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Gastbeitrag aus der "Frankfurter Rundschau"
vom 16. Juli 2004
Keine Not mit
den Noten!
Sitzenbleiben ist kein Drama, wenn nicht eines daraus gemacht
wird. Noten und Zeugnisse sind kein Persönlichkeitsurteil.
Aber sie sind notwendig, wichtig und ohne vernünftige Alternative.
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Alljährlich im Frühsommer werden an Deutschlands 42 000 Schulen
rund zwölf Millionen Jahreszeugnisse ausgegeben. Und alljährlich
setzen mit den Zeugnisterminen stets - vermeintlich - neue Debatten um
die Noten und um das so genannte Durchfallen, das heißt das Wiederholen
eines Schuljahres, ein. Diese Debatten wirken oft genug reichlich aufgesetzt
und schlagzeilenhungrig, denn gerade Politiker, die sich hier zu Wort melden,
kümmern sich dann wieder ein ganzes Jahr lang nicht darum.
Festzuhalten ist: Das Gros der Schüler und Eltern hat keinerlei
Probleme mit den Zeugnissen. Und selbst Schüler mit schwächeren
Leistungen zeigen ihr Zeugnis oft genug wie eine Trophäe herum. Auch
sehen die allermeisten Eltern in den Ziffernzeugnissen ganz nüchtern
nichts anderes als eine transparente Bilanz dessen, was die Sprösslein
ein Jahr lang geleistet oder nicht geleistet haben.
Die vielfach proklamierten Alternativen zu Ziffernzeugnissen sind
keine echten Alternativen, denn entweder sind es geschönte Verbalgutachten,
oder sie sind in einer Sprache gehalten, die Eltern und Schüler postwendend
zur Frage an die Lehrer veranlassen: Welche Note wäre das denn jetzt?
Ansonsten hat ein Vierteljahrhundert pädagogischer Forschung um schulische
Leistungsbewertung Zeugnisse und Noten nicht überflüssig gemacht.
Es gibt dazu zwar international mehr als tausend Abhandlungen, vielerlei
Modellversuche und eine unüberschaubare Zahl an Pilotprojekten. Aber
die für den Laien und auch für die Schulpolitik in schier undurchdringbarem
Fachchinesisch geführte Diskussion um "Rasterzeugnisse", "Bausteinzeugnisse",
"Berichtszeugnisse", "Briefzeugnisse", "zuwachsorientierte Leistungstests",
"relative Notengebung" und dergleichen mehr - diese Diskussion konnte nicht
verbergen, dass all dies oft nur Zeugnisattrappen sind.
Man sollte nicht vergessen: Jede einzelne Leistungserhebung während
des Schuljahres ist mit endlos vielen Korrekturzeichen und mit vielen Verbesserungsvorschlägen
versehen, so dass daran während des ganzen Jahres der individuelle
Förder- bzw. Nachholbedarf erkennbar wird. Nur werden daraus nicht
immer die Konsequenzen gezogen. Eigentlich aber dürfte es keinen Vater
und keine Mutter überraschen, was im Jahreszeugnis der Töchter
und Söhne steht. Man müsste nur ehrlich sein und sich kontinuierlich
um die Schullaufbahn des eigenen Nachwuchses kümmern.
Auch für das "Durchfallen", also die verweigerte Versetzung
in die nächsthöhere Jahrgangsstufe, gilt: Es wird viel Wind um
wenig gemacht. Und man übersieht, dass das Nicht-Versetzen keine
Boshaftigkeit der Schullehrer ist, sondern eine pädagogisch begründete
Entscheidung. Zunächst erschrickt man zwar, wenn man hört: Jedes
Jahr fallen in Deutschland 200 000 Schüler durch. Anders klingt es,
wenn man sagt: Das sind 1,7 Prozent der Schüler. Gewiss ist diese
Quote von Schulform zu Schulform und von Schulstufe zu Schulstufe unterschiedlich.
Am höchsten ist sie mit bis zu fünf Prozent an den Realschulen
und Gymnasien: Dort ist sie aber unter anderem auch deshalb so hoch, weil
sich dort das Pubertätsalter mit all seinen Verwerfungen voll entfaltet.
Gleichwohl hat das Nichterreichen eines Klassenzieles in den meisten
Fällen durchaus seinen Sinn: Zum einen ist es zu Recht eine massive
Aufforderung an alle Beteiligten, über die zukünftig richtige
Schullaufbahn und über zukünftiges Arbeitsverhalten nachzudenken.
Zum zweiten steckt hinter der Nichtversetzung in der Regel ja ein kumuliertes
Wissensdefizit, das sich bei einer Versetzung in die nächste Klasse
nur noch weiter potenzierte. Dagegen ist die Wiederholung einer Klasse eine
Chance zum Nacharbeiten, zur Besinnung und zur Konsolidierung.
Zum Popanz werden Noten und Zeugnisse nur, wenn Eltern, Schüler
oder Lehrer etwas, zum Beispiel ein Persönlichkeitsurteil, hineingeheimnissen,
was Noten und Zeugnisse nicht beinhalten. Zum Popanz werden Noten und Zeugnisse
sodann, wenn Eltern Zuwendung gegen Noten handeln und wenn bereits für
die knapp befriedigende Einzelnote reichlich materielle Belohnung bis
hin zum 50-Euro-Schein "rüberwächst". Bei etwas mehr Gelassenheit
hätten die Kinder auch weniger Nöte mit ihren Erziehern, denn
mit den Noten gehen sie ohnehin viel unbefangener um als die Alten zu Hause,
in den so genannten Erziehungswissenschaften und in der Schulpolitik.
Und noch eines: Für die 700 000 Lehrer in Deutschland
sind Noten und Zeugnisse alles andere als ein Vergnügen; sie kosten
Nerven, und sie kosten sehr viel Zeit - im Unterricht, bei der Korrektur,
beim Errechnen und in den Konferenzen. Manchmal kosten sie auch schlaflose
Nächte. Umgekehrt wissen indes auch Lehrer zu gut, dass Schule keine
Schule ohne Leistungsbilanzen sein kann, sonst befände sich Schule
in einem Elfenbeinturm - und das inmitten einer Leistungsgesellschaft.
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