesen vergeben
wurden, obwohl die Leistungsergebnisse insgesamt hinter den Leistungen der
Schüler des gegliederten Schulwesens zurückblieben“. Das heißt: Die
Abschlussquoten der Gesamtschulen mögen schön aussehen, werden aber quasi
planwirtschaftlich mittels Senkung des Anspruchsniveaus hochgetrimmt. Dabei
kostete Gesamtschule um bis zu 30 Prozent mehr. Das sagte Anfang der
1990er-Jahre ein vom NRW-Kultusministerium in Auftrag gegebenes Gutachten der
Unternehmensberatung Kienbaum. Die Gesamtschule ist kaum über den Status einer
teuren Luxus-Hauptschule hinausgekommen.
Gesamtschule war auch später weit davon entfernt,
einem Vergleich mit dem gegliederten Schulsystem standhalten zu können. Die
Befunde, dass Gesamtschüler bei weitem nicht das leisten, was Realschüler und
Gymnasiasten leisten, bekamen seit 1996 durch die Studie „Bildungsverläufe und
psychosoziale Entwicklung im Jugendalter“ (BIJU) des Max-Planck-Instituts für
Bildungsforschung besondere Brisanz. Für NRW wurde festgehalten: Am Ende der
zehnten Klasse liegen Gesamtschüler leistungsmäßig im Vergleich mit Realschülern
um zwei, im Vergleich mit Gymnasiasten um mehr als zwei Jahre zurück – und das
trotz einer Schülerklientel der Gesamtschule, die sich von der Schülerklientel
der Realschule weder hinsichtlich sozialer Herkunft noch hinsichtlich
intellektueller Fähigkeiten unterscheidet.
Faktum ist ferner: Deutschland liegt bei Pisa 2006
(die Ergebnisse von Pisa 2009 sind noch nicht bekannt) mit 516 Punkten
international auf Platz acht und damit keineswegs auf einem schlechten Platz. Es
liegt deutlich vor Gesamtschul-Pilgerländern, nämlich acht Plätze vor Schweden
(503 Punkte) und zehn Plätze vor Dänemark (496 Punkte). Die deutsche
Gesamtschule rangiert mit 477 Punkten 48 Punkte (also gut ein Schuljahr) hinter
der Realschule (525) und mit 121 Punkten (entsprechend drei Schuljahren) weit
hinter den Gymnasien (598). Zudem sind Sachsen und Bayern eben ohne
Gesamtschulen die einzigen deutschen Länder, die bei Pisa ganz nahe an den
Pisa-Sieger Finnland herankommen.
Eine Langzeitstudie von Helmut Fend hat zudem 2008
nachgewiesen: Der Besuch einer Gesamtschule schafft keineswegs verbesserte
soziale Aufstiegsmöglichkeiten. Basis dieser Untersuchung mit dem Titel „LifE“
(Lebensverläufe Kindheit ins frühe Erwachsenenalter) war die Analyse der
Lebensläufe von 1527 Personen vom zwölften bis zum 35. Lebensjahr im Großraum
Frankfurt. Zentrales Ergebnis ist: Die soziale Selektivität bei den
verschiedenen Stufen des Bildungs- und Berufsweges wird weder durch Förderstufen
(eine Art verlängerte Grundschule) noch durch Gesamtschulen reduziert, wiewohl
diese Schulformen diesen Anspruch seit Jahrzehnten erheben.
Popper schüttelt den Kopf
Solche Erkenntnisse
werden von Gesamtschulpropheten großzügig weggewischt – außer es geht um den
eigenen privaten Bereich. Dann nämlich schicken Gesamtschulpolitiker ihre
eigenen Kinder nicht an Gesamtschulen, sondern an Schulen des gegliederten
Schulsystems, oft an private Gymnasien. Weggewischt wird gerne auch, dass
Einheitsschule in den USA, in Großbritannien, in Frankreich oder in Japan nicht
einmal Mittelmaß produziert und dass sich dort als Folge der Einheitsbeschulung
ein sozial hochselektives Privatschulsystem etablierte.
Der größte Skandal freilich bleibt: Hier wird einer
Institution seit Jahrzehnten nachgewiesen, dass sie wenig leistet und dieses
weit überteuert. Trotzdem sind die Akteure unbelehrbar. Immer wieder neu
arbeiten sie an der Reanimation dieses schulpolitischen Dinosauriers. Friedrich
Nietzsche hätte solche geplante Realitätsverweigerung nordrhein-westfälischer
Provenienz verächtlich abgetan mit den Worten: „Denn so ist der Mensch! Ein
Glaubenssatz könnte ihm tausendfach widerlegt sein – gesetzt, er hätte ihn
nötig, so würde er ihn immer wieder für wahr halten.“ Für Karl Popper wäre
aktuelle rot-grüne NRW-Schulpolitik wider alle Empirie ein orakelnder und
moralisierender Irrationalismus. So ist der Mensch aber nun einmal, auch als
Politiker: Was der Bauch nicht will, lässt der Kopf nicht rein.
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